Nr. 28, 24. November 2006

Kuschen vor den Empörten?
Von Appeasement profitiert der Aggressor

Von Claudio Zanetti, Kantonsrat, Zollikon ZH

"Multi-Kulti" ist gescheitert. Es vergeht mittlerweile kaum ein Tag, an dem uns nicht die Schwierigkeiten im Zusammenleben zwischen den Kulturen schmerzlich ins Bewusstsein gerufen werden. Der Islam und die jüdisch-christlich-abendländische Kultur erweisen sich zunehmend als inkompatibel.

In seinem neuen Buch prangert Henryk M. Broder die Lust des Westens am vorzeitigen Kapitulieren an. Es empfiehlt sich, es zu lesen.

Fast könnte man meinen, der Kampf gegen die schleichende Islamisierung Europas sei ausschliesslich Angelegenheit einiger weniger mutiger Frauen wie der kürzlich verstorbenen italienischen Journalistin Oriana Fallaci, der französischen Feministin und Philosophin Elisabeth Badinter, ihren beiden Landsmänninnen, den Autorinnen Michèle Vianès und Caroline Fourest, der Engländerin mit ägyptischen Herkunft Bat Ye'or oder der deutschen Feministin und Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer. Henryk M. Broder hat den Beweis erbracht, dass es auch Männer gibt, die nicht bereit sind, zu kuschen, geschweige denn, voreilig die Waffen zu strecken.

Selbstzerstörerische politische Korrektheit

In seinem neuen Buch "Hurra, wir kapitulieren. Von der Lust am Einknicken" (wjs Verlag) analysiert Broder die Feigheit der Europäer im Umgang mit dem totalitären Islamismus. Auf höchst scharfsinnige und zugleich unterhaltsame, bisweilen gar humorvolle und ironische Art und Weise beschäftigt er sich mit der Selbsttäuschung und den Illusionen all derer, die einer längst überholten politischen Korrektheit nachleben und darum lieber Israel und die USA kritisieren, anstatt diese in ihrem Kampf gegen des islamischen Faschismus und die arabische Tyrannei zu unterstützen.

Broder beginnt mit dem Eingeständnis, auf Terroristen stets ein wenig neidisch zu sein. Weil die von unserer Gesellschaft so viel netter behandelt würden als andere. Wer ein Auto klaue und damit einen Menschen an einer Kreuzung totfährt, der sei ein Verbrecher und werde entsprechend bestraft. Wer sich jedoch mit einer Bombe im Rucksack in einem Bus in die Luft sprenge und andere Passagiere in den Tod reisse, der gelte als ein Märtyrer, der mit Mitleid rechnen kann. Schliesslich sei er ein gedemütigter, erniedrigter, verzweifelter Mensch, der sich nicht anders zu helfen gewusst habe.

"Völlig zu Recht halten die islamischen Fundamentalisten den Westen für schwach, dekadent und nicht einmal bedingt abwehrbereit", schreibt Broder. Wer als Reaktion auf Geiselentführung und Enthauptungen, auf Massaker an Andersgläubigen, auf Ausbrüche kollektiver Hysterie wegen einiger läppischer Karikaturen mit der Forderung nach einem "Dialog der Kulturen" antworte, habe es nicht besser verdient. Broder kritisiert weiter, dass es inzwischen nicht einmal mehr die konkrete Androhung von islamistischer Gewalt brauche, es reiche eine vage "Gefährdungsanalyse" einer überforderten Intendantin, um Opern, an denen sich Muslime stossen könnten, vom Spielplan abzusetzen.

Broder erinnert in diesem Zusammenhang an einen dänischen Politiker, der in den siebziger Jahren aus Spargründen vorgeschlagen hatte, das Militär abzuschaffen und im Verteidigungsministerium lediglich einen Anrufbeantworter aufzustellen, der auf russisch die Erklärung abgibt, man kapituliere. Nun sei offenbar nicht nur im Staate Dänemark etwas faul, sondern in ganz Europa, führt Broder aus. Erfrischend polemisch spielt er Alternativen durch, die sich den Europäern böten. Als da wären die öffentliche Solidarität mit Künstlern, die von islamistischen Zeloten bedroht werden, und eindeutige Verteidigung der Meinungsfreiheit. Mit einem Wort: Mut. - Und den kann man ihm nicht absprechen.

Keine Toleranz gegenüber Intoleranz

Gnadenlos kritisiert Broder diese defätistische Haltung, die im so genannten Karikaturenstreit, bzw. in der Reaktion des Westens auf die darauf zurückgeführten gewalttätigen Ausschreitungen und Botschaftsstürmungen einen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Broder erkennt darin ein Paradebeispiel dafür, wie Appeasement aussieht, und welche Folgen es hat: Einige Imame aus Dänemark reisen mit den zwölf Zeichnungen aus der Zeitung "Jyllands-Posten" im Gepäck, die sich auf wundersame Weise um einige viel drastischere Bilder vermehren, durch die islamische Welt und initiieren eine Kampagne gegen die vermeintliche Beleidigung des Propheten. Zahlreiche Tote und einige niedergebrannte europäische Botschaften später fordern Politiker in Europa nur noch "Deeskalation" und "Besonnenheit" - in der ihnen eigenen äquidistanten Haltung natürlich von Europäern und Muslimen gleichermassen. Vom Hinweis auf die eigenen Werte kaum eine Spur. Das freie Europa knickte ein. Eine Befriedung erreichte das allseits beteuerte Verständnis für die religiösen Gefühle der islamischen Welt trotzdem nicht. Es frage sich darum, "ob Respekt, Rücksichtnahme und Toleranz die richtigen Mittel im Umgang mit Kulturen sind, die sich ihrerseits respektlos, rücksichtslos und intolerant gegenüber allem verhalten, das sie für dekadent, provokativ und minderwertig halten".

Genau hier hakt Broder ein. Von Appeasement, von einer vorzeitigen Kapitulation, vom Zurückweichen des Rechts vor dem Unrecht profitiert am Ende immer nur der Aggressor. Auch Hitler hatte am Vorabend des zweiten Weltkriegs, den er mit dem überfall auf Polen vom Zaume riss, nur Hohn und Spott übrig für die Appeasement-Politiker, welche die Gefahr, die von ihm ausging, nicht wahrnehmen wollten. In seiner berühmten Ansprache den Oberbefehlshabern der Wehrmacht auf dem Obersalzberg, wischte er Bedenken, die Allierten könnten sich ihm entgegenstellen, mit dem Hinweis beiseite: "Unsere Gegner sind Würmchen, ich sah sie in München." Nur Männern von der Charakterstärke eines Winston Churchills war es zu verdanken, dass der Hasardeur schliesslich auf echten Widerstand stiess. Daraus sollten die entsprechenden Lehren gezogen werden.

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In der alten Bundesverfassung fand sich in Artikel 11 das klare Verbot, Militärkapitulationen abzuschliessen. Suchen Sie die entsprechende Bestimmung einmal in der neuen, "nachgeführten" Bundesverfassung. Sie werden sie nicht finden. Kapitulieren ist in der Schweiz seit dem 18. April 1999 offiziell erlaubt.

Claudio Zanetti


Henryk M. Broder. Hurra, wir kapitulieren. Von der Lust am Einknicken. wjs, Berlin 2006.