Spalte rechts
Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 21. November 2003
Ohne
Blocher?
Angenommen, die SVP
deren Anspruch auf einen zweiten Sitz im Bundesrat inzwischen niemand mehr
ernsthaft bestreitet würde nicht Christoph Blocher für den
Bundesrat vorschlagen. Angenommen, es würde ein anderer Kandidat präsentiert,
der im Blick auf die heutige Bilanz eidgenössischer
Regierungstätigkeit zwar noch immer Überdurchschnittliches anzubieten
hätte, der dem überragenden politischen Format Blochers dennoch
nicht gleichkäme: Was würden dann all jene sagen, die angesichts
der Blocher-Kandidatur (gepaart mit der SVP-Ankündigung, in die Opposition
zu gehen, wenn ihm die Wahl verweigert würde) jetzt so lauthals über
«Diktat», über «Nötigung», über «Erpressung»
lamentieren?
Die Frage ist leicht zu
beantworten: Haargenau die gleichen, die heute das tägliche «Diktat-Lamento»
anstimmen, würden im Falle, da Blocher jedes Mitmachen im Bundesrat ablehnen
würde, nicht minder lauthals vor alle erreichbaren Kameras rennen: «Da
sieht man¹s wieder!» würden sie lärmen, «da
sieht man¹s wieder: In den Bundesrat wollen sie zwar. Aber ihre stärkste
Figur scheut die Übernahme von Verantwortung. Typisch SVP! Eine Person
mittlerer Statur schieben sie in die Regierung vor, die stärkste bleibt
aber im Hintergrund. Damit sie aus dem Hintergrund weiter schiessen kann,
notfalls auch gegen Eigene in der Regierung! Typisch SVP halb in der
Regierung, halb in der Opposition, nur nie wirklich in der Verantwortung»
Genau so würde es
tönen! Täglich, stündlich, aus allen Kanälen, aus allen
Zeitungsspalten. Lautstark, schrill, vielstimmig und unablässig repetiert.
Weil offenbar niemand auf das von der SVP schon am Wahlkampfabend vorgelegte,
sorgfältig überlegte Konzept gefasst war, lamentieren jene, die
ausser Lamentieren nichts können, jetzt eben über das angebliche
«Diktat».
Als hätten alle andern
Parteien die Kraft nicht, sich endlich ihrerseits auf die Hinterbeine zu machen
und auch aus ihrer Partei die stärksten Persönlichkeiten für
die Regierungsverantwortung zu nominieren. Damit sie Blocher die Stange zu
halten in der Lage wären. Wäre es nicht ein Segen für unser
Land, wenn anstelle der allenthalben abgerundeten und abgeschliffenen Durchschnittsfiguren
endlich wieder starke Persönlichkeiten in die Regierung Einsitz nähmen?
Das Land nähme wohl kaum Schaden, wenn nicht allein die SVP den oder
die Besten stellen würde. Vielleicht ginge das Zeitalter
betriebsamer Kopflosigkeit an der Spitze des Landes, unter der die Schweiz
schon so lange leidet, dann endlich zu Ende.
Ulrich Schlüer