Nr. 27, 23. November 2001
«Wir setzen uns mit Tränen nieder!»
Die Worte in der Überschrift stammen aus dem Schlusschoral der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach. Man wird diesen Choral wohl demnächst anstelle von «Trittst im Morgenrot daher» als Nationalhymne verwenden, weil das ganze Schweizervolk geknickt am Boden liegt und jammert.
Wir alle das geht nicht nur die flughafenfanatischen Zürcher an haben obrigkeitlich verordnet zer- knirscht zu sein. Die Fahnen sind auf Halbmast, die Nastücher auf Halbsack und die Schuhbändel auf Halbschuh zu hängen. Der Bundesrat wird vermutlich noch schwarze Krawatten verteilen. Das unsäglich traurige Thema ist selbstverständlich auch Pflichtstoff für abgebrühte Glossenschreiber. Ich komme zur Sache:
Wir konnten und wollten es nicht fassen, es ist die allerschlimmste Katastrophe der Schweiz seit dem Aussterben der Saurier: Unsere verehrte, über alles geliebte, bewunderte und gehätschelte Fluggesell- schaft Swissair ist zur Pleite-Air geworden. Ach, wie sind wir doch jedesmal in heiligem Schauer unver- züglich niedergekniet, wenn über uns ein Swissair-Flugzeug hinwegdonnerte. Und wie haben wir auf dem Flughafen in Kloten vor Respekt den Atem angehalten, wenn uns so ein hochkarätiger Swissair-Pilot mit drei oder vier goldenen Streifen am Ärmel begegnet ist. Jetzt wurden wir plötzlich Bewohner eines Landes, dessen «nationale» Fluggesellschaft himmeltraurig verlumpt ist. Wir dürfen uns im Ausland nicht mehr als Schweizerin oder Schweizer zu erkennen geben! Das können sich allenfalls die Bundesräte leisten, denn die haben ein eigenes Flugzeug. Wir gewöhnlich Sterblichen aber riskieren, in Zukunft Luftfahrzeuge besteigen zu müssen, an denen fremde Wappen und ausländische Namen angemalt sind. Um Himmelswillen, wie soll das bloss herauskommen?
Wer hätte gedacht, dass in Helvetiens Gauen jede Putzfrau, jeder Bergbauer, Polizist, Regierungsrat, Feldmauser, Strassenwischer, Professor und überhaupt jede Büezerin und jeder Büezer direkt und indirekt von Flugzeugen abhängig ist. Das ganze unsagbar traurige, erniedrigende, deprimierende, prestigevernichtende Schlammassel verdanken wir einer Handvoll «Wirtschafts-Fachleute», die noch jetzt so vornehm sind, dass sie sicher Füdli mit Ph und Y schreiben. Sie haben mit Milliardenbeträgen hausiert und sind aufgetreten,als würde hinter ihnen eine ganze Kompanie von Geldscheissern in Viererkolonne marschieren. Ja, so ist es halt: Der Unterschied zwischen manchen Firmen-Verwaltungs- räten und Blue-Jeans-Hosen besteht nur darin, dass bei den Hosen die Nieten sichtbar sind. Was soll jetzt mit diesen Swissair-Debaklern geschehen? Ich schlage vor, dass sie in einem Kindergarten einen Kurs zum Basteln von Papierflügerli absolvieren und dann sieben Millionen Stück davon herstellen müssen. Alle Schweizerinnen und Schweizer erhalten als Dank für die in einer neuen Fluggesellschaft verbutterten Steuermilliarden des Bundes einen solchen Papierflüger, um ihn feuchten Auges als Erin- nerung mit dem einst heiligen Wort «Swissair» zu bemalen und auf das Buffet in der guten Stube zu stellen.
Damit hätte ich für dieses Mal meiner Pflicht als gut eidgenössischer, patriotischer Glossenschreiber Genüge getan. Ich habe, wie es sich gehört, in das allgemeine Swissair-Gewinsel eingestimmt und ebenfalls hochgradig übertrieben. Schluss, fertig ich kann nicht mehr weiterschreiben, das Schluchzen übermannt mich. Noch eine schlechte Flüügermeldung, und ich brauche psychologische Betreuung.
Ernst Tschanz