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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 10. Dezember 2004

Der Nationalrat und die Bilateralen II

Augen zu und durch

In irgendeinem Schreibtisch zu Bern liegt, in einer sorgfältig verschlossenen Schublade, ein brisantes Gutachten. Es wurde verfasst vom Genfer Professor Oberson, einem erfahrenen Sachverständigen für Fragen des Finanzplatzes und des Bankwesens.

Dieses Gutachten Oberson wurde vom Bundesrat in Auftrag gegeben. Es wurde aus Steuergeldern bezahlt. Man weiss, dass dieses Gutachten markant formulierte Warnungen enthält: Mit Zustimmung zum Schengen-Vertrag und zum sog. Betrugsdossier müsse das Schweizer Bankkundengeheimnis als verloren betrachtet werden - was äusserst schwerwiegende Auswirkungen auf den Finanzplatz Schweiz und die mit ihm verbundenen Tausenden von Arbeitsplätzen habe. Dieses Ergebnis des Gutachtens Oberson ist bekannt. Aber nicht bekannt ist, wie Oberson dieses brisante Urteil begründet.

Die SVP verlangte im Nationalrat, der Inhalt dieses brisanten Gutachtens Oberson müsse dem Parlament zur Kenntnis gebracht werden, damit es in wirklich umfassendem Wissen um alle zu berücksichtigenden Aspekte kompetent über die Zukunft des Bankkundengeheimnisses entscheiden könne. Das Parlament lehnte das SVP-Begehren ab. Es will also nicht teilhaben am Fachwissen eines ausgewiesenen Spezialisten. Ohne Sachkunde fallen Entscheidungen leichter. Augen zu und durch, heisst die Parole. Denn die Parlamentsmehrheit will, gleich wie die Mehrheit im Bundesrat, nach Brüssel. Um jeden Preis! Dafür braucht sie ein Ja zu Schengen. Das Ja ist ihr so wichtig, dass dafür selbst elementare Interessen der Schweiz aufs Spiel gesetzt - oder gar verhökert werden. Der Finanzplatz - weltweit geschätzt, weil er die Privatsphäre seiner Kunden bis heute respektiert - könnte Opfer dieser Ausverkaufs-Mentalität zugunsten Brüssels werden.

Wenn Brüssel winkt, werden elementare Interessen des Landes im Parlament kleingeschrieben. Die Parlamentsmehrheit verhindert gar, dass dem Parlament all jene Unterlagen zur Verfügung stehen, die dem Bundesrat zu seiner Meinungsbildung zur Verfügung standen. Genaue Sachkenntnis stört das Parlament. «Augen zu und durch», heisst die Losung. So taumelt die Schweiz Schengen und Brüssel entgegen.


Ulrich Schlüer


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