Nr. 29, 14. Dezember 2001
Erpressung einer Nation
Eidgenossenschaft in Bedrängnis
Aus dem neuen Buch von Angelo M. Codevilla
Endlich ist sie erschienen, die deutsche Übersetzung des Buchs «Between the Alps and a hard place», mit dem der amerikanische Politologe Angelo M. Codevilla eine aufsehenerregende Analyse der Situation der Schweiz im Zweiten Weltkrieg veröffentlicht hat. Der Autor analy- siert sorgfältig die schwierige Situation der Schweiz als von den Achsenmächten 19401944 vollständig umzingeltes Land.
Codevilla erläutert und verteidigt die damalige Politik der Schweiz und übt massive Kritik an amerikani- schen Interessengruppen sowie an der US-Regierung, die von den Schweizer Grossbanken in den vergangenen Jahren mehr als zwei Milliarden Franken herausgepresst haben. Das Buch steht in deutli- chem Kontrast zu den in diesen Tagen veröffentlichten Bergier-Berichten, in denen «fehlerlose Morali- sten» von heute einseitig die von unserem Land in jener schwierigen Zeit angeblich gemachten «Fehler» betonen. Auszüge aus Codevillas Buch (S. 225ff.):
Militärische Macht
ist Vorherrschaft
Der Fall der
Schweiz erinnert an die zeitlose Wahrheit, dass alle internationalen Bitten
und Forderun- gen, Einwände und Ablehnungen nur so lange Gültigkeit
haben, als sie durch die Fähigkeit und Bereit- schaft zu kämpfen
untermauert sind, ohne Rücksicht darauf, ob Siegeschancen bestehen oder
nicht. Während die technisch-militärischen Faktoren wie Anzahl,
Qualität der Ausrüstung und richtige Strate- gie wichtig sind, ist
die «blutig-ernste» Bereitschaft einer Nation, zu töten und
getötet zu werden, der grundlegendste Faktor. Während des 2. Weltkrieges
waren sich die verschiedenen Parteien innerhalb der Schweizer Armee über
vieles nicht einig. Aber in einem waren sich alle einig: Dass die conditio
sine qua non der Schweiz, mit Nazi-Deutschland verhandeln zu können,
im Willen bestand, einen Krieg zu führen, den die Schweiz mit Sicherheit
verlieren würde. Dies betraf das heikle Gleichgewicht der Kräfte
und Interessen und machte die Unabhängigkeit möglich.
Für keine andere Aufgabe setzte der schweizerische General Guisan so viel Zeit und Energie ein wie für die Heranbildung des Opferwillens seiner Armee und der Zivilbevölkerung. Seine Armeebefehle waren Variationen des einzigen Themas: Kampf bis zum Tod. Seine immerwährende Botschaft an die Zivilbe- völkerung lautete: Die Schweizer kämpfen für die Ehre ihres Landes und für ihre Unabhängigkeit ohne Rücksicht auf die Kosten. Er betonte diesen Punkt besonders stark, um der durchaus verständlichen Meinung in der Öffentlichkeit entgegenzutreten, der Kampf gegen die Deutschen sei sinnlos.
Es ist nicht unbedingt die Aufgabe eines Militärs, diese Grundlage militärischer Macht zu errichten. In Grossbritannien war es Churchill, der dies tat. Guisan tat es in seinem Land, weil niemand anders da war, der es versucht hätte. Das Zustandebringen und Aufrechterhalten der Bereitschaft einer Armee, zu töten und getötet zu werden, ist eine sehr wichtige wahrscheinlich die schwierigste Aufgabe im mili- tärischen Bereich. Ohne diese Bereitschaft sind auch die besten Vorbereitungen, ganz abgesehen vom rein militärischen Potential, nutzlos. Ohne diese Bereitschaft entlarvt sich sogar die Aussenpolitik grosser Länder als Bluff. Die Amerikaner hätten diese Lektion in Vietnam lernen sollen. Eine solche Lektion ist besonders in Zeiten wichtig, da viele Amerikaner, die es besser wissen müssten, die Meinung vertreten, die moderne Technologie habe den physischen Mut der bewaffneten Streitkräfte überflüssig gemacht.
Die grösste Bedrohung der militärischen Kraft einer Nation entsteht dann, wenn inländische Gruppen dazu neigen, ihre Interessen mit dem Erfolg ausländischer Mächte zu identifizieren. Dies führt dazu, dass sich die Bürger mehr für ausländische Angelegenheiten interessieren und weniger Begeisterung aufbringen, ihr Leben für ihr Land zu riskieren.
Unabhängigkeit
über alles!
