Nr. 27, 28. September 2008

Lebenslügen progressiver Schulpolitik
Leistungsfeindlichkeit hat Konsequenzen

Von Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Ergolding bei Landshut

Im ersten Teil ("Schweizerzeit" vom 19. September 2008) seiner umfassenden Lagebeurteilung zur Volksschule hat der Präsident des Deutschen Lehrerverbands mehrere "Lebenslügen" angesprochen, welche dem Bildungswesen Schaden zufügen.

Der Gleichheitswahn sei die erste, die sog. "integrative Schule" die zweite, die Verlängerung der Primarstufe die dritte und die Akademisierung der Lehrerbildung die vierte "Lebenslüge progressiver Schulpolitik". Heute folgen Erläuterungen zu den Lebenslügen fünf bis acht sowie Schlussfolgerungen zur Gesamtsituation der Volksschule.

Spass-Schule

Die fünfte Lebenslüge lautet: Schule müsse vor allem Spass machen und dürfe die Kinder keinem Leistungsstress unterwerfen. Das ist falsch. Eine gerechte Schule kann nur eine Schule der Leistung sein.

Leider aber tut eine um sich greifende Spass-, Erleichterungs- und Gefälligkeitspädagogik so, als ginge alles ohne Anstrengung. Leistung und Begabung wurden schier zu Missgunst-Vokabeln. Da ist im Zusammenhang mit Schule in übler Weise immer wieder die Rede von "Leistungsstress", "Leistungsdruck", "Leistungsterror".

Mittelbar finden diese Diskriminierungen von Leistung in der politisch bzw. administrativ verordneten Schulpraxis manchen Niederschlag. Ich nenne die Liberalisierungen in der Notengebung, gar deren Abschaffung, die Egalisierung der Schulfächer und ihrer Inhalte, die Geringschätzung konkreten Wissens, die Vernachlässigung solider muttersprachlicher Bildung und den Verzicht auf Auswendiglernen und Kopfrechnen.

Wer das Leistungsprinzip bereits in der Schule untergräbt, setzt zugleich eines der revolutionärsten demokratischen Prinzipien ausser Kraft. In unfreien Gesellschaften sind Geldbeutel, Geburtsadel, Gesinnung, Geschlecht oder dergleichen sog. Allokationskriterien - also Kriterien zur Positionierung eines Menschen in der Gesellschaft. Freie Gesellschaften haben an deren Stelle das Kriterium Leistung vor den Erfolg und den Aufstieg gesetzt. Ein revolutionärer Fortschritt und zudem die grosse Chance zur Emanzipation für jeden Einzelnen.

Und auch Sozialstaatlichkeit ist nur mit dem Leistungsprinzip machbar. Ein simpler Beweis hierfür ist die Tatsache, dass zwanzig Prozent der besonders Leistungsfähigen siebzig Prozent des Steueraufkommens leisten. Deshalb kann das Sozialprinzip auch nicht über das Leistungsprinzip gestellt werden. Das Sozialstaatsprinzip ist allerdings ein dem Leistungsprinzip immanentes Korrektiv.

All dies gilt vor allem für Eliten, ohne die kein Gemeinwesen auskommt. Heute müssen wir vor allem aufpassen, dass uns vor lauter Pathos um den sozialen Ausgleich via Schulwesen nicht die Förderung von gesamtgesellschaftlich notwendigen Leistungs- und Verantwortungseliten abhanden kommt. Verschiedenheit ist jedenfalls keine Ungerechtigkeit. Vielmehr ist nichts so ungerecht wie die gleiche Behandlung Ungleicher. Nur in totalitären Organisationen gibt es die eine, zeitlose Gerechtigkeit als Ausdruck einer - gleichfalls totalitären - Glücksverheissung.

