Nr. 28, 16. November 2007
Aufgaben
der Schweizer Bildungspolitik
Anpacken statt lamentieren
Von Hermann Suter-Lang, Greppen LU
Die Schweiz kann als rohstoffarmes Binnenland nur dann überleben, wenn ihre Menschen in Sachen Bildung und Forschung weltweit in der obersten Liga mithalten können. Wir können unseren Platz in dieser obersten Liga nur mit Mühe halten und haben unseren Platz in Teilbereichen sogar verloren. Was ist geschehen?
Bis Ende der sechziger Jahre verfügte die Schweiz über ein insgesamt solides Bildungswesen auf hohem Niveau. Die klar strukturierten (öffentlich-staatlichen) Volksschulen vermochten gute Grundlagen für den Weg über die Berufsschulen einerseits und die Gymnasien/Seminarien andererseits zu legen. Eine klar definierte eidgenössische Maturitätsverordnung öffnete die Türen zu den klassischen Hochschulen. In einigermassen vernünftigen Ausbauschritten brachten Höhere Technische Lehranstalten und Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschulen sinnvolle Ergänzungen im tertiären Bereich.
Rückblickend kann gesagt werden, dass die Kinder in den Kindergärten noch Kinder sein durften und die Ausbildung der entsprechenden Lehrkräfte kindgerecht vermittelt wurde.
Die Primar- und Sekundarschulen akzeptierten die Tatsache, dass eben nicht jedes Kind "den Marschallstab im Tornister" hat. Weniger intellektuell Begabte durften, ihrem Leistungsvermögen entsprechend, etwa eine Realschule oder gar eine Werkschule besuchen. Für besonders betroffene Kinder führte der Staat Hilfsschulen (pädagogische Sonderschulen) ein. Die Selektionskriterien waren definiert und ein gut organisiertes Inspektionswesen stellte die nötigen Qualitätskontrollen sicher.
Kindergerechte Schulung
Insgesamt wurde auch auf diesen Stufen kindgerecht geschult und so sichergestellt, dass jedem Kind das Erlebnis des schulischen Erfolges gegeben wurde. Fairerweise muss erwähnt werden, dass es natürlich auch in dieser "heilen Welt" immer wieder Eltern gab, welche aus ihren Töchtern und Söhnen schulische Leistungen "pressen" wollten, die einfach nicht vorhanden waren. Enttäuschungen und Frustrationen blieben nicht aus. Und natürlich gab es zu allen Zeiten und auf allen Stufen "Hornochsen" von "Volksbildhauern". Nennen Sie mir eine einzige andere Berufskategorie in welcher es keine solchen Versager gegeben hat, gibt und immer geben wird!
Während die Ausbildung der Lehrkräfte (der Volksschulen) nach dem stark praxisorientierten sog. "seminargebundenen Weg" verpflichtet blieb und insgesamt sehr gute Resultate zu erbringen vermochte, lag die methodisch-didaktische und pädagogisch-psychologische Ausbildung der Gymnasiallehrkräfte bis weit in die Siebzigerjahre hinein im Argen.
Die Eidgenössische Technische Hochschule genoss weltweit einen guten Ruf. Analoges galt von den Universitäten - wobei die "katholische" Universität Freiburg i. Ue. - stets mit besonders kritischen Augen betrachtet wurde.
Auffallend auch, dass die einzelnen Schulstufen und Schulhäuser, die Schulleitungen und Lehrkräfte einen relativ hohen Grad an Eigenverantwortung und damit an Freiheiten in der Schulführung vor Ort hatten. Das "klassische Inspektionswesen" ging von einem grundsätzlich humanistisch-positiven Kontrollansatz aus und versuchte Fehlentwicklungen rechtzeitig zu stoppen - dass dies nicht immer und überall gelang, sei nicht verschwiegen.
Zusammenfassend darf zu dieser Phase von einer soliden, pragmatisch und kontinuierlich weiterentwickelten und der humanistischen Pädagogik verpflichteten schweizerischen Bildungspolitik gesprochen werden. Die Dinge blieben überschaubar: "Man wusste, woran man war".
Die Achtundsechziger-Bildungsrevolution
Die Ursprünge der neomarxistischen "New Left" gehen auf die USA zurück. Hier näher darauf einzugehen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Ich kann weder auf Jean-Paul Sartre, noch auf Herbert Marcuse, Jürgen Habermas oder gar Daniel Cohn-Bendit, geschweige denn auf die "rote Heide" Wieczorek-Zeul (zuletzt Ministerin im Kabinett Schröder), noch auf den späteren deutschen Aussenminister Joschka Fischer eingehen.
Neomarxistische Bildungsapostel
Dem verhassten "Establishment" musste in den Augen der Neomarxisten vor allem das Bildungswesen aus der Hand genommen werden. Schliesslich, so diese Neomarxisten, waren die Schulen Teil des kapitalistischen Herrschaftssystems (bzw. von dessen "Unterbau") und deshalb mit ein Erzfeind auf dem Wege zu einer "neuen Gesellschaft" zum "Hombre nuevo" (zum "Neuen Menschen"). Es galt, das bürgerlich-kapitalistische Bildungssystem zu zertrümmern und "Tabula rasa" zu machen. Alles Autoritäre war - gerade auch in der Bildungspolitik - des Teufels. Alles "Anti-Autoritäre" wurde "modern".
