Nr. 27, 17. November 2006
Glossen
von Arthur Häny
Eine Zeit der Entspannung
Meine Frau und meine Tochter waren so liebenswürdig, mir einen iPod zum
Geburtstag zu schenken. Dieses moderne Ding ist nicht ganz so seltsam wie
sein Name: eine kleine flache Platte, zu verkabeln mit zwei Hörpfropfen,
die man sich in die Ohren steckt. Der iPod kann jede Musik abspielen, die
darauf geladen ist. Wenn man damit in der Welt herumläuft, dann besteht
die Welt nicht mehr aus Erde und Holz und Steinen - nur noch aus Musik! Meine
Tochter sagt, sie mache die tägliche Hausarbeit viel lieber, seit sie
sich dabei ins Reich der Töne versetzen könne. Abwaschen mit Beethoven
im Ohr - warum nicht?
Zusammen mit meiner Enkelin - diese dritte Generation ist ja in die Elektronik geradezu hineingeboren - lud sie mir einige meiner vielen CD's auf den iPod herunter, und zwar klassische Musik, wie ich sie liebe: Violinsonaten von Mozart, Klavierwerke von Schumann, vierhändige Stücke von Schubert und anderes mehr. Nun konnte ich den Alltag meiner Bus- und Tramfahrten romantisieren!
Ich fuhr in der Tat mit verkapselten Ohren vom Hönggerberg hinüber zum schönen Irchelpark und hörte mir dabei das erste Scherzo von Chopin an. Das hast du auch einmal gespielt, sagte ich mir, wenn auch nicht ganz so rasant und präzis wie dieser erstaunliche Maurizio Pollini! Ob ich heute noch einmal dazu ansetzen möchte, zu diesem atemberaubenden Sturm der Leidenschaft am Anfang und Ende und zu der wunderbaren Kantilene des Mittelteils? Sollte ich es nochmals versuchen?
Aber, die Wahrheit zu gestehen, mein Musikgenuss war nicht ungetrübt. Ich konnte mich zwar der akustischen Faszination hingeben und gleichzeitig das optische Panorama geniessen: die schimmernden Glarneralpen fern über dem Zürichsee. Auch die Wiesen mit den weidenden Schafen am Stadtrand waren mit der Musik noch halbwegs vereinbar. Nicht aber das Ein- und Aussteigen der Leute beim Waidspital und die alltäglichen Szenen unten in der Stadt. Das seien doch Banalitäten! wird man sagen. Statt sich dergleichen anzusehen, könne man sowohl Musik hören als auch Zeitung lesen oder Kreuzworträtsel lösen. Aber da bin ich ganz anderer Meinung.
*
Für mich ist die Fahrt im Bus oder Tram eine Zeit der Entspannung, eine Zeit des absichtslosen, gelösten Betrachtens. Und das kann ich nicht mit dem iPod in den Ohren. Ich kann nicht zugleich in der Welt und in der Musik sein; dazu ist mir die Musik zu kostbar. Schon immer habe ich mich gewundert, wie leicht sich junge Leute aus ihrer Umwelt verabschieden, indem sie sich die Ohren mit solchen Pfropfen verstopfen. Gibt es denn nicht eine verpflichtende Gegenwart, die uns auch im Bus oder Tram noch im Bann hält? Ist diese Gegenwart so unbedeutend?
Ich erblicke zum Beispiel einen Opa, der sich an seinen Enkelkindern freut, und freue mich mit. Oder ich entdecke ein Liebespaar, das erstaunlicherweise auf einem einzigen Sitz Platz hat! Oder ich sehe wieder den mürrischen Einzelgänger, der sein vollbepacktes Velo unbekümmert mitten in die Passagiere zerrt. Eine junge Frau hievt einen Doppel-Kinderwagen herein, und das eine Kleinkind saugt am Schnuller, das andere umarmt eine Puppe. Eine Muslimin hat ihr Haar mit dem obligaten Kopftuch verhüllt. Und eine ältere Dame trägt über grell gefärbten Haaren einen ausladenden Hut. Zwei übermütige Jünglinge stürmen lachend in den Wagen herein. Und die dürre Gestalt dort mit der kurzen Frisur - ist das eigentlich ein Mann oder eine Frau? In solchen Bildern begegnet mir die heutige Wirklichkeit.
Von alledem nehmen die iPod-Hörenden wenig wahr. Sie befinden sich halb im Bus und halb in der Musik. Sie sind wie eingenebelt in ihre Musik. Aber hören sie denn auch wirklich hin, oder lassen sie sich nur von den Tönen berieseln? Haben sie sich in eine Träumerei verloren? Oder sitzen sie so teilnahmslos in ihrer Musik drin wie man in einem altbekannten Zimmer sitzt, dessen Tapeten und Teppiche man gar nicht mehr wahrnimmt? Unwillkürlich fällt mir ein Satz von Seneca ein: "Ein grosser Teil des Lebens entgleitet uns mit halbherzigem Tun, der grösste Teil mit Nichtstun, das ganze Leben [entgleitet uns] in der Zerstreuung."
Wir alle können uns aus dem Jetzt und Hier verabschieden, indem wir uns zerstreuen. Sich zerstreuen - welch ein treffender Ausdruck! Die ganze Unterhaltungsindustrie beruht auf unserer Bereitschaft, uns zu zerstreuen. Gehört übrigens nicht auch die epidemische Telefoniererei mit dem Handy dazu, die man im Tram oder Bus mit anhören muss? Vom dunklen Asylanten über das halbwüchsige Mädchen bis zur einkaufenden Hausfrau - alles presst sich ein Handy ans Ohr und redet und redet!
*
Den Gegensatz zur Zerstreuung
bildet die Konzentration. Wenn ich Musik höre, will ich mich auf die
Musik konzentrieren können. Und das gelingt mir am besten in meinen eigenen
vier Wänden. Warum sollte ich mich nicht einmal in einen bequemen Stuhl
setzen und hier die konischen Pfropfen in die Ohren stecken? Hier das Scherzo
von Chopin noch einmal ungestört geniessen? Dabei werde auch ich niemanden
stören, denn für andere macht sich ja diese Musik höchstens
als ein schwaches Knistern bemerkbar. Eine Zeit der Entspannung - die will
ich mir doch auch zu Hause gönnen! Wie schön ist es, für einmal
alle die Alltags-Aktivitäten einzustellen und sich in seinem Zimmer gleichsam
ein zweites Zimmer einzurichten: ein Zimmer aus Musik. Und darüber zu
staunen, wie viel Musik auf diesem flachen, unscheinbaren Plättchen Platz
hat, dem Plättchen mit dem seltsamen Namen iPod!