|
Nr. 28, 29. Dezember
1999
Steuergeldverschwendung
für das Ausland
Zürichs chinesische Freundin
Von Thomas Meier, Zürich
Die grösste
Schweizer Stadt leistet sich den Luxus einer Städtepartnerschaft
mit der
chinesischen Millionenmetropole Kunming. Das Unterfangen ist sündhaft
teuer und
ohne Einfluss auf die skandalöse Menschenrechtssituation in China.
Der nachstehen-
de Text ist die überarbeitete Fassung eines Artikels, der am 27.
Dezember 1999 im
«Tages-Anzeiger» erschienen ist.
Mit der kürzlichen
Präsentation eines stadträtlichen Berichts liegen die Zahlen
jetzt auf dem
Tisch: mehr als 1,1 Mio. Franken hat die Stadt Zürich im vergangenen
Jahr für die Städtepart-
nerschaft mit Kunming ausgegeben. Allein in den drei Jahren von 1996 bis
1998 beliefen sich
die Kosten auf 2,8 Millionen Franken.
48 Wochen auf
Amtsreisen
Seit einigen Jahren
ist die Zürcher Stadtverwaltung geradezu Kunming-verrückt. Wasserversor-
gung, Stadtplanungsamt, Denkmalpflege, VBZ, Gartenbauamt, Stadtentwässerung,
EWZ: kaum
ein Zweig der Verwaltung, der nicht vom Kunming-Fieber angesteckt wurde.
Getreu nach dem
chinesischen Motto «einmal sehen ist besser als hundertmal hören»
wurden Beamten-Reisen
nach Kunming gleich im Dutzend organisiert. Mehr als 110 China-Reisli
von städtischen Ange-
stellten sind so mittlerweile zusammengekommen. Allein Stadtrat Thomas
Wagner, der umtrie-
bige Promotor des Kunming-Engagements, verbrachte bisher 48 Wochen (das
ist fast ein Jahr!)
auf Kosten der Steuerzahler in China.
Finanzielle Einbahnstrasse
Welches ist der materielle
Nutzen der hohen Aufwendungen für die grösste Schweizer Stadt?
Verträge im Umfang von 32 Millionen Franken zwischen Schweizer Firmen
und chinesischen
Stellen sollen angeblich dank der Städtepartnerschaft zustande gekommen
sein. Diese von
Wagner als Sensation herumgebotene Zahl ist nicht erstaunlich; westliche
Unternehmen täti-
gen heute im wirtschaftlichen Zukunftsland China Milliardeninvestitionen.
Lukrative Geschäfte
mit China sind denn auch ohne Städtepartnerschaften gang und gäbe.
Al-
lerdings überrascht es, dass trotz der Steuermillionen aus der Stadt
Zürich bei den Industrie-
aufträgen aus Kunming bisher keine einzige Firma der Limmatstadt
zum Zug gekommen ist;
Zürich hat immer nur bezahlt, aber nichts erhalten!
Keine Hilfe nötig
Im weiteren drängt
sich die Frage auf, ob Kunming Hilfe aus einer Schweizer Stadt überhaupt
braucht. Kunming ist eine aufstrebende Industriemetropole, deren Wirtschaft
mit Zuwachsraten
in zweistelliger Prozenthöhe eine geradezu atemberaubende Entwicklung
durchmacht. Ganz
China erlebt eine eigentliche Boom-Phase. Der Internationale Währungsfonds
(IWF) rechnet
für das Land im Jahr 2000 mit einem Wirtschaftswachstum von 7 Prozent.
Diese Entwicklung
scheint die Zürcher Stadtregierung zu übersehen. Das zeigt als
aktuelles Beispiel die im Som-
mer 1999 in Kunming durchgeführte internationale Gartenbau-Ausstellung.
Obwohl chinesische
Amtsstellen für die Schau nicht weniger als umgerechnet 2,6 Milliarden
Franken ausgegeben
haben, hat die hochverschuldete Stadt Zürich den monströsen
Prestigeanlass mit 240'000 Fran-
ken aus der Stadtkasse unterstützt... Bei objektiver Betrachtung
steht fest, dass die Stadt Kun-
ming heute keine Hilfe aus Zürich mehr braucht.
Keine Hilfe verdient
Stadtrat Wagner nennt
als weiteren Grund für das Zürcher Kunming-Engagement dessen
an-
geblich positive Auswirkungen auf die Menschenrechtssituation in China.
Wagner verkennt die
Realitäten. In China werden Menschen aus politischen, ethnischen
und religiösen Gründen ver-
folgt, inhaftiert, gefoltert und mit dem Tode bestraft. 1700 und somit
75 Prozent der weltweit
2258 Todesstrafen des Jahres 1998 wurden in China vollstreckt. Die Gesellschaft
für bedrohte
Völker (GfbV) stellt heute fest, dass sich in China «die Lage
der Menschenrechte verschlech-
tert» hat. Im Lichte dieser bedrückenden Tatsachen erweist
sich die Behauptung, es seien in
der Menschenrechtsfrage «wesentliche Fortschritte erreicht worden»,
als blanker Zynismus
und als haltlose Ausrede zur Rechtfertigung des prestigeträchtigen
Hobbys eines Stadtrates,
der sich in der Rolle eines heimlichen Chinaministers gefällt. Es
ist naiv zu glauben, mit einer
Städtepartnerschaft Einfluss auf die Menschenrechtssituation eines
totalitären Landes nehmen
zu können.
Geldverschwendung
Auch bei einer wohlwollenden
Beurteilung der Partnerschaft Zürich-Kunming drängt sich die
er-
nüchternde Erkenntnis auf, dass da bisher «ausser Spesen nichts
gewesen» ist. Die Städte-
partnerschaft ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie die grösste
Schweizer Stadt auf ihrem
Sozialtrip Millionen an Steuergeldern zum Fenster rauswirft.
Thomas Meier
**Zurück
zum Inhaltsverzeichnis der Ausgabe Nr. 28 vom 29. Dezember 1999**
|