Nr. 29, 22. November 2002

Mit dem Bergier-Bericht als «Unterrichtsmittel»
Bundesbeamte in der Umerziehung

Von Nationalrat Luzi Stamm, Baden

Das Eidgenössische Personalamt organisierte letzten Monat ein «Kaderforum»,
zu welchem «das Top-Kader der Bundesverwaltung» eingeladen wurde. Diskutiert
wurde, «welche Folgen und Lehren der Bergier-Bericht für die heutige
Bundesverwaltung und ihre oberen Kader bereithält». Als Referenten traten
Prof. Dr. Georg Kreis, Mitglied der Bergier-Kommission, und Bundesarchivar
Christoph Graf auf.

In seiner Zeitschrift «Public Management» (5/2002) berichtete das
Eidgenössische Personalamt über diesen Anlass, wobei zahlreiche Aussagen von
Georg Kreis zitiert wurden (siehe separater Kasten).

Mythos zertrümmert
Zum Schluss wird zusammengefasst: «Der Bergier-Bericht hat staatspolitische
Folgen. ... Die Zertrümmerung des Mythos der Schweiz als Insel der
Widerständigen gegen Hitlers totalitäre Diktatur hat entscheidend zur
Rückeroberung des verloren gegangenen Images beigetragen. Der
Bergier-Bericht sanktioniert und offizialisiert mit dem neuen Bild der
vielfach verflochtenen Schweiz im Zweiten Weltkrieg eine Einsicht, zu der
linke Historiker und Historikerinnen bereits in den 1970er Jahren und
bürgerliche Politiker spätestens mit der verlorenen EWR-Abstimmung am
Chlausentag 1992 gekommen sind. Es ist die Einsicht, dass mit einem
rückwärts gewandten, beschönigenden und unvollständigen Geschichtsbild keine
vorwärts gerichtete Aussenpolitik gemacht werden kann. Der von Volk und
Ständen gewollte und jüngst vollzogene Beitritt der Schweiz zur Uno ist der
bisherige Höhepunkt dieser Kehrtwende zur Öffnung.»

Durchsichtige Masche
Da war doch die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs jahrelang
eingekesselt, in tödlicher Bedrohung, ohne Rohstoffe und ohne Aussicht auf
Hilfe von aussen. Trotzdem schafften es unsere Behörden mit einer ebenso
bewundernswerten wie erfolgreichen Gratwanderung, unser Land unversehrt
durch den Krieg zu steuern. Und da kommt Georg Kreis und spricht ­ wie
üblich bei seinen Auftritten ­ von «business as usual» (d.h. die Schweiz sei
während des Krieges ganz normal ihren Geschäftsinteressen nachgegangen) und
von «keinen Konzessionen», die unser Land damals hätte machen müssen.
Georg Kreis weiss natürlich selbst, welchen Unsinn er da erzählt. Dass er
den damaligen Behörden gar noch Antisemitismus unterschiebt, selbst wenn
deren Politik und Verhalten damals nachgewiesenermassen auch von den
höchsten jüdischen Persönlichkeiten in der Schweiz gestützt wurde, passt ins
Bild.

