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"Spalte rechts"

- der aktuelle Frontseiten-Kommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer
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Am 6. November 1998 (Ausgabe Nr. 26) zu folgendem Thema:

Die von der Wählergunst im Stich gelassene CVP verspricht profilierte Politik.

Krallen

Es gehört zum hierzulande gelebten Polit-Ritual, dass sich Parteien, die schwere Wahlniederlagen zu verkraften haben, mit starken Worten in den Medien zu Wort melden. Wer erinnerte sich nicht der trotzigen Kriegserklärung der damals arg gebeutelten SP, in Zukunft «schampar (mit solcher Orthographie sollte gleichsam das innere Zornesbeben der zurückgebundenen roten Bosse zur Schau gestellt werden) unbequem» sein zu wollen. So hat das Profil zur Schau stellen wollende Bekenntnis der derzeit von Wahlniederlage zu Wahlniederlage stolpernden CVP, fortan «mehr Nein zu sagen» und «Krallen zu zeigen» durchaus Tradition – und wird von Einzelnen vielleicht gar ernst genommen.

Ob sie, die wackeren CVP-Frauen und -Mannen, nachdem sie in den letzten Jahren Wankelmut gleichsam zum Programm erhoben hatten, jetzt tatsächlich zu Neinsagern zu mutieren gedenken? Darf man sich darauf verlassen, dass die CVP künftig mit Mut und Tatkraft alle Gelüste zu Steuererhöhungen im Keime ersticken wird? Dass neue Energiesteuern umgehend beerdigt werden? Dass die CVP der eigentumsfeindlichen, das Streikrecht salonfähig machenden, den Sozialapparat noch einmal massiv aufblähenden neuen Bundesverfassung eine klare Absage erteilen wird? Und die vielbeschworene aussenpolitische «Öffnung» unter schrittweiser Aushöhlung der Neutralität – wird solchen Zielen von Seiten der CVP fortan ein schroffes Nein entgegengeschleudert? Sind Uno- und EU-Beitritt für die CVP als «strategische Ziele» unserer Aussenpolitik beerdigt? Und die Mutterschaftsversicherung, Prestigeobjekt des ideologisierten Feminismus – hat sie die CVP in die ewigen Jagdgründe verwiesen, weggekratzt mit ihren neuerdings scharfen Krallen?

Hat, mit einem Wort, die CVP zurückgefunden zu den soliden bürgerlichen, an Freiheit und Selbstverantwortung orientierten Werten?

Oder sind ihre neuen Krallen vielleicht doch nur auf Handschuhe aufgenäht, die sich profilsüchtige CVP-Exponenten immer dann von den Medienleuten überziehen lassen, wenn – wie in zahmerer, lahmerer Form schon in der Vergangenheit – Linksdrall gefragt ist, wenn es gilt, bürgerliche Partner im Scheinwerferlicht der Medien, applaudiert von der Linken, demonstrativ im Stich zu lassen?

Doch halt! Wir stehen ja vor dem eidgenössischen Wahljahr. Es gehörte in der jüngeren Vergangenheit stets zur Taktik der CVP, sich vor Wahlen eilig und plakativ noch zu einigen bürgerlichen Überzeugungen zu bekennen. Wohl wissend, dass die CVP zur quantité négligeable verkommt, wenn sie nicht wenigstens einen Rest bürgerlicher Stimmen zu mobilisieren vermöchte. Wenigstens jene der Vergesslichen, die sich der Illusion hingeben, wer im Rahmen eines bürgerlichen Wahlbündnisses gewählt werde, verfolge im Parlament dann auch bürgerliche Politik.

Ganz so, als ob die so oft beschworene «bürgerliche Mehrheit» in den letzten Jahren mehr als ein lediglich papierenes Dasein fristen würde.

Ulrich Schlüer

 

 

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