Nr. 27, 23. November 2001

Über-Aktivismus der Bergier-Kommission
Die Sintflut der UEK-Berichte
Von Professor Hans-Georg Bandi, Bern

Es ist seit langem bekannt, dass die Einsetzung der «Unabhängigen Expertenkommission Schweiz ­ Zweiter Weltkrieg» (UEK) durch Parlament und Bundesrat, ihre Zusammensetzung und die Umschreibung ihres Auftrages ebenso wie ihre Arbeitsweise und die zunächst vorge- legten zwei Zwischenberichte zu Bedenken Anlass geben.

Überraschenderweise ist die Berechtigung von Beanstandungen, wie sie u.a. der Berner «Arbeitskreis Gelebte Geschichte» veröffentlicht hat, kürzlich vom Kommissionspräsidenten, Professor Jean-François Bergier, bestätigt worden (NZZ 8./9. 9. 2001). Er stellt zunächst fest, dass er im Dezember 1996 quasi genötigt vom Bundesrat «an die Spitze dieses gewichtigen Unternehmens und in eine politische Sphäre versetzt» worden ist, die er sehr wenig kannte. «Eine Verantwortung war mir zugefallen, auf die ich kaum vorbereitet war, und mit welchen Erwartungen ­ in- und ausländischen, also verschiedenartigen ­ ich zu rechnen hatte, konnte ich erst im Laufe der Arbeit allmählich feststellen.» Er bemerkte ferner, der Einsatz der UEK durch die Behörden sei «mit einem Eifer, der von Panik diktiert und von Naivität nicht frei war» erfolgt. So wollte man «die Krise meistern: Rückhaltlose historische Transparenz, durch eine Anstrengung ohne Beispiel herbeigeführt, sollte alle Bedrohungen bannen... Es wäre zweifellos natürli- cher und vom rein wissenschaftlichen Standpunkt ergiebiger gewesen, sich an die normalen Kanäle der Forschung zu halten und diese Aufgabe als Projekt des Schweizerischen Nationalfonds anzugehen, an dem sich die interessierten und kompetenten Historiker hätten beteiligen können.»

Verachtung für die Geschichte der Rechtsformen
Diese letzte Bemerkung, die man als Kritik an der personellen Zusammensetzung der UEK auffassen kann, begründet Bergier wie folgt. Im Gegensatz zu ihm als Mittelalterspezialisten seien die Zeitge- schichtler und besonders die jüngeren ­ sie bilden bekanntlich die Mehrheit in der UEK ­ darauf aus, «Tabus zu beseitigen und überlieferte Denkmuster zu berichtigen.» Bergier stellt fest, bei vielen Zeit- historikern sei «ihr geringes Interesse und selbst eine gewisse Verachtung für die Geschichte der Rechtsformen» auffallend, «die doch gerade in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg eine weit- gehende Entwicklung durchgemacht haben... Diese Forscher neigen unbewusst zu der Vorstellung, dass sich Normen, die uns heute vertraut sind ­ Asylrecht, Recht auf soziale Sicherheit usw. ­ auf die Verhältnisse der dreissiger und vierziger Jahre anwenden lassen, was oft zu Fehleinschätzungen und anachronistischen Urteilen führt.»

Es ist zu vermuten, dass diese Verlautbarung ihres Präsidenten bei den Kommissionsmitgliedern nicht auf eitel Zustimmung gestossen ist, ganz besonders nicht bei gewissen omnipotenten und doktrinären Hardlinern. Anders war zunächst die Reaktion bei Zeitzeugen, die mit Genugtuung feststellten, dass Bergier sich in seiner «confessio» gewissermassen von den bisherigen Tendenzen seines Gremiums distanzierte. Aber kurze Zeit später wies Paul Stauffer, Historiker und ehemaliger Schweizer Botschaf- ter, in der NZZ vom 18.10.2001 darauf hin, dass die Aussage des ETH-Historikers, er sei praktisch unvorbereitet mit den Problemstellungen der UEK konfrontiert worden, nicht wirklich überzeugend ist. Herr Bergier hat seinen Sinneswandel in der gleichen NZZ-Ausgabe zu begründen versucht. Er wäre aber wesentlich glaubwürdiger, wenn er dies von sich aus und nicht erst auf Grund der Vorhaltungen eines andern Historikers getan hätte. Zudem bezeichnet er jetzt den Einsatz der UEK als zweckmäs- sig, während er ihn kurz zuvor noch kritisiert hatte.

