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Nr. 26, 2. Dezember
1999
Gedanken zum Buch "Das Herz schlägt
links" von Oskar Lafontaine
Das missbrauchte Herz
Anlässlich
einer Fernsehdiskussion über den medizinischen Fortschritt bemerkte
ein
englischer Professor für Medizin: «Das deutsche Volk ist romantisch
veranlagt. Aus
diesem Grunde legen die deutschen Forscher der Medizin besonderes Gewicht
auf
das Herz.»
Ob Lafontaine sein
jüngst erschienenes Buch «Das Herz schlägt links»
als Romantiker ver-
fasst hat, möchten wir bezweifeln. Die Sozialisten sind überzeugt
davon, dass ihre Weltan-
schauung rational begründet sei.
Die Feststellung «Das
Herz schlägt links» gehört ins Gebiet der Anatomie. Das
hinderte La-
fontaine nicht, das Herz zu politischen Zwecken zu missbrauchen. Dass
das Herz auch schon
in Beziehung zur Politik gebracht wurde, ist nicht zu bestreiten. Der
politische Schriftsteller
George Orwell hatte den berühmten Satz geprägt: Wer mit 16 kein
Sozialist sei, habe kein
Herz! Dem widersprach Churchill: Wer aber mit 40 noch immer Sozialist
sei, habe kein Hirn.
Churchill dürfte recht behalten haben. Die Sozialisten haben sich
stets auf die Grundforderung
der sozialen Gerechtigkeit berufen. Gewiss vermag Freiheit ohne Gerechtigkeit
nicht zu befrie-
digen; aber ein Leben ohne Freiheit, auch wenn es keine Wünsche übrig
lässt, bedeutet das
Ende einer menschenwürdigen Existenz. Die DDR unseligen Angedenkens
liefert uns ein ein-
drückliches Beispiel.
Die in den Reihen
der SP organisierten Jungsozialisten können mit der Ideologie der
Sozialde-
mokratie zuwenig anfangen. Sie wollen etwas «Romantischeres».
Diese jungen Menschen ha-
ben den Vorteil, dass sie projektieren können bar jeden Zwangs, ihre
Ideen in die Tat umzuset-
zen. Die SP-Führung versucht, den linken Flügel bei guter Laune
zu halten, und sieht sich da-
her mehr als zuträglich zu Konzessionen gezwungen. So atmet das Wirtschaftsprogramm
der
SPS stellenweise den Geist des Sozialismus und Anarchismus. Nach diesem
Programm hat
sich das individuelle Glück einer geplanten Gesellschaft zu unterstellen.
Anarchisten des 19.
Jahrhunderts bekannten sich zu Rezepten, wie sie auch vom SPS-Wirtschaftsprogramm
ver-
ordnet werden. Ein solches Programm konnte nur entstehen, weil gegenüber
dem linken Flü-
gel zu weit gehende Zugeständnisse gemacht worden sind. Wie anders
als an ihren Früchten
kann man diese Partei erkennen?
Im Jahre 1968 schrieb
Regina Kägi-Fuchsmann ein Buch unter dem Titel «Das gute Herz
ge-
nügt nicht». Die Verfasserin war Sozialdemokratin, die sich
klar abgrenzte gegen den Sozialis-
mus, der für sie identisch war mit Kommunismus. Bei ihrer Arbeit
bekannte sie sich zu hand-
festen realisierbaren Konzepten, die rasch verwirklicht werden konnten.
Sie hat sich nicht ge-
scheut, die Bedeutung des «guten Herzens» zu relativieren.
Wie wir bereits an dieser Stelle
ausgeführt haben: «Die grössten Übel in der Welt
sind nicht die Folgen böser Absichten, son-
dern die Folgen eines unbegrenzten Willens zum Guten» (Gerhard Szczesny).
Der Titel des
von Frau Kägi-Fuchsmann verfassten Werks hat überzeugende Aussagekraft.
Dies im Gegen-
satz zu Lafontaines Buchtitel «Das Herz schlägt links».
Weil beim Menschen das Herz leicht
nach links versetzt ist, glaubt der Verfasser, daraus etwas zugunsten
der Linken herleiten zu
können.
Die Präsidentin
der SPS durfte anlässlich der Europatagung der SPS das genannte Buch
di-
rekt aus der Hand des Verfassers entgegennehmen. Frau Koch verdankt die
Früchte ihrer Ar-
beit gewiss ihrem Intellekt. Unvorstellbar, dass bei ihr dabei das Herz
mitspielt. «Wir sind ganz
auf deiner Linie, Oskar.» Mit diesem Schlachtruf hat Ursula Koch
zum ideologischen Kampf
gegen die sozialdemokratischen Modernisierer aufgerufen. Entfernt sich
da die SPS nicht vom
Bild einer linken demokratischen Volkspartei, um sich dem Typ einer linkssozialistischen
Ka-
derpartei zu nähern?
Richard Lienhard
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