Nr. 27, 2. November 2007

Glossen von Arthur Häny
Atlas und die Atlanten

Die griechischen Sagen erzählen, dass sich Atlas, ein Titan, zusammen mit anderen Titanen gegen die olympischen Götter erhoben habe. Die Götter verkörperten gewissermassen das Schicksal, und wer sich gegen sie auflehnt, hat in der Folge empfindlich zu leiden. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, und die Griechengötter heckten für ihre Feinde sadistische Strafen aus. Atlas wurde dazu verdammt, auf seinem Kopf und den Schultern den Himmel zu tragen.

Dort im äussersten Westen, wo für die alten Griechen die Welt aufhörte, bei den "Säulen des Herakles" (der Strasse von Gibraltar) stand nun Atlas und stemmte sich gegen die Schwere des Himmels. Später hat man ihm noch ärgere Lasten aufgebürdet; er soll sogar die ganze Erdkugel getragen haben. 1595 erschien erstmals das Kartenwerk des Geographen Mercator, das auf seinem Titelblatt den Atlas in dieser heroischen Stellung zeigt. Von daher rührt offenbar die Bezeichnung "Atlas" (Plural: "Atlanten") für eine in Buchform gefasste Sammlung geographischer Karten. Aber auch sonst hat sich der Name Atlas dem Gedächtnis eingeprägt. Er ist an verschiedenen Bergketten Marokkos und Algeriens haften geblieben, und auch der Ozean am vermeintlichen Ende der Welt heisst heute noch der Atlantische.

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Schon als Bezirksschüler im Aargau hatte ich meinen eigenen Atlas; ich studierte ihn eifrig und brütete über all den Karten. Ich weiss nicht recht, was meiner geographischen Leidenschaft eigentlich zu Grunde lag. War es der Drang, in Gedanken in die Ferne zu schweifen und auf den Flügeln der Phantasie dem beengenden Alltag zu entfliehen? Ich prägte mir damals die Umrisse der meisten Meeresküsten und die Linien vieler Landesgrenzen ein; diese letzteren haben sich dann aber oft verschoben. Auch änderten im Lauf der Jahrzehnte zahlreiche Namen, Persien heisst heute Iran, Siam heisst Thailand, Rhodesien Simbabwe, und die indonesische Insel Celebes nennt sich nun Sulawesi. Alles wandelt sich mit der Zeit! Nur die physikalischen Karten, die sich ganz unpolitisch auf Land und Meer, auf Berge und Ebenen, Ströme und Seen beschränken - die sind sich ziemlich gleich geblieben.

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Meine Grosseltern hatten noch einen mächtigen älteren Atlas, der mich ebenso faszinierte: Er bildete die Welt vor hundert Jahren ab. Da schloss das "Deutsche Reich" im Südwesten noch Elsass-Lothringen mit ein und dehnte sich im Osten komfortabel breit von Schlesien über Posen, Westpreussen und Ostpreussen bis nach Memel hinauf! Es grenzte dort überall ans russische Zarenreich, denn ein unabhängiges Polen oder Litauen gab es noch gar nicht. Auch Österreich-Ungarn war ein stattliches Kaiserreich, das sich von Galizien bis an die Adria erstreckte und grosse Teile des Balkans einschloss. Die Türkei reichte noch bis nach Albanien. Bald kamen dann die Balkankriege und der Erste Weltkrieg, der alles umstürzte und der Welt demonstrierte, wie vergänglich auch die altehrwürdigen Kaiser- und Zarenreiche waren.

Wenn ich nun zu Hause auf dem Kanapee über meinem eigenen Atlas brütete, reizte mich die Idee, bestehende Grenzen auch selber zu verschieben. Da solche Verschiebungen meistens auf Grund von Kriegen erfolgten, musste ich auch die entsprechenden Kriege erfinden. So drang ich mit irgendeinem fiktiven General oder König aus einem Land ins andere ein, rückte vor oder wich zurück, feierte grosse Siege oder steckte entsprechende Niederlagen ein. Woher nahm ich nur diese martialischen Phantasien? Leider gab es auch in jenen Dreissigerjahren wirkliche Kriege, von welchen die Zeitungen Tag für Tag berichteten - es gab den Angriff Japans auf China, Italiens auf Abessinien, den Bürgerkrieg in Spanien: alles Vorspiele zum Zweiten Weltkrieg, der dann so furchtbar wirklich war, dass er mir meine kindischen Kriegsspiele endgültig austrieb.

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Überdeutlich habe ich später eingesehen, dass alle Kriege - abgesehen von reinen Verteidigungskriegen - ein gigantisches Verbrechen sind. Um zu erkennen, was, jenseits aller Trommelwirbel und Fanfarenklänge, die Kriege wirklich sind, müsste man die Leiden von Abertausenden verwundeter und verkrüppelter Soldaten mitleiden, den Schmerz von Müttern, deren Söhne, von Frauen, deren Männer, von Kindern, deren Väter gefallen sind. Den Stress, die Ängste, die Grausamkeiten der Truppe an der Front, das Entsetzen der Zivilbevölkerung in den bombardierten oder eroberten Städten - das alles müsste man hautnah miterleben, um zu erkennen, was Kriege wirklich sind: die Hölle auf Erden.

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Darum habe ich sehr viel später, als ich zu einiger Einsicht in die Wirklichkeit des Lebens gelangt war, die Erzählung "Ich bleibe auf Elba" geschrieben. Sie handelt von "Napoleon dem Anderen". Man hatte Napoleon den Ersten, diesen fanatisch-genialen Kriegstreiber, 1814 auf die Insel Elba verbannt, damit er dort endlich Europa in Ruhe lasse. Er aber setzte, von brennendem Ehrgeiz getrieben, 1815 noch einmal aufs Festland über und unternahm seinen letzten Feldzug. Ich schilderte nun in meiner Erzählung einen Napoleon, der entschlossen war, auf Elba zu bleiben. Dieser "Napoleon der Andere" hatte erkannt, dass alle Kriege ein Wahnsinn waren und dass sein einziger Lebenszweck fortab nur darin bestehen konnte, auf dieser schönen Insel dem Frieden zu dienen.

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Zweifellos ist der wirkliche Napoleon auch ein Titan gewesen. Alle Titanen pflegen zuletzt zusammenzubrechen - nicht unter der Last des Himmels, sondern unter der Last ihres Grössenwahns, der den Himmel erobern und sich an die Stelle der Götter setzen will. Der Himmel selber braucht ja gar keine Stütze; er trägt sich selber, und statt uns zu belasten, erfreut er uns: Mit seiner Sonne, mit der unerhörten Fülle der Formen und Farben, die erst er uns auf dieser dunklen Erde offenbart.

Und am Ende ahnen wir sogar, dass die Sage von Atlas die Wahrheit verdreht hat. Dass nicht der Mensch den Himmel trägt, sondern der Himmel den Menschen. Doch das ist eine Ahnung, die den wenigsten aufdämmert - am allerwenigsten den eigenwilligen, egozentrischen Titanen.

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