Nr. 28, 16. November 2007

Die ethische Dimension der Okkupation Lettlands
Von der Gegenwärtigkeit der Vergangenheit
Von Prof. Dr. Valters Nollendorfs, Riga/Lettland

Die in Zürich domizilierte Stiftung für Abendländische Ethik und Kultur zeichnet jährlich Persönlichkeiten und Institutionen aus, die einen ausserordentlichen Beitrag zur Erhaltung und Weiterentwicklung ethischer und kultureller Werte geleistet haben. Dieses Jahr wurde auch das lettische Okkupationsmuseum ausgezeichnet, eine Institution, welche die Botschaft "Gegen rote und braune Fäuste" dokumentiert. Die "Schweizerzeit" veröffentlicht die Dankesrede des Präsidenten des Okkupationsmuseums.

Die Schweiz gilt für viele Letten als das Land und die Gemeinschaft der Freiheit, der Demokratie und der Humanität schlechthin. Unsere grossen Dichter Aspazija und Rainis haben am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in der Schweiz, in Castagnola, Zuflucht und Sicherheit gefunden, als sie während der deutschen und russischen Fremdherrschaft in ihrem eigenen Land verfolgt wurden. Es ist ein kultureller Wallfahrtsort für viele Letten noch heute.

Rainis hat in der Schweiz seine wichtigsten Werke geschrieben und unaustilgbare Symbole der lettischen Identität und Integrität geschaffen. So hat die Schweiz in der formativen Phase des nationalen Bewusstseins der Letten bemerkbare und dauernde Spuren hinterlassen. Die Schweiz als das Land der Freiheit und des Friedens. Die Confederatio Helvetica - eine kleine Europäische Union schon lange, bevor die anderen Europäer sich dazu bereit erklärten.

Erfahrungen des Totalitarismus

Was hat das alles mit den schmerzhaften und tragischen Erfahrungen des lettischen Volkes im zwanzigsten Jahrhundert und insbesondere während der Okkupation zweier totalitärer Mächte - der kommunistischen Sowjetunion und des nationalsozialistischen Deutschland - von 1940 bis 1991 zu tun? Es ist leider keine Geschichte der Freiheit und des Friedens. Schon der Erste Weltkrieg zerstörte das Land und zerstreute das Volk, aber er brachte den Letten die Unabhängigkeit. Der Zweite Weltkrieg brachte hingegen drei Besetzungen, Zerstörung, massenhafte Flucht, zwanghafte Massenumsiedlungen, willkürliche Verhaftungen, Verfolgungen, tausende von Toten durch Hunger, Kriegshandlung, Totschlag, Exekutionen. Abermals tausende Ungeborene. Ein Volk also, das ausersehen war, binnen einiger Generationen mit seiner eigenen Geschichte, Sprache, Folklore, Traditionen, mit seinen kulturellen Eigenschaften aus der Gemeinschaft der Völker zu verschwinden.

Diese Verbrechen und dieses Leiden, aber - und das muss besonders betont werden - auch der Widerstand gegen die Verbrecher - sind in der kollektiven Erinnerung lebendig geblieben. Die Historiker finden immer neue und erschütternde Dokumente, die in nüchterner Amtssprache das Schicksal von vielen tausenden besiegeln. Die Schicksale und die Erlebnisse während der Okkupationszeit sind in tausenden von Büchern, Manuskripten, Tonbändern und Videoaufnahmen dokumentiert. In hunderten von persönlichen Gedenkgegenständen im Okkupationsmuseum aufbewahrt. In hunderten von Erinnerungsstätten, Denkmälern und Mahnmalen überall in Lettland für die Nachwelt festgehalten. Es ist, als ob das Leiden, der Schmerz und der Widerstand auf diese Weise in Stein, Holz, Metall, aber vorwiegend - in Stein, gebannt werden müssten, um über die neu gewonnene Freiheit jedes einzelnen und des ganzen Volkes auch frei verfügen zu dürfen.

Ohne diese Erinnerungsarbeit ist die Zukunft in Lettland nicht denkbar. Es ist aber auch mindestens ebenso notwendig, nicht in dieser gebannten Vergangenheit zu bleiben, sondern gleichzeitig ein auf die Zukunft ausgerichtetes gemeinsames Bewusstsein zu prägen. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben nicht nur dieser, sondern auch der nächsten und übernächsten Generation der Gesellschaft Lettlands.

Jahre der Okkupation

Es ist keine leichte Aufgabe. Die Jahre der Okkupation haben nicht nur schwere materielle und physische Schäden angerichtet, sondern auch geistige Spuren hinterlassen, die viel langfristiger und folgenschwerer sind. Diese Okkupationen waren nicht nur militärische Machtübernahmen. Die Machtausübung diente vielmehr als Garant für die Einführung und Befestigung fremder und humanitätswidriger Ideologien, die darauf zielten, das Volk ihres abendländischen geistigen Erbes und ihrer ethischen Widerstandsfähigkeit zu berauben und auf diese Weise hörig und unterwürfig zu machen.

