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Nr. 27, 17. Dezember
1999
Schlusspunkt
Was wird aus Kosovo?
Der Friede in
Kosovo lässt lange auf sich warten. Die Region kommt nicht zur Ruhe,
weil eine Lösung, die alle zufriedenstellt, nicht denkbar ist. Wie
konnte es zu dieser
Situation kommen? Ist sie nicht auch auf ein gewisses Versagen seitens
der EU und
der USA zurückzuführen?
So hatte sich die
EU bereits 1991 mit einer gehörigen Dosis Naivität vorgenommen,
auf dem
Balkan für Frieden zu sorgen. Vergeblich hatte der Ex-Natogeneral
Gerd Schmückle den Poli-
tikern der EU und den Vertretern der Nato zum Vorwurf gemacht, dass sie
die Geschichte und
Psychologie des Balkans zuwenig studiert hätten. Rechtzeitig hatten
die mit den Verhältnissen
des Balkans vertrauten Historiker den Zerfall des von Tito geschaffenen
Jugoslawien vorausge-
sagt: Der Balkan werde in einen Abgrund von Nationalismus, ethischer Säuberung
und Krieg
gestürzt werden. Diese Voraussagen haben sich bewahrheitet. Erst
im Jahr 1995 ist es zum
Abkommen von Dayton gekommen. Es war ein verhängnisvoller Fehler,
dass die EU und die
Amerikaner das Abkommen von Dayton nicht dazu genutzt hatten, sich mit
der gespannten
Lage im Kosovo zu befassen.
Jedenfalls enthielt
die Vereinbarung nichts über Kosovo. Den Kosovo-Albanern blieb jedes
Zu-
geständnis versagt. Bedeutete dies nicht ein Zugeständnis an
Milosevic? Der Weg zur Radika-
lisierung war daher im Kosovo vorgezeichnet. Auch der von Präsident
Milosevic genehmigte
Friedensplan brachte bis heute keine Schritte in Richtung Frieden für
Kosovo. Zuerst waren
die Kosovo-Albaner Opfer des serbischen Terrors. Heute sind die Serben
Objekte des Terrors:
Mord, Brandschatzung, Vertreibung. Das Ziel der Kosovo-Albaner ist die
volle Selbständigkeit
eines eigenen Staates. Die Serben werden sich damit niemals abfinden.
Für sie ist Kosovo
das Herz Serbiens. Der Kosovo-Mythos rankt sich um die Schlacht auf dem
Amselfeld von
1389.
Die Serben sind trotz
Niederlage gegen die Türken davon überzeugt, dass sie 1389 das
Abend-
land vor dem Islam gerettet hätten. Was immer auch an Terror gegenüber
den Kosovo-Albanern
geschehen ist, so kann dafür nicht das serbische Volk verantwortlich
gemacht werden, so we-
nig als das deutsche Volk einzustehen hat dafür, was in Auschwitz
geschehen ist. Das serbi-
sche Volk ist ein tüchtiges Volk. Das weiss jeder, der mit serbischen
Wissenschaftern, Ärzten
und Arbeitern zu tun hat. Dieses Volk wird sich eines Tages zur Demokratie
bekennen. Eine
weitere Erniedrigung darf ihm nicht zugemutet werden und liesse sich auch
vor der Geschichte
nicht rechtfertigen.
Die gegenwärtige
Situation im Kosovo bleibt nicht ohne Einfluss auf die Schweiz. Es ist
unver-
ständlich, dass sich der Bundesrat bereit fand, eine unangemessen
hohe Zahl von Asylbewer-
bern aus Kosovo aufzunehmen. In erster Linie wäre dies Aufgabe der
EU-Staaten gewesen.
Leider zeigte sich dort wenig Bereitschaft zur Übernahme von Asylanten.
Zu einem solch weit-
gehenden Engagement hätte für die Schweiz kein Anlass bestanden,
zumal sie sich vergeblich
bemüht hatte, mit der EU zu Vereinbarungen in Sachen Asylwesen und
gemeinsame Verbre-
chensbekämpfung zu gelangen. Positiver wirkte die Nachricht, wonach
Bundesrätin Metzler
die Rückkehr der letzten Flüchtlinge aus Kosovo auf den 31.
März 2000 festgesetzt hatte.
Nach jüngsten
Meldungen sollen nun aber die letzten Flüchtlinge erst nach drei
Jahren zurück-
kehren. Eine solche Verzögerung ist unhaltbar und unannehmbar. Es
besteht kein Anlass, die
bisherige Rückkehrdynamik zu stoppen. Dies um so weniger, als die
Hilfe vor Ort sehr gross-
zügig ausgefallen ist: Der Bundesrat hat für humanitäre
Hilfe im Kosovo dieses Jahr einen Kre-
dit von 110 Millionen Franken bewilligt. Dazu kommen die via Glückskette
gespendeten 50 Mil-
lionen. Mit diesem Geld tragen die Hilfswerke zum Wiederaufbau im Kosovo
bei. Es besteht
daher kein Grund, die Rückkehr von Flüchtlingen um Jahre hinauszuschieben.
Der Bundesrat
ist nun zum Handeln gezwungen. Der Einfluss einer allgegenwärtigen
Flüchtlingslobby ist zu
stoppen. Der im Gesetzgebungsbereich wachsende bürokratische Wildwuchs
ist zu überwin-
den. Für das Eidgenössische Justizdepartement hat nun zu gelten:
Landgräfin, werde hart!
Richard Lienhard
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