Nr. 26, 2. Dezember 1999

Verarbeitung der Niederlage durch Wählerbeschimpfung
Die Arroganz der Wahlverlierer
Von Nationalrat Dr. Christoph Mörgeli, Uerikon ZH

Am Tag nach den Nationalratswahlen vom 24. Oktober 1999 äusserte sich der Psycho-
therapeut, Theologe und ehemalige CVP-Kantonsrat Thomas Geiges gegenüber der
«Zürichsee-Zeitung» abfällig über den Wahlsieg der SVP.
Zu später Stunde fragte ihn
gleichentags ein aufgebrachter Mitbürger, ob er eigentlich glaube, die SVP-Wähler
seien alle «Schafseckel». Der Anrufer sei hingegen der Meinung, Geiges selber sei
ein solcher. Thomas Geiges nahm diese verbale Entgleisung eines einzelnen am 6.
November zum Anlass, in seiner regelmässigen Sonntagskolumne in der «Zürichsee-
Zeitung» vor dem Wahlsieger und vor der «Arroganz der Macht» zu warnen. Der Auf-
ruf hat den neugewählten SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli zur nachstehenden Ent-
gegnung veranlasst.

In einem eigenartigen Artikel «Warnung vor dem Sieger: Von der Arroganz der Macht» lässt
Thomas Geiges seiner Empörung über den SVP-Wahlsieg bei den jüngsten Nationalratswah-
len freien Lauf. Dabei wirft er seine persönlichen Ansichten zur Tagespolitik wild mit theologi-
schen Argumenten durcheinander. Am Schluss seiner «Sonntags-Betrachtung» bringt sich
Thomas Geiges als «Warner», «Infragesteller» und «Aufforderer zur Selbstbesinnung» in direk-
ter Linie mit Jesus Christus in Verbindung.

Anlass für den zornigen Ausfall des Thomas Geiges, der von wenig entwickeltem Demokratie-
verständnis zeugt, bot ihm die telefonische Beschimpfung durch einen aufgebrachten Mitbürger.
Nun war ich seit je der Meinung, dass jene Leute, die wacker austeilen können, gelegentlich
auch einmal einstecken sollten, ohne gleich in Selbstmitleid zu zerfliessen. Exponenten der
Zürcher SVP hatten im Vorfeld der Wahlen von ihren angeblich so toleranten, hochanständigen
Gegnern ganz andere verbale und tätliche Attacken auszuhalten - Geiges hat diese meines
Wissens nie öffentlich verurteilt. Er hätte sein doch eher harmloses Erlebnis psychohygienisch
sinnvoller bewältigen können als durch plumpes Eindreschen auf eine ihm missliebige Partei.
Statt nun wie viele sogenannt fortschrittliche Politiker und Medien das Wahlvolk zu beschim-
pfen, täte Thomas Geiges gut daran, ein paar nüchterne Tatsachen aus den letzten Parlaments-
wahlen zur Kenntnis zu nehmen.

Sieg der Verantwortungsträger

Das Schweizervolk hat die bislang viertstärkste zur stärksten Partei gemacht und damit für
Schweizer Verhältnisse einen politischen Erdrutsch ausgelöst. Das Volk hat sich damit für ei-
ne Richtung entschieden, die wieder stärker dem bürgerlichen, liberal-konservativen Gedanken-
gut verpflichtet sein muss und nicht bereit ist, unsere Freiheitsrechte und die staatliche Souve-
ränität der Europäischen Union zu opfern. Es handelt sich um eine klare Korrektur des bisheri-
gen Mitte-links-Kurses von Regierung, Parlament und Verwaltung, die Tradition und Volkswil-
len in wesentlichen Fragen ignorierten. Zur SVP haben sich beileibe nicht die Ewiggestrigen,
Egoisten oder gar Fremdenhasser bekannt, sondern leistungsbereite Menschen, die auf allen
Stufen unseres Gemeinwesens Verantwortung tragen, aber von ihrem hart erarbeiteten Einkom-
men immer mehr Steuern, Abgaben und Gebühren abliefern müssen.

Die SVP-Wähler

Es sind vernünftige Menschen, die zur humanitären Tradition unseres Landes stehen, nicht
aber zur grenzenlosen Naivität gegenüber einem immer hemmungsloseren Missbrauch. Es
sind rechtlich denkende Menschen, die nicht einsehen, dass bei steigender Kriminalität und
Gewalt den Tätern mehr Verständnis entgegengebracht wird als den Opfern. Es sind selbst-
bewusste Menschen, die nicht bereit sind, unsere über Jahrhunderte erkämpften demokrati-
schen Volksrechte an eine kleine Schicht von Politikern, Funktionären und Diplomaten abzu-
treten. Es sind heimatliebende Menschen, die von unserer Schweiz und ihren Repräsentanten
einen aufrechten Gang erwarten und nicht eine kriecherische Gesinnung gegenüber den Mäch-
tigen dieser Welt. Diese Schweizerinnen und Schweizer haben sich deutlich an der Urne aus-
gesprochen, und sie brauchen sich dafür nicht im geringsten beschimpfen und beleidigen zu
lassen - auch nicht von Thomas Geiges!

Machtkartell derVerlierer

Es ist in einigermassen demokratischen Verhältnissen keineswegs ein Zeichen von Arroganz,
wenn die Wahlsieger nach dem Wahlgang personelle und inhaltliche Konsequenzen fordern.
Es ist indessen ein alarmierendes Zeichen von Arroganz, wenn das Machtkartell der Wahlver-
lierer verhindert, dass dem demokratisch ermittelten Volkswillen Nachachtung verschafft wird.
Dies genau aber geschieht nun bei der kategorischen Ablehnung der Verlierer, dem Wahlsie-
ger bei der Neuwahl der Regierung entgegenzukommen. Gefährlich ist dieses Zeichen deshalb,
weil es die Politverdrossenheit der Bürger steigern muss und viele von ihnen endgültig in der
Einsicht bestärkt, dass der politischen Klasse hierzulande der Wille des Souveräns ohnehin
egal ist.

Betroffenheit

Eine achtzigjährige Lehrerin hat mir geschrieben, sie sei als SVP-Wählerin erschrocken, wie
geringschätzig und arrogant gedruckte wie elektronische Medien über sie urteilen. Sie habe
die Nöte und Sorgen des Zweiten Weltkriegs miterlebt und danach 22 Länder dieser Welt be-
reist, um immer wieder als überzeugte Patriotin in die Heimat zurückzukehren. Sie sei zufrie-
den, obwohl Rente und AHV nur gerade zum Nötigsten reichten und sie sich eine private Kran-
kenversicherung nicht mehr leisten könne. «Sind wir SVP-Wähler eigentlich ausnahmslos Trot-
tel und Schwachsinnige?» Ich habe der Frau geantwortet, dass dies nicht der Fall sei und dass
ich in Bern mit neuerdings immerhin 44 weiteren Nationalräten für ihre Interessen einstehen
werde. Dabei ist mir vollkommen gleichgültig, ob dies einem psychotherapierenden Journalis-
mus-Theologen passt oder nicht.

Christoph Mörgeli

**Zurück zum Inhaltsverzeichnis der Ausgabe Nr. 26 vom 2. Dezember 1999**