Berühmt ist jene Anekdote nach welcher ein neomarxistischer Lehrer namens Fritz dem damaligen Zürcher Erziehungsdirektor Alfred Gilgen (der Mann kämpfte wie ein Löwe gegen die Sturmflut der Neomarxisten) telefonisch mitteilte "Du Alfred, chasch mer mit dyne Awisige i d'Schue blase - ich dutze mini Schüeler!". Worauf Gilgen Stunden später den Mann wissen liess: "Gäll, Fritz, muesch de am Mändig nümme cho". Gilgen war einer der letzten Erziehungsdirektoren, der "den Pfeffer roch" und sich entsprechend zur Wehr setzte.
Der neomarxistische "Umbau" ging indes mit hohem Tempo weiter: Totale Chancengleichheit, Aufhebung der Polarität der Geschlechter, "Laisser-faire", Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung, Liberalisierung der Drogen, Schule ohne Noten, emanzipatorische Pädagogik usw. Insgesamt ein wilde, eine wüste Zeit!
Die ideologische Attacke überraschte viele Bildungsdepartemente wie weiland die Sicherheitspolitiker nach dem Fall der Berliner Mauer. Und es passierte, was passieren musste: Neben dem wüsten Treiben der neomarxistischen Bildungsapostel (die ihren "langen Marsch durch die Institutionen" zielgerichtet fortsetzten) und ihren vielfach irregeleiteten Sympathisanten, begannen sich die staatlichen Reformkarusselle unter dem (medienmässig wacker flankierten) Druck immer schneller zu drehen.
Ich habe viele Lehrkräfte erlebt, die unter der Reformenlast regelrecht zusammenbrachen. Im Jahre 1981 habe ich im luzernischen Kantonsparlament einen "Marschhalt" in Sachen Reformpolitik gefordert. Das neomarxistische Bombardement gegen den "erzreaktionären Militärkopf Suter" folgte auf dem Fuss!
Im selben Jahre 1981 habe ich dieser Forderung eine "Motion zur Totalrevision der Erziehungsgesetzes" nachgeschoben. Die Motion wurde gegen den Willen der Regierung (und der damals noch absoluten Mehrheit der CVP-Fraktion) erheblich erklärt. (zwanzig Jahre später ist das neue Erziehungsgesetz erschienen).
Keine andere Persönlichkeit hat die fatalen Folgen der neomarxistischen Gesellschaftsideologie und vor allem der Achtundsechziger-Bildungsrevolution so klar erkannt und immer wieder den Mahnfinger erhoben, wie Christa Meves (*1925). Unter dem Titel "Freiheit will gelernt sein" schrieb sie u.a. was folgt:
"Besonders gefährdend wirken sich Tendenzen in der Schulerziehung aus, die man als Konfliktpädagogik oder als Erziehung zur Autonomie bezeichnet Die Vorstellung personaler Pädagogik, dass die Jungen die Weisheit und Souveränität bereits zu haben hätten, ist daher eine gefährliche Verführung, deren negative Folgen gar nicht klar genug erkannt werden können. Was hat eine solche Erziehung, in der jegliche natürliche Hierarchie abgeschafft ist, für Auswirkungen? Die Kinder werden oft unerträglich nachlässig und altklug. Sie reden über alles und jedes mit Slangausdrücken oder in Fremdwörtern, die sie selbst nicht verstehen. Sie fällen über alles eine Art Urteil, ohne genug Durchblick zu haben. Kritisieren, Verneinen, Verurteilen, Sich-Mockieren wird zum abstossenden Verhaltensstil Dieses durchgängige Erziehen zum Laissez-faire, zu Missbrauch und Verneinung blockiert in erschreckender Weise die Bildsamkeit und Lernfähigkeit der Jugendlichen Entsteht unter einem verabsolutierten Laissez-faire vom Grundschulalter ab im Schulunterricht ein antiautoritäres Klima, was in unserem Land in den staatlichen Schulen nicht selten noch immer der Fall ist, so gibt es in der Fehlentwicklung zur Verendigung kein Halten mehr ".
"Am Ende verachten die Jugendlichen dann auch die Gesetze, wie sie niemanden und nichts mehr als Herrn über sich anerkennen wollen. Und das ist der schöne, jugendfrohe Anfang der Tyrannei!" (Plato, um 450 v.Chr.)