Die Amerikaner
dürfen nicht vergessen, dass der gefährlichste Aspekt des kalten
Krieges der war, dass die Sympathien und Antipathien für den Kommunismus
die existierende inneramerikanische Spaltung verschärften. General Guisan
konnte auf die Aussenpolitik seines Landes nicht direkt Einfluss nehmen, aber
durch das Betonen der unabdingbaren Notwendigkeit des Kampfes für die
Unabhängigkeit gelang es ihm wesentlich, eine politische Atmosphäre
zu schaffen, in welcher eine Aufsplitterung sich nur schwerlich erhalten konnte.
Diese Atmosphäre erwies sich als beste Waffe gegen die gefährlichste Art von Subversion womit nicht die durch kleine Agenten ausländischer Mächte ausgeführte Tätigkeit gemeint ist, sondern die anpasse- rischen Tendenzen wenig begeisterter, lediglich klug berechnender Eliten. Die Schaffung einer solchen Atmosphäre ist sicher eher eine politische als eine militärische Aufgabe. Und doch muss jeder militäri- sche Führer aus Pflichtgefühl gegenüber jenen, die er auf den Weg des Opfers führen muss, irgendwie sicherstellen, dass, wenn schon kein Churchill auftritt, so doch wenigstens ein Guisan, ein de Gaulle oder gar ein Washington da ist.
Ein unverzichtbares Element beim Aufruf zur blutigen Pflichterfüllung ist es, den Feind in diesem Fall Nazi-Deutschland beim richtigen Namen zu nennen. Während der Schlacht um Frankreich bestand kein Zweifel darüber, wer der Feind war, weshalb es auch keinen Streit über die Pflichten der Armee gab. Aber in der Zeit zwischen dem Sommer 1940 und dem Winter 1943 verbot Deutschland der Schweiz, das Reich öffentlich als ihren Feind zu bezeichnen. Deshalb verbreitete sich die Subversion über den «üblichen Verdacht» hinaus und bewirkte internen politischen Niedergang.
Unseriöse Politik
der USA
Die Anti-Schweiz-Kampagne
der Jahre 1995 bis 1998 zeigt, dass die Rolle Amerikas in der Welt durch Unseriosität
unterminiert wird in bezug auf die Wirklichkeit internationaler Angelegenheiten,
verursacht durch eine Art Korruption. Es verwundert wenig, dass es am Ende
des zwanzigsten Jahrhunderts einem wichtigen Mitträger der regierenden
Partei Amerikas gelungen ist, den Präsidenten und viele Beamte der Partei
dafür zu gewinnen, bei der Erpressung einer grossen Zahl ausländischer,
in den Vereinigten Staaten tätiger Firmen durch eine Sammelklage ohne
Prozess mitzuhelfen.
Dabei war der in Frage stehende Geldbetrag nicht unzumutbar; die zehn Prozent vom Gewinn, welche die Schweizer Banken zu bezahlen hatten, konnten einigermassen mit den von ausländischen Firmen in Mexiko zu bezahlenden sogenannten mordidas wie dort Lösegeldsummen genannt werden verglichen werden. Auch in Amerika werden heutzutage politische Geschäfte getätigt, indem «Gefälligkeiten gegen Bewilligungen» getauscht werden. Dennoch ist es bemerkenswert, wie schnell sich die diese niedrige Kunst Praktizierenden «weiterentwickelt» haben: Verlangten sie vorerst auf Grund von betrügerischen Forderungen betreffend Schädlichkeit von Produkten von amerikanischen Firmen Geld, gingen sie bald zum Angriff auf einen ganzen ausländischen Staat über. Indem sie ihm die Schuld für eines der gröss- ten Verbrechen der Geschichte zur Last legten, erpressten von ihm Geld im Namen der Opfer.
Die Macht jeder Nation gründet international gesehen in einem gewissen Mass auf der Bewunderung und der Achtung, die sie bei anderen Nationen erzeugt. Heutzutage wird dies «soft power», sanfte Macht, genannt. Nachdem sich die amerikanischen Soldaten diese sanfte Macht durch harte Opfer während des Zweiten Weltkrieges angeeignet hatten, wirkte sie in Europa und in vielen Teilen der Welt ein halbes Jahrhundert lang mit unüberwältigendem Erfolg. Was immer auch die Ausländer sonst noch über Amerika dachten, waren sie doch der Überzeugung, Amerika sei nachahmenswert, weil es ande- ren keinen Schaden zufüge und es trotzdem verstehe, sich durchzusetzen.
Bezüglich «sanfter Gewalt» haben die kleinen Gefälligkeiten, wie die der Demokratischen Partei gegen- über Edgar Bronfman und dem WJC, eine negative Lehre gezeitigt: Das Gerede von Gerechtigkeit seitens der amerikanischen Regierung ist weniger ein Banner, dem das amerikanische Volk folgen kann, als vielmehr ein Feigenblatt für Sonderinteressen. Dem amerikanischen Volk wird damit eine falsche Lehre erteilt; die amerikanischen Politikmacher aber hätten selber viele Lehren nötig. Möge Gott sie ihnen auf sanfte Art beibringen.
Angelo M. Codevilla