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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 26. November 2004

Unvorbereitet in Bankgeheimnis-Debatte

Deiss weiss von nichts

Eben sei er am Rande einer Konferenz noch «in perfektem Glück» mit dem deutschen Finanzminister Hans Eichel beim Kaffee zu gemütlichem Plaudern beisammengesessen. So verriet er es der «SonntagsZeitung». Und nein, von neuer Attacke auf dasSchweizer Bankkundengeheimnis habe er dabei gar nichts erfahren. Und auch nichts verspürt. Die Kaffeestunde sei ganz und gar harmonisch, friedlich und nett verlaufen ...

Der so spricht, heisst Joseph Deiss. Er führt als Bundespräsident jene Kampagne an, mit welcher eine Mehrheit des Bundesrats die Schweiz ins Schengen-System der EU einbinden will. In ein System völlig ungeschützter Landesgrenzen. Deiss berichtete am vergangenen Wochenende von seinem netten
Tête-à-tête mit Eichel, als er auf die neusten gegen die Schweiz gerichteten Beschlüsse der vom gleichen Eichel nach Berlin geladenen Konferenz der sogenannten G-20-Staaten (zu denen die Schweiz nicht gehört) angesprochen wurde.

Diese Konferenz, Besteuerungsfunktionäre der Industrie- und Schwellenländer vereinigend, plant ganz offensichtlich einen neuen Feldzug gegen das Schweizer Bankkundengeheimnis. Und der in seiner Besteuerungsgier jedes Mass verlierende Hans Eichel ist ihr Feldherr - auch wenn Bundespräsident Deiss in netter Kaffeestunde mit Eichel davon nichts merkt.

Man habe, meint Kaffeeplauderer Deiss, der EU und damit auch Deutschland jetzt doch die Zahlstellensteuer zugestanden. Die Schweiz ziehe fortan für Deutschland Steuern ein. Und die Schweiz habe das Bankgeheimnis bezüglich indirekter Steuern der EU gegenüber preisgegeben. Im Gegenzug habe die EU doch versprochen, die Schweiz jetzt in Ruhe zu lassen. Seither sei die Stimmung an Kaffeekränzchen auf hoher Ebene wieder nett und harmonisch. Weshalb er der Schweiz wirklich raten könne, sich getrost und vertrauensvoll dem Schengen-System der EU zu ergeben.

Von den Plänen, die in EU und OECD gegen das Schweizer Bankkundengeheimnis nach wie vor geschmiedet werden, weiss Bundespräsident Deiss nichts. Die EU-Strategen sagen es ihm halt nicht, wie sie die Schraube anziehen wollen, wenn er mit ihnen Kaffee trinkt.

Bloss treuherzige Naivität - oder wohlkalkulierte Berechnung?


Ulrich Schlüer


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