Halten wir fest: Leistungsfeindlichkeit ist ein Anschlag auf das Grundrecht der freien Persönlichkeitsentfaltung. Mit "Selektion" in dem von gewissen Leuten intendierten Sinn hat dies rein gar nichts zu tun. "Selektion" ist leider zum demagogischen Kampfbegriff geworden. Dieser Begriff soll offenbar gezielt dunkle Kapitel deutscher Geschichte assoziieren lassen. Ich halte dies für schäbig, denn hier wird ein millionenfaches Leid der Opfer des NS-Terrors für billige Zwecke instrumentalisiert.

Das Prinzip Leistung und das Prinzip Auslese sind nun einmal die beiden Seiten ein und derselben Medaille. Das ist in allen Ländern der Welt so. Zudem ist Auslese eine notwendige Voraussetzung für individuelle Förderung von Kindern. Die antithetische Formel "Fördern statt Auslese" ist grundfalsch. Es muss heissen: Fördern durch Differenzierung! Und es muss heissen: Fordern und Fördern, aber es geht nicht, die einen zu fördern und die anderen zu bremsen.

Kompetenzen statt Faktenwissen?

Die sechste Lebenslüge lautet: Die Schule habe nicht konkretes Faktenwissen, sondern Schlüsselqualifikationen und Kompetenzen zu vermitteln. Das ist falsch, denn eine qualitätsorientierte Schule kann nur eine Schule der konkreten Wissensinhalte sein.

Seit einiger Zeit wird der fachlich fundierte Schulunterricht von quasi-modernen Pädagogen in diskreditierender Absicht in die Nähe von "Paukunterricht", "Stoffhuberei" und "Schubladendenken" gerückt. Stattdessen - so heisst es - seien die Zauberformeln der "Schlüsselqualifikationen" und des "fachübergreifenden Lernens" angesagt. Dann, so die Heilserwartung, würde sich das ganze Füllhorn an Methoden-, Basis-, Horizontal-, Sozial- und Handlungskompetenzen wie von selbst über die Schüler ergiessen. Glaubt man!

Wir erleben es tagtäglich, was herauskommt, wenn es nur um inhaltsleere Kompetenzen, nicht mehr um konkretes Wissen geht. Vor allem im öffentlichen Bereich scheint die wichtigste Kompetenz für die Eroberung herausgehobener Positionen eine ganz bestimmte Kompetenz zu sein, nämlich die Inkompetenzkompensations-Kompetenz (Begriff von Odo Marquardt). Und das Ganze nennt man Wissensgesellschaft! Wahrlich ein Euphemismus! Es gibt keine Bildung ohne Inhalte. Schüler qua "Methodentraining" nur im Gebrauch des Textmarkers zu schulen, das ist Firlefanz. Wir brauchen wieder einen Primat der Inhalte vor den Methoden.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich bin für vernetztes, fachübergreifendes Denken. Dieses setzt aber solide fachliche Grundlagen voraus, sonst wird daraus eine Vernetzung von Nullmengen. Angesagt ist eine Renaissance des konkreten Wissens. Auch aus demokratie-politischen Gründen. Denn es gilt: Wer nichts weiss, muss alles glauben. Wer aber alles glauben muss, der wäre kein mündiger Bürger.

Wir brauchen eine Debatte um Inhalte. Wir brauchen einen Grundbestand an Literaturkenntnis, einen Grundbestand an Wissen in Kunst und Musik. Dies ist auch deshalb wichtig, weil kanonisches Wissen Verlässlichkeit bietet, weil es eine unverzichtbare Kommunikationsgrundlage ist und weil ein zu schmales Wissen (unter aller "Kanone") echte Kommunikation gar nicht entstehen lassen kann.

Wer erzieht?

Die siebte Lebenslüge lautet: Angesichts des gesellschaftlichen Wandels müsse die Schule immer mehr erzieherische Aufgaben übernehmen. Das ist falsch! Vielmehr gilt: Es gibt keine Bildungsoffensive ohne häusliche Erziehungsoffensive. In den letzten Jahren greifen indes mehr und mehr omnipotente Vorstellungen von Schule um sich. Schule soll offenbar zur "hypertrophen pädagogischen Anstalt" werden.