Die ethischen Verbrechen waren erschütternd und tief greifend. Die Kommunisten haben schon 1940/41 die abendländischen Grundsätze auf den Kopf gestellt und mit brutalen Mitteln ihre utopische menschenverachtende Weltordnung bestätigt. Die Nationalsozialisten nutzten die ethische Aufwühlung dieser Okkupation und ihre Folgen aus, als sie 1941 ins Land einfielen und die Kommunisten vertrieben: Befreiung hiess es zynischerweise, Befreiung von Unterjochung, die sie selber befürwortet hatten. Aber diese "Befreiung" führte zu weiteren schweren Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die schlagartige, brutale und heimtückisch mit Hilfe lettischer Kollaborateure durchgeführte Vernichtung lettischer Juden offenbarte, wie schonungslos die Nazis die abendländische Ethik im Namen ihrer rassistischen Ideologie ausser Kraft setzten. Dass diese ethischen Erschütterungen auch fast zwangsläufig zur Verschuldung der Opfer führten und dass manche Opfer sogar zu Mittätern wurden, soll bei aller Nachsicht anerkannt und tiefst bereut werden.

Diese einschneidenden Ereignisse, die unterschiedlichen und oft widersprüchlichen Erfahrungen während der Okkupation haben dazu beigetragen, dass in der heutigen Bevölkerung Lettlands getrennte und selbst feindliche Bewusstseinszustände aufeinander prallen. Der zurückgekehrte Deportierte, der Teil seines Lebens im zwanghaften Exil unter harschen Umständen in Sibirien verlor, auch in die Heimat zurückgekehrt kein eigentliches Zuhause mehr fand und fortwährenden Repressionen ausgesetzt war; der Kriegsflüchtling, der wegen des herrschenden Regimes in seine Heimat nicht wider zurückkehren durfte und sein Leben als Exilant im Ausland verbrachte; der in der Heimat Gebliebene, der zwar nicht in einem fremden Land leben, aber kraftlos zuschauen musste, wie sein eigenes Land immer mehr verseucht, verschandelt und verfremdet wurde; der widerwillige Mitmacher, der sich unter widerspenstigen Umständen so gut wie möglich verwirklichen wollte und sich den herrschenden Umständen und ihrer schleichenden Korruption anpasste; letztlich - der Kollaborateur, der sein Land und sein Volk dem Okkupanten auslieferte und regieren half und dabei eigene Vorteile erlangte. Die Gesellschaft war zerstreut, zersplittert und zersetzt. Das Vertrauen unter den Menschen war zerstört, freier gesellschaftlicher Verkehr unmöglich gemacht. Menschen wurden untereinander entfremdet.

Die heutige Gesellschaft Lettlands aber muss auch noch mit vielen fremden Einwandern rechnen, deren Anwesenheit die sowjetische Okkupationsmacht und ihre kolonisierende Politik förderte und gewährleistete. Ob es sich um einfache Arbeiter handelte, die in Lettland bessere Lebenszustände suchten, ob um Militärpersonen, die nach Pensionierung in Lettland als Zivilbesatzer blieben, ob um Manager, Zivilverwalter, Parteifunktionäre, KGB-Agenten, sie alle waren und blieben Fremdlinge. Es waren hunderttausende, und als Fremde sind sie im wieder erneuerten Lettland geblieben, ohne dass die meisten von ihnen sich die Sprache, Kultur oder die gesellschaftlichen Sitten ihres Gastlandes angeeignet hätten oder hätten aneignen wollen. Eine sehr karierte Vielfalt, die erst mühsam und schleichend sich in Richtung gesellschaftlicher und kultureller Integration bewegt. Mühsame Arbeit für einige Generationen.

Das Beispiel Lettland, das Baltikum, Osteuropa im allgemeinen, zeigt, wie schwer es ist für die Bevölkerung nach langer Isolierung, nach langer Abwesenheit wieder Anschluss an die abendländische Welt und ihre gesellschafts- und bewusstseinsbildenden Prozesse zu gewinnen. Andererseits zeigt das Beispiel, warum es gleichfalls so schwer ist für die abendländische Welt, Verständnis für die ein halbes Jahrhundert dauernden deformierenden gesellschafts- und bewusstseinsbildenden Prozesse im Osten Europas zu entwickeln.

