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Der
aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 28.
September 2008
Gier
fordert ihren Preis
Niemand will wohl ernsthaft behaupten, die Finanzmärkte seien "aus heiterem Himmel" kollabiert. Man weiss, wie Schulden angehäuft, bedenkenlos ausgebeutet, dann addiert, kumuliert, multipliziert wurden - um geradezu besessen an in Leichtestbauweise zusammengeschusterten Schuldentürmen persönliche Gier noch viel exzessiver befriedigen zu können.
Natürlich wurden Warnungen ins Kleingedruckte von Anlage-Prospekten placiert. Doch jeder glaubte, er sei der Zweitletzte in der Kette; er könne das ganz grosse Geschäft, für das er sich auch persönlich über alle Grenzen verschuldete, noch bravourös ins Trockene bringen, bis danach ein anderer, der Letzte der Kette vom Zusammenbruch der Schultentürme in den Abgrund gerissen werde. Zentralisierung, der Glaube an schiere Grösse führte ins Verderben. Und jene, welche die Zentralisierung der Schuldentürme vollends auf die Spitze getrieben haben, dürfen die Verantwortung dafür jetzt gar auf "den Staat" abwälzen. Freilich: Nicht bloss die ganz Grossen haben sich mit Schuld beladen. Auch die Konsumenten haben - besonders in Amerika - wacker mitgezockt an der Verschuldungsblase. Und den vermeintlichen "Ertrag" daraus bedenkenlos konsumiert. Dass Schulden irgendwann zurückschlagen, Gier ihren unentrinnbaren Preis fordert, war zwar bekannt - aber nur theoretisch.
Zentralisierung, Risiko-Maximierung heisst das Übel. Die Alternative dazu ist der "Sonderfall", der selbstverantwortete, eigenständige Weg. Risiko-Minderung durch Risiko-Verteilung. Damit Risiken überblickbar, von Einzelnen tatsächlich verantwortbar werden. Die heute allein zur täglichen Geschäftsabwicklung bestehenden Sichtguthaben von Firmen und Privaten bei den beiden Schweizer Grossbanken betragen ein Mehrfaches des Jahresbudgets der Eidgenossenschaft. Der (heute leider denkbare) Kollaps einer oder gar beider Grossbanken würde die Eidgenossenschaft also bei weitem überfordern. Deshalb ist Aufteilung ihrer Geschäftstätigkeit in überblickbare, berechenbare, selbständige Einheiten zwecks Risiko-Aufteilung eine wirtschaftliche wie staatspolitische Notwendigkeit. Gleichzeitig bedarf die Nationalbank deutlich höherer Reserven - solider Reserven, Goldreserven! Allein zur Stützung einer soliden, eigenständigen Währung. Damit der Franken von den Strudeln einstürzender Schuldentürme nicht fortgerissen werden kann.
Einst wurde die Schweiz weltweit geachtet und geschätzt wegen ihrer Solidität ausstrahlenden Tugenden - gerade auch in Geldangelegenheiten, inklusive Bankkundengeheimnis. Jetzt muss sich zeigen, ob die Schweiz an diese alten, soliden Tugenden noch anknüpfen kann. Als Sonderfall, wo aus selbstverantworteter Leistung gewachsenes Vermögen als Eigentum respektiert und geachtet wird.
Ulrich Schlüer