Nr. 29, 15. Dezember 2000
Aussprechen, was ist
Die noch Selbstdenkenden haben es längst festgestellt: Wir werden ungenügend informiert. So fehlen uns allzu oft die für unsere Willensbildung entscheidenden Tatsachen. Daher lautet das Gebot der Stunde: aussprechen, was ist.
Kürzlich veröffentlichte der «Beobachter» eine Sondernummer zum Thema Sicherheit. Einleitend wird festgestellt: Obwohl die Gesamtzahl der Delikte abnehme, fühle sich ein grosser Teil der Bevölkerung zunehmend bedroht. Dabei wird übersehen, dass die Gewaltdelikte zunehmen. Wer wurde kürzlich nicht schockiert durch die Pressenotiz: Bei einer Bus-Haltestelle in Olten hatte ein dunkelhäutiger Mann eine Frau in ein Auto gezerrt. Dieser und ein weiterer Wageninsasse vergewaltigten das Opfer an einem unbekannten Ort (NZZ, 15.11.).
Nach dem «Beobachter» «werden 45 Prozent der Straftaten in der Schweiz von Ausländern begangen». Sein Kommentar: «Viele Asylsuchende haben keine materielle Sicherheit zu verlieren. Einheimischer Wohlstand, illegale Märkte und soziale Isolierung fördern die Bereitschaft, Straftaten zu begehen.» So weit, so gut. Wie aber, wenn versucht wird, solchen Zuständen an die Wurzeln zu gehen? Dann heisst es prompt: Fremdenfeindlichkeit. Der «Beobachter» beklagt sich auch über die Gewalt in der Schule: «Vor allem in den Städten und in den Agglomerationen geht von der Schule ein Gefahrenpotential aus. Schüler erpressen oder berauben Kameraden. Schwache werden verprügelt, Lehrkräfte und Eltern bedroht.» Was für ein Wunder, wenn da Angehörige von Kindern in ständiger Angst leben. Den Ursachen dieser Gewalt geht der «Beobachter» nicht auf den Grund.
Wir müssen Abschied nehmen vom Mythos des unschuldigen Kindes. Kinder haben wie Erwachsene ihre dunklen Seiten. Eine wesentliche Ursache der Gewalt: In vielen Familien haben die Kinder unein- geschränkten Zutritt zu allen TV-Kanälen. Das heisst: Anteil an sämtlichen Inszenierungen brutaler und perverser Auswüchse der Erwachsenenpsyche. Wieso schweigt der «Beobachter» zu diesem Hinter- grund? Erklärt sich dies aus der engen Zusammenarbeit des Blattes mit dem Fernsehen DRS?
Sicher gehört zu den Ursachen der Gewalt von Jugendlichen auch der Zerfall der Familie. Es waren die konservativen Kräfte der Schweiz, die den Kampf gegen diesen Zerfall geführt haben. Reagiert wurde darauf allzu oft mit einem mitleidigen Lächeln.
Ein grosser Teil unserer Bevölkerung fühlt noch eine weitere Verunsicherung. Noch nie war das welt- weite Bevölkerungswachstum so gross wie heute. Unlängst konnte man nachlesen, dass die Weltbe- völkerung auf über sechs Milliarden angestiegen und ihre Ernährung zum Problem geworden sei. Seit 1980 hat der Zustrom der Drittweltflüchtlinge in Richtung Westeuropa stetig zugenommen. Zu Recht spricht man von einer Süd-Nord-Wanderung mit dem Ziel, aus armen in wohlhabende Gebiete umzu- siedeln. Die Abwehrhaltung auch in unserm Volk ist verständlich. Diese Haltung als Ausdruck von Fremdenhass oder gar von Rassismus abzutun, ist zu verurteilen. In andern europäischen Staaten ist die Abwehrhaltung viel ausgeprägter als in der Schweiz. Unter dem Titel «Tür zu» schilderte einmal Fredy Gsteiger, Chefredaktor der «Weltwoche», die Situation in Frankreich: «Immer höher die Barrieren, immer hartnäckiger der Versuch, die Zuwandererflut vom eigenen Boden weg in andere Länder umzu- lenken. Jeden Monat besorgen mehrere Charterflüge die Rückschaffung.» Wenn aber in der Schweiz zwei abgewiesene Asylbewerber mit Zwangsmassnahmen ausgeschafft werden müssen, dann läutet beim Chef der «Rundschau», Britschgi, die Alarmglocke. Da wird nicht «ausgesprochen, was ist», sondern Britschgi kommentiert so, dass es in seine Ideologie passt: Schuldig gemacht haben sich nicht die zwei Asylanten, die mit ihrem massiven Widerstand von Anfang an den Straftatbestand «Gewalt gegen Beamte» erfüllt hatten. Nein, schuldig gemacht haben sich die Polizeibeamten, die gezwungen waren, ihrer Pflicht zur Erfüllung ihres Auftrages nachzukommen. Ideologen à la Britschgi tragen gewiss nicht dazu bei, das Unbehagen in unserer Bevölkerung über die Auswirkungen einer sich anbahnenden Völkerwanderung abzubauen.
Richard Lienhard