|
Nr. 28, 29. Dezember
1999
Oberflächlich
begründete Auslandeinsätze
Flucht vor der Verantwortung
Aus dem nationalrätlichen Votum von Ulrich Schlüer zum bundesrätlichen
Sicherheits-
bericht
«Heute geht
die Bedrohung nicht mehr von Staaten, sondern von unbestimmbaren,
kaum mehr eingrenzbaren Gruppen aus, die teils terroristisch handeln und
operieren,
die nicht an Landesgrenzen gebunden sind. Diese Situationsanalyse im Sicherheits-
bericht ist realistisch.
Aber völlig
unrealistisch ist es, wie in der Antwort darauf der neutralitätsrechtliche
Spielraum
unseres Landes aufgezeigt wird. Man stellt im Bericht fest, das Neutralitätsrecht
verpflichte
uns nur noch dann, wenn zwischen offiziellen Staaten offiziell Krieg erklärt
wird. Dann dürften
wir uns nicht einmischen. Diese Definition mochte meinetwegen vor fünfzig
Jahren der damali-
gen Situation gegenüber angemessen sein, in bezug auf die Neutralitätspolitik
von heute aber
ist sie etwa so glaubwürdig, als wenn die Schweiz sagen würde:
Wenn morgen Scipio und
Hannibal erneut auf die Welt kämen und den Vierten Punischen Krieg
entfesseln würden, dann
wäre die Schweiz neutral. Wenn für den Bundesrat der Neutralitätsfall
nunmehr im Falle des
offenen Kriegs zwischen Staaten gilt, dann ist es ihm mit der Neutralität
nicht mehr Ernst!
Sicherheit heute
Man muss sich wirklich
fragen: Ist in diesem Verteidigungsdepartement, ist in diesem Bundes-
rat denn wirklich niemand fähig, die Neutralitätsdiskussion
endlich einmal mit Bezug aufs Jahr
1999 zu führen?
Die Sicherheit, welche
der Bundesrat für die Bevölkerung zu gewährleisten hat,
erfordert, dass
dieses Land und dieses Volk nicht in die unkontrollierbaren, nicht wirklich
eingrenzbaren Kon-
flikte der Welt von heute hineingezogen und darin verstrickt werden, woraus
die Verantwortli-
chen dann nicht mehr herausfinden. Da gibt es Leute, die feststellen,
dass man von der Neu-
tralität nur als Mittel reden dürfe. Die Neutralität ist
das Mittel zur Gewährleistung von Sicher-
heit, weil die Neutralität die Regierung dazu anhält, sich nirgends
einzumischen; sie ist das
Mittel, auf dass wir nicht in Konflikte hineingezogen werden, in die wir
eben sonst hineingezo-
gen werden könnten.
Wenn es uns um die
Sicherheit dieses Landes geht, dann haben die Behörden, die für
die Si-
cherheit zuständig und verantwortlich sind, die Pflicht, dafür
zu sorgen, dass dieses Land nicht
in solche Konflikte hineingezogen wird. Das ist ihre elementare Pflicht.
Noch ein letzter
Punkt: Der Bundesrat ist der Auffassung - in diesem Punkt schliesse ich
mich
ihm an -, dass es unverantwortlich ist, Truppen in den Kosovo zu schicken,
die nicht bewaffnet
sind. Genau deshalb dürfen wir keine schicken! Genau deshalb!
Aber wenn sie der
Bundesrat bewaffnen, dafür auch das Militärgesetz ändern
will, dann benötigt
er dafür, wie das aus dem Sicherheitsbericht hervorgeht, die richtigen
Truppen - moderne Infan-
teristen in nicht unbedeutender Zahl, weil der Sicherungsauftrag personalintensiv
ist. Dazu sol-
len "Durchdiener" und "Zeitsoldaten" aufgeboten werden,
weil der Milizler im klassischen Sinn
dafür nicht einsetzbar ist. Doch für die Sicherheitsaufgaben
im eigenen Land, wenn Konflikte
wie bei den PKK-Unruhen erlebte hier zu bewältigen sind, wären
wir auf genau jene Leute an-
gewiesen, die dann als "Durchdiener" im Ausland stehen. Nun
ist durch die besondere VBS-
Informationspolitik - heute eine Pressekonferenz, morgen das Dementi -
wieder eine Mitteilung
durchgesickert, die Armee werde bestandesmässig klar unter 200'000
sinken.
Im Klartext: Wir werden
die Leute für die Gewährleistung der Sicherheit im eigenen Land
gar
nicht mehr haben, wenn wir jetzt dem Ausland alle Priorität einräumen!
Wir haben schon kei-
ne Sicherheit mehr an der Grenze, weil das Grenzwachtkorps sträflich
unterdotiert ist; wir ha-
ben zum Teil auch sträflich unterdotierte Polizeikorps. Jetzt höhlen
wir auch noch die Armee
bezüglich Sicherheitsdienst für das eigene Land aus. Man kann
diesen Sicherheitsbericht zu-
stimmend oder ablehnend zur Kenntnis nehmen. Das Wesentliche ist, dass
er in bezug auf
die Beantwortung der Sicherheitsfrage nicht tauglich ist, nicht tauglich!
Ich komme zum Schluss:
Die Behörden dieses Landes verdienen ganz grossen Dank dafür,
dass es ihnen im gewaltreichsten Jahrhundert der Menschheitsgeschichte
gelungen ist, die-
ses Land vor Krieg zu verschonen. Die neue Losung heisst jetzt offenbar:
Kein Krieg mehr oh-
ne uns! Wer diese Losung verwirklicht, der wird den Dank der Bevölkerung
nicht erhalten, so-
viel steht fest.»
Ulrich Schlüer
(22. Dez. 1999)
**Zurück
zum Inhaltsverzeichnis der Ausgabe Nr. 28 vom 29. Dezember 1999**
|