Unzählige Berichte
Zunächst erschien im Dezember 1997 als Beitrag zur Goldkonferenz von London das 23 Seiten umfas- sende Heft «Goldtransaktionen im Zweiten Weltkrieg: Kommentierte statistische Übersicht». Im Mai 1998 folgte ein erster «Zwischenbericht» unter dem Titel «Die Schweiz und die Goldtransaktionen im Zweiten Weltkrieg» (279 Seiten), im Dezember 1999 dann die umfangreiche Studie «Die Schweiz und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus», die zusammen mit fünf Beiheften ein stattliches Total von 1'075 Seiten aufweist. Die harsche Kritik an diesen Veröffentlichungen ist bekannt und dürfte dazu beigetragen haben, dass im Rahmen des UEK-Publikationsprogramms vier Themen aus den Bereichen Goldtransaktionen und Flüchtlingswesen in überarbeiteter und ergänzter bzw. durchgesehener Form nochmals vorgelegt werden sollen. Im August 2001 wurden anlässlich einer Pressekonferenz acht Studien mit einem Umfang von insgesamt über 3'000 Seiten vorgestellt. Sie behandeln die Themen «Fluchtgut ­ Raubgut», «Interhandel», «Clearing», «Transit ferroviaire à travers la Suisse 1939-1945», «Electricité suisse et Troisième Reich», «Geschäfte und Zwangsarbeit», «Schweizer Chemieunterneh- men im Dritten Reich» sowie «Die Flüchtlings- und Aussenwirtschaftspolitik der Schweiz im Kontext der öffentlichen politischen Kommunikation 1938­1950». Gleichzeitig wurde bekannt gegeben, dass, abge- sehen von dem auf Ende des Jahres fertigzustellenden Schlussbericht, Ende November noch weitere 17 Beiträge mit total rund 6'500 Seiten publiziert werden sollen.

11'000 Seiten
Damit beläuft sich das Publikationsprogramm der UEK, abgesehen von dem voraussichtlichen auch recht umfangreichen Schlussbericht auf 32 Titel mit mehr als 11'000 Seiten. Man sieht sich veranlasst, von einer Publikations-Sintflut zu sprechen. Wer ist in der Lage, wer findet es sinnvoll, diesen Berg, den die Maus geboren hat, zu erforschen? Es war jedenfalls sehr kühn vom Bundesrat, den Gold-Zwischen- bericht 1998 schon wenige Tage nach seinem Erscheinen zu loben ­ wenn ihn überhaupt ein Mitglied unserer obersten Landesbehörde gelesen hat, dann sicher nicht vollumfänglich. In das gleiche Kapitel gehört die Mitteilung der Massenmedien unmittelbar nach der Pressekonferenz im August, die Studien 1­8 seien im allgemeinen gut aufgenommen worden: die Berichterstatter hatten kaum Zeit, die mehr als 3'000 Seiten auch nur zu überfliegen und mussten sich auf die von der UEK zur Verfügung gestellten Zusammenfassungen stützen, die natürlich positiv waren. A propos Sintflut ­ ein Zitat aus der im Prinzip moderaten Ansprache des UEK-Präsidenten anlässlich der Präsentation der acht Beiträge im vergan- genen August ist symptomatisch: «Leserinnen und Leser, die sich auf die Lektüre dieser Studie einlas- sen, werden wahrscheinlich den Eindruck haben, darin zu ertrinken» (sic!). Auf die Taube mit dem Blatt vom Ölbaum im Schnabel werden sie jedenfalls länger warten müssen als weiland Noah.

