Nr. 29, 15. Dezember 2000
Gesundheitspolitischer
Wahnsinn herrscht
Macht Rinderwahnsinn blind?
Hippokrates
Vielleicht standen auf der Speisekarte der Kantine des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) während der letzten Jahre zu viele Speisen mit BSE-infizierten Zutaten. Kein Wunder wäre es dann, wenn sich dabei der Rinderwahnsinn im BAG ausgebreitet hätte. So würde verständ- lich, wieso sich die Gesundheitspolitik unseres Landes seit Jahren in immer neue Schizo- phrenien verstrickt. Aids-Epidemie, BSE-Bekämpfung, Drogenprävention, die Krankenkassen- prämien ganz beiseite gelassen - wo man hinschaut, reiht sich ein Skandal an den anderen.
Doch der Wahnsinn hat Prinzip: Nie stellen sich die Verantwortlichen ihrer Aufgabe und ergreifen Massnahmen, die dem Namen der zuständigen Behörde - Bundesamt für (und nicht gegen) Gesundheit - gerecht würden. Statt dessen versucht man die Leute für dumm zu verkaufen und weiter zu wursch- teln. Die Leidtragenden sind ja «nur» die Bürger unseres Landes. Und die wiegen scheinbar weit weniger als der vermeintliche Erfolg und internationales Lob für irgendwelche ausgefallenen, aber unwirksamen Präventions-Projekte. Schützt Nicht-Wissen?
Beispiel Nr. 1: Obwohl die millionenschweren Aids-Kampagnen nicht zu einer effektiven Bekämpfung der Aids-Epidemie beitragen konnten und neue Erkenntnisse zeigen, dass die Aids-Gefahr wieder unter- schätzt wird, weigert sich das BAG nach wie vor, den Test als probates Seuchen-Bekämpfungs- instrument zu empfehlen. Ein positiver Test, so die wahnsinnsverdächtige Argumentationsakrobatik, könne dazu führen, dass die betroffene Person einer «Belastung» ausgesetzt werde. Dass jedoch aidsinfizierte Personen, die nicht um ihren Zustand wissen, eine permanente Ansteckungsgefahr für ihre Umwelt sind, interessiert das BAG weniger. Lieber weggucken, als hinschauen, lautet die Devise. Folgt man der Argumentationslogik des BAG, dann wäre es am besten, die Bevölkerung wüsste überhaupt nichts über Aids, könnte doch so sichergestellt werden, dass niemand einer unnötigen Belastung ausgesetzt ist.
Erzeugt
Wissen «falsche» Sicherheit?
Beispiel Nr.
2: Mit einer ähnlichen Argumentation wehrt sich die Gesundheitspolitik gegen
die Einfüh- rung von flächendeckenden BSE-Tests. Da ein BSE-Test nicht vollständig
Aufschluss über den Status des geschlachteten Tieres gibt, würden die Konsumenten
mit einem Test in «falscher Sicherheit» gewiegt, heisst es von den verantwortlichen
Gesundheitspolitikern. Deswegen werde lieber nur stich- probenweise getestet.
Ist ja klar: So wird weniger «falsche» Sicherheit erzeugt. Überhaupt keine
«falsche» Sicherheit, liebe Gesundheitspolitiker, erreicht man jedoch nur
dadurch, dies Eure Logik, wenn man die ganze BSE-Geschichte unter den Teppich
kehren würde, wie dies England für einige Jahren getan hat. Was ich nicht
weiss, kann mich auch nicht in falsche Sicherheit versetzen, wäre das Motto.
Die Resultate dieser Vogel-Strauss-Politik hat das Beispiel England hinlänglich
illustriert. Trotzdem halten die hiesigen Gesundheitsverantwortlichen an ihrer
Strategie fest. Dass durch diese Unterlassung jedoch möglicherweise Fleisch
von infizierten Tieren zum Verzehr freigegeben wird, das durch obligatorische
Tests rechtzeitig aus dem Verkehr hätte gezogen werden können, scheint die
Verantwortlichen, ähnlich wie bei der Aids-Epidemie, nicht zu interessieren.
Auch hier heisst es: Kopf in den Sand und hoffen, dass es nicht zu viele Opfer
gibt. Und wenn es zu viele Opfer gibt - wie zum Beispiel in der Drogenpolitik
-, dann kann ja immer noch die Messlatte verändert werden, und schon steht
das BAG wieder mit weisser Weste da.
Dass eine solche Politik - dies das 3. Beispiel - ebenso dem Wahnsinn unterliegt, zeigt die staatliche Drogenverharmlosung, auf der die Vorschläge für die Revision des Betäubungsmittelgesetzes basieren, ebenso wie die Heroinabgabe. Ursprünglich - so der entsprechende Gesetzestext im Fall der Abgabe- projekte - sollte die Heroin-«Behandlung» im Rahmen spezieller Institutionen stattfinden und den Süchtigen den Ausstieg aus ihrer Abhängigkeit ermöglichen. Doch davon spricht heute niemand mehr. Der Grund: Das Ziel konnte und sollte wohl nicht erreicht werden. Und auch hier will man nicht den Fakten ins Auge schauen. Statt dessen wurde die Messlatte verändert. Nicht mehr um Abstinenz, sondern um den richtigen Umgang gehe es beim Rauschgiftproblem. Genau in diesem Sinne beschloss vor kurzem der grosse Rat in Bern, beim Bund zu intervenieren, damit dieser die Abgabe von Heroin auch durch Arztpraxen und Apotheken erlauben möge. Und einige an der Heroinabgabe beteiligten Organisationen haben zudem bereits das Abstinenzziel aus ihren Unterlagen gestrichen. Die Folgen: Nach und nach werden Berichte von Teilnehmern an der Heroinabgabe bekannt, die erklären, ihnen sei der gewünschte Übertritt in ein abstinenzorientiertes Programm eher erschwert als erleichtert worden, um sie im Abgabeprogramm zu halten. Die Süchtigen werden als Dauerpatienten konserviert.
Die Drogensucht dehnt sich aus, denn das BAG verharmlost und verwaltet das Problem, statt es zu bekämpfen. Die Folgen: Es häufen sich die tragischen Fälle, in denen sich ein Zusammenhang mit Rauschgiftkonsum aufdrängt. Sei es der Todessturz eines bekannten Drogensüchtigen in Zürich vom Dach eines Hauses oder der Totschlag eines Säuglings durch seinen Vater in Luzern, bei dem ebenfalls abgeklärt wird, ob der Täter unter Drogeneinfluss stand. Doch wie heisst die Parole aus dem BAG: Das Rauschgift ist nicht das Problem, es kommt auf den richtigen Umgang an. Die schöne Floskel hilft dem Opfer nichts mehr, sie nützt nur den Verantwortlichen. Sie können sich aus der Verantwortung ziehen. Und vielleicht heisst es ja auch bald bei den ersten BSE-Opfern, deren Leben und Körper durch die Prionenkrankheit qualvoll zerstört werden: «Alles eine Frage des richtigen Umgangs».
Hippokrates