Davor muss Schule bewahrt werden. Denn Folge dieser Omnipotenz-Erwartungen ist, dass unsere Schulen immer noch mehr "Bindestrich-Erziehungen" bekommen: Umwelt-, Gesundheits-, Konsum-, Freizeit-, Medien-, Anti-Gewalt-Erziehung usw. Diese Inflation hat Folgen: Nämlich immer mehr Delegation elterlicher Erziehung an die Schule und damit einhergehend eine permanente Überforderung der Schule. Leider ist Erziehung zum Delegationsgeschäft geworden; sie findet über "outsourcing" statt. Wenn aber der Anteil jener Eltern immer grösser wird, die trotz immer mehr eigener Freizeit, trotz immer weniger Kinder ureigene Erziehungsaufgaben an die Schule delegieren, dann hat die Schule keine Chance, die Bildungsqualität zu verbessern.

Schulerfolg kommt nicht nur aus dem Klassenzimmer, er braucht eine ihm günstige familiäre Atmosphäre. Wenn die häusliche Vorbereitung der Schüler nicht klappt, dann klappt es auch in der Schule nicht. So einfach ist das.

Mit anderen Worten: In Sachen Bildung gibt es eine Bringschuld des Gemeinwesens, es gibt aber auch eine Holschuld, nämlich die Verpflichtung der Familie und ihrer Kinder, ein vom Gemeinwesen vorgehaltenes und steuerfinanziertes Angebot abzuholen! Hören wir also auf, für alles, was nicht klappt, den Staat und das "System" verantwortlich zu machen. Nicht wenige, die dies hören, nehmen dies sonst zum Anlass, es sich einfach bequem zu machen. Der Staat ist schliesslich nur Ermöglicher von Glück, aber nicht Garant von Glück.

Eine Offensive elterlicher Erziehung ist also überfällig. Kinder brauchen (wieder) Vorbilder - erwachsene, keine nur postadoleszenten. Wer selbst vorzugsweise erdnussmampfend mit einer "Blechsemmel" (Bierdose) vor der Glotze sitzt, kann schlecht ins Kinderzimmer rufen: Nun lies doch mal ein Buch!

Pisa oder Bildung?

Die achte Lebenslüge lautet: Entscheidend sei, wie sich unsere Länder im Pisa-Ranking positionieren. Das ist falsch! Wir brauchen vielmehr Bildung statt Pisa!

Der Glaube, Pisa habe mit Bildung zu tun, ist ärmlich. Pisa misst nur einen kleinen Sektor aus dem Lerngeschehen. Böse Zungen behaupten gar, Pisa messe nichts anderes als die Fertigkeit, den Pisa-Test auszufüllen. Ausgeblendet bleiben bei Pisa jedenfalls weite Bereiche schulischer Bildung: Fremdsprachen, Literatur, Religion/Ethik, Geschichte, Kunst, Musik, Sport.

Vor diesem Hintergrund Pisa zum Evangelium für das Bildungswesen hochstilisieren zu wollen, geht völlig daneben. Und wer meint, Bildung sei das, was Pisa misst, der unterliegt einem ärmlich operationalistisch-reduktionistischen Verständnis von Bildung. Bildung ist erheblich mehr als das, was Pisa misst. Wir brauchen deshalb eine Schule jenseits von Pisa. Es geht um Wägen und nicht um Zählen, Zahlen, Statistiken, Tabellen, Histogramme und Ranking-Skalen.

Wir müssen uns wieder auf den Eigenwert des Nicht-Messbaren besinnen. Wir sind mit dem Grundsatz, dass unsere Schulen Allgemeinbildung und nicht nur Verwert- und Messbares leisten sollen, gut gefahren. Es ist nun einmal vieles in Sachen Bildung nicht messbar. Wer nur ans Messbare glaubt, der hat ein erbärmlich mechanistisches Menschenbild.

