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Nr. 28, 29. Dezember
1999
Kein Einfluss ohne
die Medien
Wer hat die Macht in Bern?
Von Nationalrat Luzi Stamm, Dättwil
In seinem neuesten
Buch ergründet Luzi Stamm die Ursachen für die Zerrüttung
der
Staatsfinanzen und für die breite Verunsicherung, von denen unser
Land betroffen ist,
und geht der Frage nach, wer in unserem Land das Sagen hat.
Vor zehn Jahren fiel
die Berliner Mauer. Die «goldenen neunziger Jahre» schienen
nicht mehr
fern. Tatsächlich waren die Voraussetzungen für eine Zukunft
in Friede und Wohlstand noch
nie so gut. Wir haben es jedoch geschafft, die Schweiz in eine Identitätskrise
zu stürzen und
ihr Arbeitslosigkeit und Staatsdefizite in Rekordhöhe zu bringen.
Die Zeche zahlt der einfache
Bürger. Die milliardenschweren zusätzlichen Lasten brachten
«neue Armut», bis hinein in den
Mittelstand.
Praktisch eine
Verdoppelung der Bundeseinnahmen in nur zehn Jahren?
Trotzdem in sieben
Jahren mehr Schulden gemacht als in 150 Jahren zuvor? Wie ist die kapi-
tale Misswirtschaft der neunziger Jahre möglich? Wieso hielten die
Politikerinnen und Politiker
ihre Versprechen nicht ein? Gerade im Ständerat, wo immer mehr als
40 der 46 Mitglieder «bür-
gerlich» waren, hätte doch längst eine Korrektur erfolgen
müssen!
Viele Bürger
haben das Vertrauen verloren. Sie reagieren mit Staatsverdrossenheit,
gehen nicht
mehr an die Urne und sagen sich: «Die machen in Bern ja sowieso,
was sie wollen.» Ihr Unmut
ist verständlich. Aber ist tatsächlich das Parlament schuld
am offensichtlichen Versagen der
Politik? Oder liegt ein Grossteil der Macht, der Verantwortung und somit
auch der Schuld bei
anderen, die mehr Einfluss haben?
Ich verstehe die
Verunsicherung. Ich bin in den achtziger Jahren einer Partei beigetreten
(FDP),
die Grundsätze wie «keine Steuererhöhungen», «keine
Staatsquotenerhöhung» und «keine De-
fizitwirtschaft» auf ihre Fahne geschrieben hatte. Auch die CVP
als zweite grosse bürgerliche
Kraft hatte sich dem Ziel gesunder Staatsfinanzen verschrieben. Ich wusste,
dass «die Bürger-
lichen» im Ständerat von jeher mindestens 40 der 46 Sitze innehatten,
FDP und CVP alleine
jeweils rund 35 von 46 Sitzen. Die Bürgerlichen hätten somit
nur schon via Ständerat problem-
los in der Lage sein müssen, ihre Versprechen umzusetzen. Wie war
unter diesen Umständen
die kapitale Misswirtschaft der neunziger Jahre möglich?
Unbestritten ist,
dass die Misswirtschaft durch das Parlament verursacht worden ist. Es
macht
die Gesetze und beschliesst die Ausgaben. Die Frage stellt sich aber,
ob tatsächlich nur die
Parlamentarier an der desolaten Entwicklung schuld sind. Oder gibt es
Kreise, die mehr Ein-
fluss haben und die Fehlentwicklungen besser hätten korrigieren können?
Wer die Macht hat,
hat die Verantwortung. Wer die Verantwortung hat, trägt die Schuld.
Die Frage «Wer ist schuld?»
am Versagen der Bundespolitik, kann deshalb auch folgendermassen gestellt
werden: «Wer
hat in Bern so viel Einfluss, dass er Macht ausübt?»
Wer regiert die
Schweiz?
Zur Frage, wer den
grössten Einfluss auf das politische Geschehen in der Schweiz ausübt,
gibt es Bücher und Publikationen. 1983 schrieb Hans Tschäni
sein Buch «Wer regiert die
Schweiz? - Der Einfluss von Lobby und Verbänden», von Interessengruppen
aus Industrie,
Wirtschaft und Bankenwesen, den sogenannten Lobbys und Verbänden,
welche die Politik
entscheidend prägen. Er schrieb von einem «inneren Elitekreis
von nicht ganz 300 Personen»,
der das Sagen hat, und stellte fest: «Das Parlament hingegen verliert
immer mehr an Einfluss.»