Die zahlreichen Kritiken an Gold- und Flüchtlingsbericht haben wohl dazu beigetragen, dass die im August 2001 erschienenen acht Studien vorsichtiger und unparteiischer formuliert sind. Dabei mag auch eine Rolle gespielt haben, dass sie fast ausschliesslich von Mitarbeitern der erwähnten Forschungs- teams und nicht von den Mitgliedern der UEK selbst verfasst worden sind. Dennoch ist auch hier, abge- sehen von kleineren Ungenauigkeiten und Widersprüchen, zu beanstanden, dass nach wie vor die Tendenz zu spüren ist, negative Einzelheiten hochzuspielen, bedauerliche Einzelschicksale zu verall- gemeinern, Quervergleiche mit der Handlungsweise anderer Staaten zu vermeiden und das heutige Wissen oftmals dem damaligen Kenntnisstand gleichzusetzen.

Immerhin sind auch positive Aspekte zu erkennen, so z. B. wenn die Unterstellung in dem vom Schwei- zer Fernsehen mitgetragenen üblen BBC-Film «Nazigold und Judengeld» eindeutig widerlegt wird, Züge mit deportierten Juden und verschickten italienischen Arbeitern hätten die Schweiz passiert. Oder wenn bei der Behandlung des Themas «Fluchtgut ­ Raubgut / Der Transfer von Kulturgütern in und über die Schweiz 1933­1945 und die Frage der Restitution» einerseits gezeigt wird, dass die Beteiligung der Schweizer Kunsthändler ­ abgesehen von einigen schwarzen Schafen ­ kleiner war als der Titel des seinerzeit vom Bundesamt für Kultur in Auftrag gegebenen Buches von Thomas Buomberger «Die Schweiz ­ ein wichtiger Markt für gestohlene Bilder im 2. Weltkrieg» vermuten liess; andererseits, dass aus Deutschland emigrierte oder geflüchtete Fachleute, auch Juden, das Bindeglied zwischen den im nationalsozialistischen Machtbereich verbliebenen Sammlungen und dem Schweizer Kunsthandel bildeten.

Doch trotz dieser Richtigstellung von Einzelheiten und der auf Text und Verweise angewandten Akribie (was allerdings nicht verhindern konnte, dass der Teufel im Detail sitzt: der Autor von «Mein Kampf» heisst im Literaturverzeichnis nicht Adolf sondern Alfred Hitler!), fragt man sich, warum u. a. das Thema «Fluchtgut ­ Raubgut» im Rahmen der UEK-Berichte auf 594 Seiten ausgequetscht werden musste. Herrn Bergier ist zuzustimmen, dass eine solche Abhandlung viel eher in den Auftragsbereich des Nationalfonds gepasst hätte. Man darf zudem nicht übersehen, dass vieles, das in den acht Studien vorgelegt wird, längst bekannt war, ähnlich wie der früher erschienene Flüchtlingsbericht der UEK gegenüber der überaus sorgfältigen Bearbeitung der «Flüchtlingspolitik der Schweiz seit 1933» durch Carl Ludwig aus dem Jahre 1957 kaum wesentliche neue Tatsachen enthält. Man wüsste deshalb gerne, zu was das alles gut sein soll, noch dazu in Kenntnis der sehr beträchtlichen Beiträge aus Steuergeldern, die dafür aufgewendet werden müssen.

Gründliche Analyse erforderlich
Abzuwarten bleiben einerseits die angekündigten weiteren 17 Studien, die nächstens vorgelegt werden sollen, andererseits der Schlussbericht, dessen Veröffentlichung für den März 2002 angesagt ist. Es wird kaum zu umgehen sein, den gesamten «Ausstoss» der UEK einer gründlichen Analyse zu unter- ziehen, damit interessierte Kreise in Zukunft die Möglichkeit des «audiatur et altera pars» haben.

Hans-Georg Bandi, Bern