Und weiter:
"Freiheit kann es aber nur geben, wenn sie nicht Anarchie bedeutet, sondern den jungen Menschen an ihren negativen Erfahrungen die Einsicht vermittelt, dass Verwirklichung von Freiheit die Anerkennung ihrer Grenzen zur Voraussetzung hat, und das heisst: dass die Bereitschaft zum Gehorsam als nötig erkannt und eingeübt worden ist, und das bedeutet auch zu erkennen und anzunehmen, dass es notwendig ist, sich in die Institutionen Familie, Kirche, Schule und Staat angemessen einzufügen, weil sie ihn beschützende, bergende und fördernde Institutionen sind. Auf dem Weg zu diesem Status braucht es aber unabdingbar diejenigen, die vor ihm gehen - Eltern, Lehrer, Staatsmänner - als Orientierungsmarken und Vorbilder. Das Bedürfnis nach Vorbildern ist für den Menschen so elementar, dass er sie geradezu suchtartig zu suchen beginnt, wenn sie für ihn nicht vorhanden sind oder man sie ihm durch die Gleichheitsideologie verleidet. Auf diese Weise ist heute die grosse Gefahr entstanden, dass Jugendliche in die Hand von Sektenführern oder dämonischen Idolen geraten und einem konstruktiven Einfluss und sinnvollem Lebensentwurf entgleisen "
Das sind ausserordentlich bedenkenswerte Worte von Christa Meves. Ich teile ihre Beurteilung der Lage.
Der Jugendliche braucht heute in Schule und Elternhaus Vorbilder, die wertvolles Leben echt, schlicht und unprätentiös vorleben. Das Vorbild-Sein beginnt bereits bei den Eltern des Säuglings und Kleinkinds - die sich opferbereit für ihr Kind einsetzen. Denn nur diese Kinder erwerben jene vertrauensvolle Nachahmungsbereitschaft, die die Basis aller Schulpädagogik ist."
Die weise alte Dame spricht von einer "kollektiven Neurose", von einer "seelischen Erkrankung". Von einer "Form der Krankheit der Leere.".
"Aus dem Unvermögen, die Sinnlosigkeit zu ertragen, die ihnen aus der Lebensweise der Erwachsenen entgegenschlägt, wächst letztlich auch ein revolutionärer Impuls, wächst die Gefahr zu unkritischem Mitläufertum, wächst das Bedürfnis nach Betäubung im Jazz-, Hasch-, Heroin-, Ecstasy- und Alkoholrausch, in Spielsucht, im Geschwindigkeitsrausch, in der Krawallsucht und im Bandenwesen. Damit wird deutlich, dass an dieser jungen Generation kein unfassliches Wunder der Entartung geschehen ist, sondern eine Umwandlung als Reaktion auf eine veränderte, geistig labil gewordene Welt "
Christa Meves trifft mitten ins Schwarze! Ihrer scharfsinnigen Analyse ist nichts hinzuzufügen. Persönlich stelle ich fest, dass sich das Reformenkarussell weiter und munter dreht. Ich stelle fest - um nur ein einziges Beispiel "moderner Bildungspolitik" herauszugreifen, dass die "Schule mit Zukunft" der Idee einer "Basisstufe" das Wort redet, in welcher Kindergarten und beginnende Primarschule vereint werden. Schwächer begabte Kinder werden "voll integriert" und dann durch zusätzliche Betreuungs- und Stützangebote möglichst in den "Regelklassen" behalten. Gleichzeitig melden sich immer mehr Eltern aus der Betreuungspflicht gegenüber ihren Kindern ab und rufen Teile der Politik immer lauter nach Kinderkrippen, Tagesschulen, zusätzlichen Betreuungsangeboten usw. Ausgerechnet die selbsternannte "Familienpartei" hausiert mit dem Ruf nach 50'000 Krippenplätzen im Lande herum! (CVP-Präsident Darbellay u.a. in der "Arena" vom 12. Oktober 2007).
Wir bezahlen wahrlich einen teuren Preis für die Irrwege der Achtundsechziger-Ideologen und ihrer zahlreichen Mitläuferinnen und Mitläufer! Seien wir froh und dankbar, dass wenigstens die Berufsbildung noch einigermassen intakt ist - hier hat der Bund wesentlich mehr Einfluss und wird er gleichzeitig unmittelbarer und direkter durch die (Privat-) Wirtschaft kontrolliert.
Es braucht wenigstens dreissig Jahre - eine ganze Generation - um die Dinge wieder einigermassen ins Lot zu bringen.
Weil die staatlichen Schulen - in Anliegen, die den erwähnten Bildungsfachleuten nicht ins Konzept passen - extrem langsam mahlende Mühlen sind, bleibt uns realistischer Weise nur der Weg übrig, der über qualitativ hochstehende, der modernen humanistischen Pädagogik verpflichtete Privatschulen führt. Nur so wird es gelingen, wenigstens einen Teil unserer zukünftigen Generationen wieder in die obersten Bildungs- und Forschungsligen zu bringen.
Die Linke wird angesichts
dieser Forderung aufheulen und von "Zweiklassen-Gesellschaft" reden.
Ich frage Sie: Was ist die Alternative in der öffentlichen Schule - angesichts
der oben dargelegten Diagnosen?
Hermann Suter