Bundesbehörden spielen mit
Es ist schlimm genug, dass es Georg Kreis als starkem Mann der
Bergier-Kommission gelungen ist, diese seine Ideologie auch in den
Bergier-Bericht einfliessen zu lassen. Aber wie kommt eine Bundesstelle
dazu, in ihrer Zeitschrift mit einer Auflage von 10 000 Exemplaren die
Aussagen von Georg Kreis in solch positiver Art und Weise darzustellen und
weiterzuverbreiten? Was hat das Eidgenössische Personalamt überhaupt
bewogen, den höchsten Bundesbeamten auf Kosten des Steuerzahlers in einem
solchen Kaderforum beizubringen, welche «Lehren aus dem Bergier-Bericht zu
ziehen» seien? Eine solche «Kader-Erziehung» ist ein Schlag ins Gesicht der
damaligen Behörden und der gesamten Kriegsgeneration, die damals trotz
hoffnungslos scheinender Lage den Mut aufbrachte, gegen Hilter-Deutschland
Front zu machen.
Bei näherem Hinsehen ist der oben zitierte Text entlarvend. Offen wird hier
zugegeben, worum es wirklich geht. Im Zentrum steht die «Kehrtwende zur
Öffnung» (unter welchem Format der Bund das Ziel des EU-Beitritts verfolgt).
Offen wird zugegeben, dass mit dem bisherigen Geschichtsbild des Zweiten
Weltkriegs keine «vorwärts gerichtete Aussenpolitik» gemacht werden könne.
Zwangsläufig muss folglich das Geschichtsbild korrigiert werden: Der
(angebliche) Mythos muss «zertrümmert» werden, wonach die Schweizer gegen
Hitler-Deutschland Widerstand geleistet hätten.
Damit wird auch verständlicher, was die Aussage der Bergier-Kommission auf
Seite 548 ihres Schlussberichts bedeutet: «Aufgabe der Kommission war es,
hinter den Legenden die Wirklichkeit zu finden». Das ist natürlich Unsinn.
Die Kommission hat nie einen Auftrag erhalten, «Legenden» zu beseitigen.
Hingegen zeigt diese Formulierung, was wohl von allem Anfang an mit dem
Bergier-Bericht bezweckt wurde: Die Tatsache, dass damals die erdrückende
Mehrheit der Schweizer Bevölkerung tiefe Abscheu gegen Hitler-Deutschland
hegte und zum Widerstand bis zum Letzten bereit war, sollte als «Legende»
und als «Mythos» widerlegt und durch eine neue «Wirklichkeit» ersetzt
werden.
Klarer als Georg Kreis hätte man die Absicht kaum formulieren können. Nur am
Rande sei erwähnt, dass es von kaum überbietbarem Zynismus ist, zu sagen,
die Zertrümmerung des positiven Mythos der Schweiz ­ das heisst das
«In-den-Dreck-Ziehen» unseres Landes, wie wir es seit 1996 erleben ­ habe
«entscheidend zur Rückeroberung des verloren geglaubten Images (der Schweiz)
beigetragen».

«Kehrtwende zur Öffnung»?

Es geht an dieser Stelle überhaupt nicht um die Frage, ob der Uno-Beitritt
sinnvoll war (der Beitritt ist nunmehr Tatsache, folglich muss man das Beste
daraus machen). Ebenso steht hier nicht zur Diskussion, ob ein EU-Beitritt
wünschbar sei oder nicht. Es geht hier nur darum, dass bei diesem
entlarvenden Artikel in der vom Bund herausgegebenen, den Steuerzahler
belastenden Zeitschrift «Public Management» glasklar sichtbar wird, wie der
Bergier-Bericht zu Manipulationszwecken eingesetzt wird. Er dient nicht der
Wahrheitssuche, er wird vielmehr als ideologisches Instrument eingesetzt.
Hier wird Schwarz auf Weiss zugegeben, dass der Bergier-Bericht dazu
gebraucht wird, dem (angeblich uneinsichtigen) Volk die «Einsicht»
einzuhämmern, «zu der linke Historiker schon seit den 1970er-Jahren gelangt
sind». Durch ein «Umschreiben der Geschichte» wird die Gegenwart
manipuliert.
Da wird das uralte Spiel gespielt, die Vergangenheit zu instrumentalisieren,
um die Gegenwartspolitik zu steuern. Ziel ist es, das positive
Selbstverständnis der Schweiz als direktdemokratisches, neutrales und
unabhängiges Land zu «zertrümmern», um die von einer «Elite» gewünschte
«Kehrtwende zur Öffnung» (im Klartext zum EU-Beitritt) schliesslich
durchzudrücken.
Im hier zitierten Beispiel geht es um einen «Informations»-Anlass und eine
Zeitschrift ­ beides ist von der Bundesverwaltung inszeniert. Damit stellt
sich einmal mehr die beklemmende Frage: Sind es die Leute um Georg Kreis
oder die Leute im Bundeshaus, die sich zum Ziel gesetzt haben, die
Schweizerinnen und Schweizer umzuerziehen, um der Schweiz ein «neues
Geschichtsbild» zu verpassen?

Luzi Stamm, Nationalrat