Nr. 28, 10. Dezember 2004

Die Schweiz in Europa - Die Schweiz auf der Weltbühne
«Es fehlt ein Gestalter ...»
Ein letztes Gespräch mit alt Bundesrat Hans Schaffner

Das hier wiedergegebene Gespräch mit alt Bundesrat Hans Schaffner fand vor gut drei Jahren statt. Hans Schaffner, der fähigste Kopf bei der Ausgestaltung der schweizerischen Aussenpolitik in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, äusserte sich darin ausführlich über die Stellung der Schweiz in der Welt - in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Körperlich schon sehr gebrechlich, beeindruckt Hans Schaffner in diesem Gespräch durch seine klare, logische Argumentation und seine beeindruckende Formulierungsgabe. Bis in Einzelheiten fundiert, kommentiert er sowohl die grossen Linien als auch Einzelfragen der Politik. Hans Schaffner hat die Aufzeichnung dieses Gesprächs persönlich überprüft. Weil darin auch kritische Bemerkungen zu bundesrätlichen Entscheiden von
Nachfolgern abgegeben werden, machte er zur Bedingung, dass die «Schweizerzeit» von diesem Gespräch erst nach seinem Ableben berichten dürfe.

Damit erhält die Aufzeichnung dieses Gesprächs den Charakter eines Nachrufs auf einen grossen Schweizer, der sich für Volk und Land höchste Verdienste erworben hat. Ulrich Schlüer


Die Schweiz und die Welt
Hat Bundesrat Hans Schaffner zu seiner Zeit die Aussenwirtschafts- und die Aussenpolitik der Schweiz auch klar dominiert, so beurteilt er das Handeln heutiger Verantwortungsträger betont zurückhaltend. Dennoch sind ihm einige Grundsätze, deren stetige Beachtung er als unabdingbar für erfolgreiche Aussenpolitik einstuft, zu entlocken.

Bescheidenheit
Aussenpolitik - so lautet einer von Schaffners Grundsätzen - darf niemals teuer sein. Wer sich über die Kosten seiner Aussenpolitik nie glaubt Rechenschaft ablegen zu müssen, wird nie im Interesse des Landes handeln. Folglich darf ein schweizerischer Bundesrat nie Selbstdarsteller sein. Seine Funktion auf Landesebene entspricht jener des Gemeindepräsidenten auf Gemeindeebene. Eine weltpolitische Rolle zu spielen, verbietet sich dem Vertreter des Kleinstaats. Allein in der Haltung bewusster Bescheidenheit und Unaufdringlichkeit kann - selbstverständlich auf der Grundlage umfassender Sachkompetenz - Einfluss auf internationaler Ebene gewonnen werden.

Es war - davon ist Hans Schaffner zutiefst überzeugt - auch diese traditionelle, dem Schweizer eigene Art bescheidener Zurückhaltung, die im Zweiten Weltkrieg, als unser Land von den Achsenmächten jahrelang völlig eingeschlossen war, entscheidend dazu beitrug, der Schweiz das Überleben in Unabhängigkeit und Freiheit zu sichern, während um sie herum die Welt in den Schrecken des Krieges versank.

Wirtschaftsblüte und Leistung
Die gleiche Generation, die das Land mit ihrer politisch begründeten Haltung bescheidener Unaufdringlichkeit aus dem Zweiten Weltkrieg herauszuhalten vermochte, legte nach dem Krieg auch den Grundstein für eine wirtschaftliche Blüte, die in der Schweizer Geschichte ihresgleichen sucht. Jahre später erst gesellten sich zu den Nachkriegs-Leistungserbringern einige andere, an Zahl und Einfluss rasch gewinnende Kräfte, die von den Früchten der von andern erbrachten Leistungen ebenfalls kosten wollten. Sie verstanden es, unter Beschwörung moralischer Ansprüche allerlei Anliegen zu formulieren und damit rasch anschwellende Geldflüsse in ihre eigenen Kanäle zu lenken. Nie verschwendeten sie dabei Zeit auf die Frage, ob die von andern erarbeitete Substanz für die von ihnen beanspruchten Geldflüsse überhaupt ausreiche. Die Sorge, das Land könnte als Folge finanzieller Überbeanspruchung einer allmählichen Auszehrung ausgesetzt werden, war - so Schaffner - die Sorge dieser notorischen Forderer nie.

