Nr. 26, 2. Dezember 1999

Bronfman unter Druck
Die Geister, die ich rief...
Von Richard Anderegg, Washington

Während die Schweiz mit höchst gemischten Gefühlen der Publikation des Bergier-
Flüchtlingsberichts und des Volcker-Berichts über herrenlose Konten entgegenblickt,
wächst selbst in den USA die Kritik an Vorgehen und Methoden des von Edgar Bronf-
man geführten Jüdischen Weltkongresses.

Wer die Revision gängiger Geschichtsdarstellungen verlangt, muss manchmal erleben, dass
die von ihm neu als Ersatzdarstellung präsentierten Zusammenhänge noch viel rascher zu wi-
derrufen sind, als er das je geglaubt hat.

Streit um Begriffe

So geht es derzeit dem Jüdischen Weltkongress. Der Angriff kommt aus unerwarteter Ecke:
Peter Novick, Historiker an der Universität Chicago, hat in einem Buch den Leidensweg der
europäischen Juden, besonders aber die Geschichte des Begriffs «Holocaust» untersucht.
Sein Buch erhitzt die Gemüter jüdischer Kreise, weil Novick (der selber Jude ist) unter ande-
rem schreibt: «Sowohl während des Zweiten Weltkriegs wie auch unmittelbar danach existier-
te Holocaust als spezifisch jüdischer Identitätsbegriff kaum.» Der Begriff sei erst mit dem Eich-
mann-Prozess 1961 gebräuchlich geworden. Und erst 1967, als die Bedrohung Israels durch
die Araber eine beispiellose Unterstützungskampagne im Sechstagekrieg auslöste, wurde
«Holocaust» in den USA zum Schlagwort. Helle Empörung hat Novicks Untersuchung bei den
jüdischen Organisationen ausgelöst. Zwar bestreitet er das Ausmass der Leiden der von den
Nazis verfolgten Juden nicht im geringsten. Aber er sagt jenen, die den Holocaust als Mittel
für an Kreuzzüge gemahnende Kampagnen eingesetzt haben, einen Kampf mit unlauteren
Methoden nach. Mit der Pachtung des Holocaust-Begriffs hätten die Geldforderer zu einer Art
«Festungsmentalität» Zuflucht genommen: Wer immer Zweifel an ihren Methoden äussere,
werde pauschal zum Demagogen gestempelt.

Ursachen

Novick ruft in Erinnerung, dass bis Anfang der vierziger Jahre die jüdischen Organisationen
selbst das Aufflammen von Antisemitismus als Verirrung in einem kulturell sonst geachteten
Land dargestellt hätten. Damals hätten sie vermeiden wollen, in eine pauschale Opferrolle ge-
drängt zu werden. Diese alle Juden umfassende Rolle sei erst in neuerer Zeit in den Vorder-
grund gestellt worden - nicht zuletzt zur Erzwingung grosser Zahlungen.

Die Ursache dieser geistig politischen Neuorientierung ortet Novick im Verschwinden jenes all-
umfassenden sozialen Empfindens, das die jüdische Gesellschaft früher so stark gemacht ha-
be. Heute würden unzählige Geplänkel um kleinliche Sonderinteressen die jüdische Gemein-
schaft desintegrieren. Mit dem Reizwort «Holocaust», welches an das gemeinsame schwere
Schicksal, an die gemeinsam getragenen schweren Opfer erinnere, versuchten die jüdischen
Organisationen den Zusammenhalt in den jüdischen Gemeinschaften wieder zu stärken.

Neue Entwicklungen

Novick verweist auf einen weiteren, erst in neuerer Zeit feststellbaren Faktor: Die verschiede-
nen in den USA lebenden Nationalitäten haben sich im Zeitalter des Internet zunehmend bes-
ser organisiert. Die meisten sammeln Spenden, wobei sie sich eine ganz bestimmte Opferrol-
le zuordnen. Insbesondere den arabischen Gruppen in den USA gelingt es gut, die Nachteile
in den Vordergrund zu schieben, denen alle Araber in den USA ausgesetzt seien, weil sie dort
allzuoft generell als «Terroristenfreunde» dargestellt würden. Die geschickt aufgezogenen ara-
bischen Anklagen zwingen die Exponenten der jüdischen Organisationen vermehrt zu öffentli-
chen Stellungnahmen und Rechtfertigungen der Politik Israels: Israel ist nicht mehr allein in
der Opferrolle!

Neuerdings gelangen auch Untersuchungen einer Gruppe jüngerer jüdischer Historiker über
die Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern in die Diskussion. Nach Auffassung
dieser jüdischen Historiker hat eine ausgeprägt starrsinnige Politik der Gründer Israels vieles
zur Verewigung des israelisch-arabischen Konflikts beigetragen. An Diskussionsstoff fehlt es
damit wahrhaftig nicht. Leidenschaftliche Diskussion ist eine Tradition, die aus der jüdischen
Gemeinschaft nicht wegzudenken ist. Die Einseitigkeit, mit welcher der «Holocaust-Feldzug»
der letzten Jahre gerechtfertigt wurde, wird in dieser Diskussion zunehmend hinterfragt. Selbst-
kritische Stimmen gewinnen an Ausstrahlung. Das «Holocaust-Geschäft» des Jüdischen Welt-
kongresses wird von den Juden Amerikas zunehmend kritisch beurteilt.

Richard Anderegg

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