Ausserdem gilt: Vom Pulsmessen allein wird man nicht gesund - es sei denn, man ist ein Hypochonder! Und (so Karl Kraus): Eine der schlimmsten Krankheiten ist die Diagnose! Vor diesem Hintergrund sind mir gewisse Management-Sprüche im Zusammenhang mit Schule ein Dorn im Auge - Sprüche wie Marketing, Benchmarking, Just-in-time-knowledge, Download-Wissen usw. Da fehlt eigentlich nur noch ein "last-minute-learning"!

Ernsthaft wieder: Bildung kann nicht gedeihen am Pflock der Ökonomie. Schule kann auch nicht nach Rentabilitäts-Gesichtspunkten geführt werden. In einem Unternehmen - das ist klar - muss ich alles wegrationalisieren, was sich nicht lohnt. Schul-Alltag aber ist es, dass sich hier bei einem Teil der Schüler nichts zu lohnen scheint. Hier nach Rentabilitätsgesichtspunkten zu arbeiten, das liefe auf eine völlig un-soziale Vorstellung von Schule hinaus.

Legen wir also bitte den flachen Bildungsökonomismus beiseite! Wir brauchen eine Re-Kultivierung unserer Gesellschaft und unserer Bildungseinrichtungen. Wir brauchen in Sachen Bildung wieder mehr Ernsthaftigkeit, mehr geistige und mentale Fundamente statt hyperaktiver Veränderungsrhetorik.

Man spürt: Orientierung lässt sich nicht von irgend einer Homepage "downloaden". Identität wächst nicht aus "skills", sondern aus der "Er-Innerung" an das historisch-kulturelle Erbe. Das ist übrigens der Grund, warum totalitäre Systeme zur Proklamation einer ewigen Gegenwart neigen. Er-Innern ist Chance des Widerstands gegen Indoktrination. Eine Bildung der blossen "Daseinsgefrässigkeit" (Arnold Gehlen) wäre eine Verweigerung von Orientierung. Zeichen von Ungebildetsein wäre es, sich einem Absolutismus der Gegenwart zu überlassen. Deshalb stellt Josef Pieper (†1997) zu Recht fest:

"Dem Menschen ist es mehr vonnöten, erinnert als belehrt zu werden. Er kommt nicht allein dadurch zu Schaden, dass er das Hinzu-Lernen versäumt, sondern auch dadurch, dass er etwas Unentbehrliches vergisst und verliert."

Gutes und Neues

Wir sollten uns endlich von dem Aberglauben verabschieden, der zu wissen meint, jede Veränderung sei per se eine Verbesserung. Es geht in Fragen von Erziehung und Bildung nicht um "alt" oder "neu", sondern um "falsch" und um "richtig". Das Bewährte ist nicht automatisch falsch, und das Neue nicht per se besser. Jedenfalls gilt für "neue", "progressive" Schulpolitik, was Gotthold Ephraim Lessing als Rezensent so manchem Stück ins Stammbuch schrieb: Es enthält Neues und Gutes; aber das Gute ist nicht neu, und das Neue ist nicht gut.

Alles in allem brauchen wir anstelle des üblichen Reform-Mantras eine rationale und realistische Schulpolitik - eine Schulpolitik, die frei ist von der anmassenden Vision einer endgültigen Ausgereiftheit ihrer Konzepte. Eine solche Politik sollte eine gesunde Skepsis pflegen gegen blinden Optimismus und gegen den Dogmatismus pädagogischer Scharlatane. Solch rationale Schulpolitik muss werben für die Bereitschaft, die Unterschiedlichkeit der Menschen zu akzeptieren; für die Einsicht, dass Unterschiede und Vielfalt Bereicherung bedeuten. Und sie muss die Überzeugung verbreiten, dass Gleiches gleich und Unterschiedliches unterschiedlich behandelt werden muss. Andernfalls stolpert Schulpolitik von einer Enttäuschung zur nächsten.

(Vortrag, gehalten am Volksschul-Sonderparteitag der SVP am 23. August 2008 in Sursee)