Der Unabhängigkeit überdrüssig?
Die gleichen politischen Kräfte, welche für die oft verantwortungslose Abschöpfungspolitik in unserem Land verantwortlich sind, entwickelten bezeichnenderweise kaum Abwehrwille, als in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre die bekannten, böswilligen Angriffe ergingen auf die Ehre der Schweiz im Zusammenhang mit der von unserem Land während des Zweiten Weltkriegs erfolgreich geführten Politik der Selbstbehauptung. Jene, die den Sozialstaat bedenkenlos übernutzten, nahmen die Angriffe entweder teilnahmslos hin - oder sie unterstützten sie gar noch. Ob sie, sich gerne als «Öffnungs-Befürworter» in Szene setzend, auf diese Weise der Schweiz einen respektierten Platz auf der Weltbühne glauben sichern zu können?

Zum Resultat, das die auch mit erpresserischen Mitteln gegen die Schweiz geführte Politik erbracht hat, meinte alt Bundesrat Hans Schaffner im Rückblick bloss: «Jene Generation, die unter grossen persönlichen Opfern der Schweiz im Zweiten Weltkrieg Unabhängigkeit und Freiheit gesichert, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Grundstein für den Wohlstand der Nachkriegszeit gelegt hat - jene Generation hat die erfahrene Ehrverletzung sicher nicht verdient.»

Freihandel als Wohlstands-Motor
So bedeutende Verdienste sich Hans Schaffner während des Zweiten Weltkriegs als Direktor der Eidgenössischen Zentralstelle für Kriegswirtschaft für das Überleben der Schweiz als unabhängiges, freies Land durch Gewährleistung ihrer Ernährung und Versorgung mit lebenswichtigen Rohstoffen erworben hatte, so eigenständiges Profil gewann er als weltweiter Förderer der Freihandels-Idee in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Sowohl als Direktor der Handelsabteilung als auch als Bundesrat und Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements verfolgte Hans Schaffner unbeirrbar sein
eigenes Konzept. Er entwickelte ausgeprägt eigenständige Methoden, wenn es galt, für vitale Ziele des Kleinstaates Schweiz auf den grossen Welthandelskonferenzen Durchschlagskraft zu entwickeln: Sorgfältigste Vorbereitung, also präzise Kenntnis der Standpunkte aller wichtigen, insbesondere der dominierenden Teilnehmer an wichtigen Konferenzen, genaue Festlegung des zu erreichenden Ziels, Identifizierung von «Freund und Feind» in den Verhandlungen, bescheidenes Auftreten, hartnäckiges Verhandeln, genaues Rekognoszieren möglicherweise nützlicher Umwege zum Ziel, das machte den «Stil Schaffner» in damaligen Welthandels-Runden und Konferenzen aus.

Aussenwirtschaftspolitik war - stellte Hans Schaffner im Rückblick auf sein Lebenswerk fest - damals, als die Kriegserfahrung das Denken der Völker noch prägte, einfacher zu führen als heute. Die Priorität des Ökonomischen zur Sicherung der wirtschaftlichen Existenz von Menschen und Völkern war kaum
bestritten. Jene Kräfte, die heute hinter dem Schutzschild sozialer und ökologischer Anliegen ihren Anteil am in den vorangegangenen Jahrzehnten erzielten Wirtschaftserfolg in Form von Machtteilhabe und/oder Subventionen einfordern, erzielten zur Zeit Schaffners noch kaum Wirkung. Das Ringen um wirtschaftliche Besserstellung verhalf der Freihandels-ldee sowohl in Europa als auch weltweit zum Durchbruch. Die Schweiz hatte massgeblichen Anteil am Erreichen dieses Erfolgs. Zum Beispiel im Rahmen der Kennedy-Runde der Welthandelsorganisation Gatt, die unser Land präsidierte, wobei Bundesrat Hans Schaffner mancher entscheidenden Verhandlungsrunde persönlich vorstand.