Einen anderen Schwerpunkt rückte der russische Dissident Alexander
Solschenizyn in den
Vordergrund. Er war in den siebziger Jahren mit idealistischen Vorstellungen
über die westli-
chen Demokratien aus der totalitären UdSSR in den Westen gekommen
und hielt später ent-
täuscht fest: «Die Medien sind in den westlichen Ländern
zur grössten Macht geworden; mäch-
tiger als die Legislative, die Polizeigewalt und die Rechtsprechung.»
Bedeutung der
Medien
Seither hat sich
viel verändert. Diverse Faktoren haben den Einfluss des Parlaments
seit den
Zeiten Tschänis und Solschenizyns weiter verringert. Die Legislative
steht einer immer pro-
fessioneller werdenden Staatsverwaltung gegenüber. Die Globalisierung
der Wirtschaft hat
vor allem die internationalen Grosskonzerne gestärkt und den Einfluss
der Politik generell ge-
schwächt. Und die Entwicklung zur Mediengesellschaft hat den Einfluss
der Medien (bezie-
hungsweise deren Hintermänner) noch einmal drastisch gestärkt.
Vor allem international ge-
sehen könnte die Einschätzung von Ignacio Ramonet, dem im französischen
Sprachraum be-
kannten Direktor der Zeitschrift «Le monde diplomatique»,
sehr wohl stimmen: «Wenn man
von den Medien als vierter Gewalt spricht, so müssten die drei ersten
noch funktionieren. (...)
In Wirklichkeit ist die erste Gewalt heute klar die Wirtschaft. Die zweite
Gewalt, die sehr eng
mit der ersten verknüpft erscheint, sind die Medien. Erst an dritter
Stelle folgt die Politik.» (La
Tyrannie de la communication, 1999).
Machtausübung
mit Hilfe der Medien
Selbst wenn die Einschätzung
eines Übergewichts der Wirtschaft stimmen würde, bleibt ent-
scheidend, dass - wer auch immer schliesslich die Macht besitzt - niemand
um die Medien
herumkommt, wenn er Einfluss ausüben will. Mein neues Buch soll dies
bewusst machen.
Offen gelassen ist dabei die Frage, wer hinter den Medien steckt. Dies
müssen nicht deren
Eigentümer sein. Die Aussage des Buches lautet deshalb weniger: «Die
Macht liegt bei den
Medien» (also bei den «Medienschaffenden», den Verlegern,
den Journalisten) als vielmehr
«Die Macht wird mit Hilfe der Medien ausgeübt», sei dies
von Wirtschaftskonzernen, von staat-
lichen Behörden oder von mächtigen Einzelpersonen.
Hat in der Schweiz
die Wirtschaft die Medien «im Griff» oder umgekehrt die Medien
die Wirt-
schaft? Tanzen die Politiker nach der Pfeife der Medien oder instrumentalisieren
die Politiker
die Medienleute? Diese Frage muss sich jede und jeder selber beantworten.
Direkte Demokratie
als Gegengewicht
Früher haben
die Medien die Mächtigen kontrolliert. Heute sind sie selbst die
Mächtigen ge-
worden. Sie können eine «hammerhafte Wirkung» haben (Ausdruck
von Filippo Leutenegger
in der Wochenzeitung vom 29. November 1996). Begriffe wie Mediokratie,
Politmedienkuchen,
Sensations-, Fertigmach-, Hinrichtungs- und Checkbuch-Journalismus zeigen
ungesunde Ent-
wicklungen auf. Da sich weitere Machtkonzentrationen kaum vermeiden lassen,
wird immer
mehr zur zentralen Frage, wer überhaupt noch in der Lage sein soll,
die Macht der Medien
beziehungsweise die der Hintermänner wenigstens teilweise zu kontrollieren.
Dies führt zur
Schlussfolgerung und zur zentralen Aussage des Buches, zum eigentlichen
Grund, weshalb
es geschrieben wurde: Der einzige noch halbwegs wirksame Schutz gegen
die Zunahme von
schädlichen Machtkonzentrationen ist unsere direkte Demokratie mit
Initiative und Referen-
dum. Ihre Erhaltung ist deshalb wichtiger als alles andere.
Luzi Stamm
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