Nicht durch eigenes Verschulden fielen die baltischen Völker und Staaten menschenverachtenden und menschenfeindlichen Ideologien zum Opfer, die durch totalitäre Macht- und Gewaltausübung die bestehende Gesellschaftsordnung, die althergebrachten Bräuche und Sitten, die ethischen Grundformen des Zusammenlebens schlechthin, zermürbten und zersetzten. Von Subjekten der Geschichte wurden sie zu Objekten fremder Herrschaften und ihrer Ideologien. Was Lettland und die anderen zwei baltischen Völker betrifft, handelten beide Besetzer - die kommunistischen und die nationalsozialistischen - gleich unmenschlich, gleich zerstörerisch und gleich zynisch, obgleich ihre ideologischen Zielsetzungen scheinbar voneinander abwichen. Ob nun das Baltikum endlich zwanghaft verdeutscht und ins Grossdeutsche Reich eingegliedert, oder zwanghaft proletarisiert, russifiziert und kolonisiert werden sollte, hätte in beiden Fällen zu demselben Schluss geführt - die Beseitigung der baltischen Völker als selbstbewusste und selbstständige politische, gesellschaftliche, kulturelle und geistige Einheiten. Zu diesem Zweck wurden alle möglichen Mittel eingesetzt, insbesondere die Schaffung interner Feindsbilder, rücksichtslose Anwendung des divide et impera Prinzips, hassschürende Propaganda, Kooptation von Kollaborateuren, Einführung fremder verstellter und verlogener Geschichtsvorstellungen, Ausserstandsetzung von hergebrachten ethischen Prinzipien.

Zersetzen

Es ist schon ein Wunder, dass diese zersetzenden Prozesse das gesunde Volksbewusstsein noch nicht und nicht ganz zu zerstören vermochten und dass das Volk in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren seine Unabhängigkeit und seine eigene Geschichte wieder bestätigen konnte. Es ist schon ein Wunder, dass Lettland und ganz Osteuropa wieder politisch in Europa zurückgekehrt sind. Die Folgen der langen Zeit der Fremdherrschaft, der Unterdrückung und geistiger Zermürbung haben aber ihre unterschwelligen Spuren hinterlassen, die die geistige Rückkehr erschweren. Das "alte Europa" tut sich schwer, das "neue Europa" zu verstehen und zu integrieren. Das "neue Europa" dagegen fühlt sich missverstanden und zu Unrecht belehrt. Die geistigen und historischen Voraussetzungen sind nicht die gleichen, und man muss schon gegenseitig viel Verständnis, Nachsicht und Geduld aufbringen, um allmählich zum Konsens zu gelangen.

Und die Schweiz?

Die Schweizer sind ein glückliches Volk. Seit dem legendären Rütlischwur im 13. Jahrhundert mit Hilfe des ebenso legendären Wilhelm Tell haben sie frei und in Frieden gelebt. Selbst im turbulenten zwanzigsten Jahrhundert haben sie ihre Freiheit bewahrt und sind eine Insel des Friedens geblieben. Trotz allem sind aber auch die Letten ein glückliches Volk, doch mit viel mehr Mühe und Not. Als die Schweizer ihre Freiheit gewannen, wurde das Land der urlettischen Volksstämme von deutschen Kreuzfahrern erobert. Sie hatten keinen Wilhelm Tell, keinen Rütlischwur. Aber sie überlebten die Fremdherrschaft, wurden ein Volk und eine Nation, die 1918 ihre Unabhängigkeit erklärte und sie in Freiheitskämpfen befestigte. Das währte aber nur kurze Zeit, und die Letten mussten wieder den Hut vor den Okkupanten ihres Landes ziehen. Aber trotz allem haben sie nie ihren Freiheitsdrang verloren. Selbst in grösster Not hatten sie eine Waffe parat - das Gedicht und den Gesang. (Valdis Muktup?vels singt auf Lettisch.) Sie sangen: "Meine Sorgen steck' ich unter den Stein und singend geh' ich darüber querfeldein". Sie zitierten Aspazija und Rainis und rezitierten ihre dichterischen Nachfolger, die wie sie in folkloristisch verschleierten Worten und Metaphern die Freiheit auch während der Okkupation beschwörten. So haben sie die Zeit der Abhängigkeit und Unterdrückung überlebt und siebenhundert Jahre nach den Schweizern in der Singenden Revolution ihre Freiheit und Unabhängigkeit wieder erlangt. Jetzt gilt es, sie zu bewahren und zu beschützen. Es gilt, die Erinnerung zu pflegen und die Zukunft zu ergreifen. Es muss gelingen. Es wird gelingen.

Es gibt viele Steine in Lettland. In Lettland wird noch viel gesungen.

Valters Nollendorfs

Der Autor ist Direktor für Aussenbeziehungen des Lettischen Okkupationsmuseums in Riga.