Erfolg und Gefährdung
Die Freihandels-ldee nutzte die Schweiz zur Regierungszeit Hans Schaffners ganz gezielt zur Durchsetzung eigener, vitaler Interessen. Die Durchsetzung dieser Idee befreite unser Land aus der wirtschaftlichen (und politischen) Umklammerung durch ihre viel stärkeren Nachbarn. Es war die Weltkriegserfahrung, also die Erinnerung an die existenzbedrohende, zeitweise totale Einkreisung der Schweiz durch das Dritte Reich im Weltkrieg, welche die Schweiz zu einem Motor der Durchsetzung der Freihandels-Idee werden liess. «Nie wieder Umklammerung» war das Losungswort, das breite Kreise von Wirtschaft und Bevölkerung breit mittrugen bei der Durchsetzung der Freihandels-Idee. Zusätzlich konnte die Schweiz dank schrittweiser Einführung von freiem Handel wichtige Übersee-Märkte - vor allem Japan - für sich gewinnen. Hans Schaffner bedauert, dass sich im letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts jene Kräfte weltweit durchzusetzen vermochten, die das Freihandels-Konzept in eine globale Wirtschaftsordnung umfunktionieren wollen. Der Welthandel wurde dadurch zum Spielball politischer Manöver. Weltweiter Dirigismus entwickelt sich. Ein Ergebnis dieser Entwicklung ist das regelrechte Heranzüchten unterschiedlichster Oppositions-Gruppierungen, die, orientiert an teilweise widersprüchlichen Zielsetzungen, heute in einer ungeordneten Koalition das internationale Handelssystem im Chaos teilweise gewalttätiger Demonstrationen regelrecht lahmzulegen versuchen - nicht ohne Erfolg. Für Schaffner auch eine Quittung für das Verlassen des erfolgreichen Prinzips «Offener Welthandel ohne auf Vereinheitlichung bedachten, politisch motivierten Dirigismus».

US-Hegemonie
Mit Lachen quittiert Hans Schaffner die Hegemonie-Allüren der USA auf den Welt-Konferenzen von heute. Der Florettfechter Schaffner vergleicht diese US-Allüren mit dem sprichwörtlichen Trampeln des Elefanten durch den Porzellanladen. Gemäss Schaffner unterschätzt die Weltöffentlichkeit gravierend, wie weit die Gegenmachtbildung gegen diese Hegemonie-Absichten der USA bereits in Gang gekommen ist. Als er, Schaffner, noch an internationalen Konferenzen teilgenommen habe, seien die Amerikaner weit geschickter, subtiler, aber auch erfolgreicher aufgetreten. Dabei selbstverständlich die Tatsache nutzend, dass damals die weltweite Dankbarkeit den USA als den Befreiern der Welt vor dem Nationalsozialismus gegenüber noch mit Händen zu greifen gewesen sei. Die gegenwärtig zweifellos existierende Vorherrschaft der USA beruht in der Sicht Schaffners auf der Bedeutung des Dollars. Um so kopfloser habe Europa gehandelt, als es die starke D-Mark, jahrzehntelang einzige echte europäische Alternative zum US-Dollar, dem labilen, unberechenbaren Euro opferte. Eine Tat blinder EU-Ideologen, die Europa damit in unverantwortlicher Weise der Übermacht der USA ausgeliefert hätten. Hans Schaffner äusserte sich überzeugt, dass solche Kurzsichtigkeit Europa noch einen hohen Preis abfordern werde.


Ulrich Schlüer