Nr. 27, 24. November 2000
Ein Wirtschaftsexperte
spricht Klartext
«Euro-Schwäche ist EU-Schwäche»
Aus einem Interview mit Prof. Horst Siebert
Professor Horst Siebert ist Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und Mitglied des deutschen Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. In einem Interview, das die deutsche Wirtschafts- und Finanzzeitung «Handelsblatt» am 5. September 2000 veröffentlicht hat und von dem die «Schweizerzeit» nachstehend einen Auszug wiedergibt, versuchte Siebert, die Gründe für den dramatischen Kurszerfall des Euro zu erklären.
«Es gibt viele Ursachen für die Schwäche des Euro: Die Europäische Zentralbank (EZB) muss ihre Reputation erst aufbauen, und das Konjunktur- und Wachstumsgefälle zu den USA besteht nach wie vor. In den drei grossen Ländern Deutschland, Frankreich und Italien sind zudem erhebliche Struktur- probleme ungelöst. Mit starren Arbeitsmärkten, einer nicht finanzierbaren Alterssicherung und einem reformbedürftigen Hochschulsystem kommt man nicht auf einen höheren Wachstumspfad. Auch ist unklar, wie der weitere Integrationsprozess voranschreiten wird. Insoweit ist die Euro-Schwäche auch eine EU-Schwäche.
Der Euro verlangt eine erhebliche Disziplin der nationalen Regierungen, wenn es darum geht, die gemeinsame Geldpolitik mitzutragen. Darin liegt ein beträchtliches Potential für Zielkonflikte. Was passiert, wenn es eine ökonomische oder soziale Krise in einem gewichtigen Land der EU gibt und die EZB aus europäischer Sicht die Zinsen anheben muss, diese Bewährungsprobe steht noch aus.»