Nr. 29, 15. Dezember 2000
Erfolgreiche Wege der
Kriminalitätsbekämpfung
«Mehr Sicherheit dank erhöhter Polizeipräsenz»
Aus einem Interview mit Hans-Kaspar Steiner, Kommandant Kantonspolizei
Nidwalden
Die «Schweizerzeit» hat kürzlich mit dem Kommandanten der Polizei des Kantons Nidwalden ein Gespräch über die Polizei- und Sicherheitssituation in dem Innerschweizer Kanton geführt, das wir nachstehend in Auszügen wiedergeben:
Herr Steiner, gibt es im Kanton Nidwalden Besonderheiten, die sich auf die Tätigkeit der Polizei auswirken?
Der Kanton Nidwalden ist geprägt von der Nord-Süd-Verkehrsachse, die quer durch den ganzen Kanton verläuft und durch die sich unser Kanton von anderen kleineren Kantonen unterscheidet. Die A2 wirkt sich sowohl auf die Tätigkeit der Verkehrs- und Sicherheits- wie der Kriminalpolizei aus.
Worin besteht der Zusammenhang zwischen einer Autobahn und der Tätigkeit der Kriminalpolizei?
Der Kanton Tessin ist bekanntlich eine der Einfallspforten für die illegale Einwanderung. Ein grosser Teil der Personen, die im Süden unerlaubt die Schweizer Landesgrenze überschreiten, verbleiben nicht im Tessin, sondern begeben sich in die Nordschweiz oder ins benachbarte Ausland nördlich der Alpen. Diese Menschen gelangen in der Regel auf dem Strassenweg über die A2 in den Norden. Unter den illegalen Einwanderern gibt es nicht nur Flüchtlinge und Asylbewerber, sondern auch Personen, die in unser Land gelangen, um hier zu delinquieren. Angesichts dieser Tatsachen drängen sich häufige Polizeikontrollen auf der Transitachse auf. Bei Verkehrskontrollen im Seelisberg-Tunnel gelangen uns immer wieder illegale Immigranten und Schlepper ins Netz. Kürzlich haben unsere Polizisten einen VW-Bus angehalten, in dem sich acht Erwachsene und zwölf Kinder, also zwanzig Personen befanden. Oft können wir im Rahmen dieser Kontrollen auch Personen festnehmen, die in einem gestohlenen Auto unterwegs sind, das sie im Tessin «behändigt» haben.
Wie bekämpfen Sie die Kriminalität in Ihrem Kanton?
Ich bin davon überzeugt, dass die Polizei zur Erfüllung ihrer Aufgaben möglichst stark in der Öffent- lichkeit präsent sein muss. Es ist uns gelungen, den Anteil des Aussendienstes an der gesamten Uniform-Polizeitätigkeit von früher sechzig Prozent auf heute achtzig Prozent zu erhöhen beziehungs- weise den unvermeidlichen Innendienst (Tätigkeiten im Büro, Protokollführung) auf einen Fünftel zu reduzieren. Dadurch sind wir jetzt in der Lage, vermehrt Verkehrs- und Personenkontrollen durchführen zu können. Unsere Polizisten patrouillieren öfter als früher auf den Strassen, begeben sich ins Einkaufs- zentrum, kontrollieren am Abend ankommende Passagiere in den Bahnhöfen. Nur zu einer Polizei, die in der Öffentlichkeit präsent ist, nur zu Polizisten, die man auf der Strasse ansprechen kann, können die Bürger Vertrauen haben.
Resultieren aus der vermehrten Polizeipräsenz Erfolge?
Aufgrund der häufigeren Kontrollen hat sich die Alltagskriminalität deutlich reduziert. Insbesondere die Zahl der Einbrüche ist merklich zurückgegangen. Eine kürzlich von neutraler Seite durchgeführte Umfrage hat ergeben, dass sich die Bevölkerung sicher fühlt. Durch die vermehrten Polizeikontrollen können mehr Tatverdächtige festgenommen werden, als dies früher der Fall war.
Wie beurteilen Sie die von verschiedenen Seiten erhobene Forderung nach einer Bundespolizei?
Das ist eine politische Frage, über die Politiker entscheiden müssen. Wenn Sie mich nach meiner Meinung als Polizeikommandant fragen, so bin ich davon überzeugt, dass ein zentrales Polizeielement auf Bundesebene notwendig ist. Lassen Sie mich als Beispiel das Manager-Symposium in Davos erwähnen. Dafür werden in der ganzen Schweiz Hunderte von Polizisten zusammengezogen, die dann in den Kantonen fehlen. Zur wirksamen Bekämpfung der dramatisch angewachsenen organisierten Kriminalität ist die Schaffung einer Bundeskriminalpolizei nach meiner Ansicht unumgänglich.
Gibt es etwas anderes, das Sie bei der Kriminalitätsbekämpfung ändern würden?
Vielen Polizisten macht es zu schaffen, dass die Justiz heute mit der Kriminalität oft überfordert ist. Einfachere Delikte wie zum Beispiel Ladendiebstähle werden kaum mehr geahndet. Selbst Schwer- kriminelle erfahren manchmal eine sehr rücksichtsvolle Behandlung. Viele Polizisten können es nicht verstehen, wenn ein Täter, den sie verhaftet haben, am nächsten Tag wieder frei herumläuft. Ich denke, dass hier noch Fortschritte gemacht werden könnten.
Herr Steiner, wir danken Ihnen herzlich für das Interview.