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Der
aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer
am
17. Dezember 1999 zum Thema Bergier-Bericht
Ungewissheit
Die Veröffentlichung
des Bergier-Berichts zur Flüchtlingsfrage ist, bevor sie vor weni-
gen Tagen endlich erfolgte, mehrfach verschoben worden. Die Verschiebungen
nähr-
ten Spekulationen und Gerüchte: Die Kommission sei zerstritten. Gespalten
ob der
Frage, ob im Bericht die damalige Flüchtlingspolitik der Schweiz
mit jener der USA
im einzelnen verglichen werden oder ob die Schweiz ganz allein auf den
Prüfstand
gestellt werden solle. Schliesslich sei - auch dies war lediglich gerüchteweise
zu ver-
nehmen - ein Teil derSchweizer Mitglieder, insbesondere der Präsident
Prof. Bergier
selber, überstimmt worden. Vor allem die Ausländer in der Kommission
hätten durch-
gesetzt, dass die Schweiz allein Gegenstand des Berichts sein solle...
Brisante Zusammenhänge!
Zu brisant, um sie bloss der Gerüchteküche zu überlassen.
Nicht
zuletzt um den Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte abzuklären, wurde
aus dem Parlament das
Gespräch mit Verantwortlichen der Bergier-Kommission dringend gesucht:
Einwandfreies Wis-
sen sollte Gerüchte und Mutmassungen verdrängen, noch bevor
der Bericht erschiene.
Die Kommission und
ihr Präsident verweigerten sich - unter dürftigstem Vorwand
- dem anbe-
gehrten Gespräch, was - auch in dieser Spalte - scharfe und unwirsche
Reaktionen ausgelöst
hat. Während sich einige in demonstrativer Entrüstung ob dieser
Reaktionen ergehen, bleiben
wichtige Fragen nach der Veröffentlichung des Bergier-Berichts offen.
Warum überprüft der Be-
richt einzig die Flüchtlingspolitik der Schweiz? Warum blieb der
vom Bundesrat ausdrücklich
erteilte Auftrag, die damals von der Schweiz verfolgte Politik müsse
in Bezug gesetzt werden
zur Flüchtlingspolitik anderer Länder, besonders der damals
führenden Westmächte USA, Eng-
land und Frankreich, schlicht und einfach unberücksichtigt? Das damals
die eigentliche Kata-
strophe für die Flüchtlinge bewirkende Schlüsselereignis,
das unmissverständliche Nein der
USA, Englands, Frankreichs und anderer zur Aufnahme jüdischer Flüchtlinge,
ausgesprochen
an der Flüchtlingskonferenz von Evian im August 1938, wird vom Bericht
zwar in zwei, drei Zei-
len erwähnt. Insgesamt aber steht die Schweiz völlig allein
im Schussfeld, ja am Pranger: Eine
antisemitische Grundhaltung habe ihre Flüchtlingspolitik bestimmt,
behauptet die Bergier-Kom-
mission.
Ob an den Gerüchten
bezüglich Spaltung der Bergier-Kommission ob der Frage der isolierten
Darstellung der Schweiz etwas Wahres ist, darüber verweigerte diese
Kommission trotz recht-
zeitiger Anfrage das Gespräch. So bleibt Ungewissheit. Ungewissheit
darüber, ob es der Ber-
gier-Kommission wirklich um die sachgerechte Darstellung der damaligen
Flüchtlingspolitik im
Rahmen des von der internationalen Entwicklung gegebenen Handlungsspielraums
ging. Oder
ob mittels pauschalen Anklagen die Schweiz einfach mit Schmach überschüttet
werden sollte.
Ulrich Schlüer
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