Nr. 27, 24. November 2000

20'000 Franken zu verschenken

Was die Tageszeitungen in diesen Tagen berichten, hat die «Schweizerzeit»-Leserschaft bereits vor Monaten an dieser Stelle gelesen. Die Samaritervereine werden EU-kompatibel und schaffen die Checkfragen GABI ab (Gibt er Antwort? Atmet er? Blutet er? Ist Puls vorhanden?). Neu heisst es europaweit bei einem Unfall nur noch ABC (Atemwege frei- machen, Beatmung und Compression/ Druckverbände). Hoffen wir, dass es irgend jemandem nützt!

Noch nach GABI beurteilt wurden kürzlich auf dem Berner Münsterplatz die zahlreichen Verletzten, welche beim Eröffnungsanlass der Pendlerzeitung «20 Minuten» unter strömendem Regen auf den vorweihnächtlichen Geldsegen von oben warteten. Total 20 000 Franken wurden mittels 20er-Noten in blaue Ballone verpackt. Punkt zwölf Uhr platzte der erste mit heisser Luft gefüllte Ballon durch einen Luftgewehrschuss, und die 20-Franken-Scheine regneten auf die nervös wartende Hundertschaft. Nachdem die Bernerinnen und Berner angesichts der maroden Stadtfinanzen vom Geldregen nicht gerade verwöhnt werden, hat das gross angekündigte Geldverteilen vor allem junge Leute, Randstän- dige, Obdachlose, Wenigbegüterte und Gaffer magisch angezogen.

Auf dem Platz kämpfte die wilde Horde alsdann unzimperlich, teilweise brutal und rücksichtslos um die rosa Scheine. Selbst wer ein Bündel Noten in der Hand hatte, durfte sich nicht zu früh freuen, denn rasch wurde es ihm rücksichtslos wieder aus der Hand gerissen. Während einige mit 60 Franken sowie Schürfungen an Knien und Ellbogen davonkamen, gingen andere finanziell leer aus, ernteten dafür einen Faustschlag ins Gesicht. Zerrissene Hosen und Hemden waren ebenso häufig anzutreffen wie schrei- ende Mütter, die nach ihren Kindern suchten. Da nämlich plötzlich der Wind drehte, blies es die 20er- Noten in eine nicht erwartete Richung, und am Rande stehende Zuschauer waren innert Sekunden inmitten des Geschehens. Ältere Personen wurden dabei hemmungslos zu Boden gestossen und Kleinkinder überrannt. Alle Warnrufe verhallten ungehört, und selbst der makabre Scherz des Mode- rators, er werde alle, die sich nicht zu benehmen wüssten, mit seinem Luftgewehr erschiessen, brachte niemanden zur Vernunft. Die ebenfalls anwesende Miss Bern, Mascha Santschi, konnte leider ebenfalls ichts zur Ruhe beitragen. Die hübsche Jusstudentin wurde nämlich kaum beachtet, da alle Augen nur noch auf die heruntersegelnden Notenbündel blickten.

Die aufgebotenen vier Samariterinnen hatten so alle Hände voll zu tun, mussten Kinder und Mütter trösten, humpelnde Kleinkinder verbinden und Pflaster in allen Grössen abgeben. Für den Höhepunkt sorgten Hobbykletterer, die unter Warnrufen der Securitasmänner und Anfeuerungen der Menge die Fassade des Hauptsitzes der Bernischen Volkwirtschaftsdirektion erklommen, denn dort hatten sich einige Scheine in Blumenkistchen verfangen. Auf dem Gästezelt hatten sich zudem einige nasse Scheine festgeklebt, worauf sofort mehrere Personen sich daran machten, auf das Dach zu steigen, obwohl das Festzelt unter den Menschenmassen einzustürzen drohte. Die geladenen VIP-Gäste jedenfalls verliessen das Zelt fluchtartig. Nicht blicken liess sich die amtierende grüne Berner Finanz- direktorin Therese Frösch, dabei hätte es gerade ihre Direktion am nötigsten gehabt, etwas vom Geldsegen abzubekommen.

Was ursprünglich am Bürotisch als durchaus gute Werbeidee geboren wurde, entpuppte sich dann in der Umsetzung als fataler Fehler. Traurig, aber wahr. Einmal mehr hatte man die Rechnung ohne den geldgierigen Faktor Mensch gemacht, und einmal mehr zeigte sich, dass auch in der heutigen Zeit Samariterinnen und Samariter gefragt sind und helfen halt doch keine Altersfrage ist.

Thomas Fuchs, Stadtrat, Bern