Nr. 28, 30. November 2001
Neues aus Bern...
Tschou statt Tschüss
Anlässlich eines Projektwettbewerbes zur Sanierung und Umgestaltung des Bahnhofplatzes in Bern wurden 17 Projekte eingereicht und durch eine Jury unter Leitung des SP- Stadtpräsi- denten, Dr. Klaus Baumgartner, beurteilt. 12 Projekte wurden sogleich ausgemustert, und von den verbleibenden 5 Entwürfen holte ein Zürcher Architektenteam den ersten Preis. Das Pro- jekt mit dem sinnigen Namen «Tschou statt Tschüss» ist nicht nur unbezahlbar, sondern tönt bereits in der Jurybewertung äusserst komplex und unverständlich.
Zitat: «Der Vorschlag eines den Platz überspannenden baldachinartigen Daches ist ein überzeugender konzeptioneller Ansatz, der es erlaubt, trotz der vielfältigen Nutzung und Gestaltung der Platzflächen eine städtebauliche Ordnung und ein der Stadt angemessenes Vestibül zu schaffen. Das grosse Dach vereint am Rande der Altstadt die verschiedenen Teile des Bahnhofplatzes. Der starke Ausdruck der neuen Ebene überspannt in bemerkenswerter Klasse die diffuse Situation Bahnhofplatz und stellt diesen in einen neuen Kontext. Das hohe Dach auf seinen feinen Stelzen schafft aus den barocken Aussen- wänden der Platzumrandung die Innenwände eines neuen Raumes. Das Projekt ist sorgfältig bearbeitet und gewährleistet die verkehrliche Funktionsfähigkeit.»
Alles klar? Nun, selbst nach mehrmaligem Durchlesen der Jury-Laudatio ist wenig bis nichts klar. Klar ist einzig, dass das geplante Glasdach über dem Bahnhofplatz rund 15 Millionen Franken kosten soll. Klar ist auch, dass an diesem Projekt ausser der Jury und dem Gemeinderat niemand Freude hat, und klar ist, dass das Glasdach nach einigen Monaten Betrieb wohl einen ziemlichen Reinigungs-aufwand verursachen wird. Die Debatte im Stadtparlament musste abends um 22.30 Uhr vertagt werden. Es bleibt so oder so die Hoffnung, dass die Bernerinnen und Berner diesem Projekt an der Urne definitiv «Tschüss» sagen werden.
Als Magierin erster Güte entpuppte sich im Parlament gleichzeitig die Verwalterin der maroden Stadt- finanzen, Finanzdirektorin Therese Frösch vom Grünen Bündnis. Nach mehrstündiger Detailberatung ergab sich im Voranschlag 2002 ein Defizit von 661'420 Franken. Wohlwissend, dass nur eine ausge- glichene Rechnung die vom Gemeindegesetz vorgesehene Vormundschaft durch den Kanton Bern vermeiden kann, zauberte die Finanzdirektorin umgehend eine Schlussbuchung aus dem Ärmel. Aus einer günstiger refinanzierten Anleihe ergab sich oh Wunder - genau ein Einsparungsbetrag von 661'420 Franken. Fazit: das Budget 2002 schliesst ausgeglichen ab, und gegenüber den kantonalen Behörden muss erneut kein Nachweis beigebracht werden, wie die aufgelaufenen und künftigen Fehl- beträge abgetragen werden sollen.
Es ist also wie immer: Die Berner Reitschule erhält ihren Betriebsbeitrag für Strom, Kehricht und Was- serverbrauch, das Gleichstellungsbüro bleibt ebenso bestehen wie die überdimensionierte Stadtverwal- tung mit ihren Fachstellen und Expertenbüros sowie den Beiträgen an die Entwicklungshilfe im Ausland. So einfach geht es im Staate Bern. Die Ratsdebatten um dasBudget 2002 von rund einer Milliarde Fran- ken kann man sich in Zukunft getrost ersparen und ohne Hemmungen «Tschou» oder «Tschüss zäme» sagen. Schade nur, dass die Hauptverantwortlichen später für ihre Misswirtschaft nie persönlich belangt werden können aber das ist ja neuerdings in der Privatwirtschaft auch gang und gäbe geworden.
Thomas Fuchs, Bern