Nr. 26, 19. September 2008
Erfahrungen aus Deutschland
Lebenslügen progressiver Schulpolitik
Von Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Ergolding bei Landshut
Egalitäre Schulpolitik und kuschelige Schulpädagogik sind ein Friedhof, auf dem beständig Auferstehung gefeiert wird. Jedenfalls scheint es so, als ob manche der progressiven und ewig-morgigen Schlaumeier wieder einmal drauf und dran sind, in die stets gleichen schulpolitischen und schulpädagogischen Fall-Gruben zu fallen.
Weit offen steht die Egalitäts-Falle, die Ideologie nämlich, dass alle Menschen, Strukturen, Werte und Inhalte gleich bzw. gleich gültig seien. Verlockung geht aus von der Machbarkeits-Falle, also vom Wahn, jeder könne zu allem begabt werden. Zusätzlich droht die Falle der Erleichterungs- und Gefälligkeitspädagogik. Schliesslich gibt es auch noch die Quoten-Falle, entstanden aus der planwirtschaftlichen Vermessenheit, es müssten möglichst viele Menschen mit dem Maturitäts-Zeugnis ausgestattet werden. Ich sehe in diesen vier Fallen ein «schulpolitisches Bermuda-Viereck», in dem Begabung, Qualität und Leistung zu verschwinden drohen.
Vertiefen wir die Diagnose! Differenzierte Diagnose ist nämlich die Grundvoraussetzung für solides Planen.
Meine nachfolgenden Teilbefunde überschreibe ich mit «Lebenslügen». Diese Lebenslügen prägen die Schulpolitik in einigen der sechzehn deutschen Bundesländer bis zum heutigen Tag.
Freiheit oder Gleichheit
Lebenslüge Nr. 1 lautet: Gleichheit und Gleichmacherei müssten Vorrang vor Freiheit und Individualität haben.
Das ist falsch. Vielmehr muss Freiheit, wie in vielen anderen Bereichen, auch in Sachen Bildung Vorrang vor Gleichheit haben.
Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang an Alexis de Toqueville und dessen warnendes Wort: Freiheit erliege gern der Gleichheit, weil Freiheit mit Opfern erkauft werden müsse und weil Gleichheit ihre Genüsse von selbst darbiete. Am Ende sei den Menschen die Gleichheit in Knechtschaft lieber als die Ungleichheit in der Freiheit.
Das Spannungsverhältnis von Gleichheit und Freiheit ist also nicht aufhebbar: Sind die Menschen frei, dann wollen sie gleich sein; und sind sie gleich, so wollen sie frei sein. Das geht nicht zusammen. Deshalb gilt nach wie vor, was Goethe meinte:
«Gesetzgeber oder Revolutionäre, die Gleichheit und Freiheit zugleich versprechen, sind Phantasten oder Scharlatane».
Freiheit oder Gleichheit? Bezogen auf Schulbildung lautet die Frage: Soll das Schulwesen am Prinzip Freiheit oder am Prinzip Gleichheit orientiert sein? Ich gebe dem Prinzip Freiheit eindeutig den Vorrang, denn Gleichheit total wäre der Tod von Individualität. Und haben wir uns erst einmal der Gleichheit verschrieben, so fangen wir an, Unterschiede – zum Beispiel mit der Einheitsschule – abzuhobeln.
Die «conditio humana» kennt aber keine Gleichheit. Menschen kommen nun einmal unterschiedlich auf die Welt. Gottlob! Alles andere wäre Langeweile pur! An der Unterschiedlichkeit und an der Vielfalt von Menschen ändern keine noch so moralisierende egalitäre Zivilreligion, kein Schulsystem und auch kein noch so gestalteter Unterricht etwas. Das ist das unüberwindbare Dilemma des pädagogischen Egalitarismus:
Egalitäre Schulpolitik erzielt vermeintliche Gleichheit allenfalls durch Absenkung des Anspruchsniveaus. Wer aber die Ansprüche senkt, der bindet gerade junge Menschen aus schwierigeren Milieus in ihren «restringierten Codes» fest. Egalitäre Schulpolitik verfestigt sogar Unterschiede, weil die Klügeren und diejenigen aus entsprechenden Elternhäusern sich ihre «Gehirnnahrung» dann woanders holen. Selbst ein hochindividualisierender Unterricht zementiert Unterschiede.
Die Lernforscherin E. Stern (seit 2006 an der ETH Zürich) schreibt dazu («Zeit», 28. Juli 2005):
«Je besser der Unterricht ist, je mehr wir die Schüler ihren individuellen Möglichkeiten entsprechend fördern, desto mehr schlagen die Gene durch – und die sind nun einmal ungleich verteilt.»
Das heisst: Beim Start in die Bildungslaufbahn sollten – abgesehen von den Genen – alle die gleichen Chancen haben. Gleiche Zielchancen kann es aber nicht geben. Gleiche Startchancen – Ja! Aber Chancen sind keine Garantien. Zu Erfolgsaussichten können Chancen erst durch eigene Anstrengung werden. Gleichmacherei würde solche Anstrengungsbereitschaft gefährden, Eigenverantwortung und Eigeninitiative bremsen. Gleichmacherei wäre nur gefühlte Gerechtigkeit – nach dem Motto: Was nicht alle können, darf keiner können. Das darf nicht sein.
«Integrative Schule»
Lebenslüge Nr. 2 lautet: Einheitliche, integrative Schulsysteme seien überlegen.
Das ist falsch! Die Tatsache, dass bei Pisa mit Finnland ein Gesamtschulland gut abgeschnitten hat, sagt wenig aus. Immerhin sind es auch Gesamtschulländer, die am Ende der Pisa-Rankings stehen: Brasilien, Mexiko!
Die Gesamtschule in Deutschland hat jedenfalls Jahrzehnte durchschlagender Erfolglosigkeit hinter sich. Aber so ist nun einmal der Mensch: Was der Bauch nicht will, lässt der Kopf nicht rein! Dennoch zwei Belege von vielen:
Aus Pisa 2000 und 2003 wissen wir erstens, dass die einzigen deutschen Länder, die international im Pisa-Konzert vorne mithalten konnten, Sachsen, Baden-Württemberg und Bayern waren. Diese drei erreichten ohne Gesamtschulen ein Ergebnis, das weit über dem von Gesamtschulbefürwortern hochgerühmten Schweden bzw. im Falle Bayerns ganz nahe am finnischen Ergebnis rangierte. Aufschlussreich dazu ist zweitens die Studie «Bildungsverläufe und psychosoziale Entwicklung im Jugendalter» des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Für Nordrhein-Westfalen wird festgehalten: Am Ende der zehnten Klasse liegen Gesamtschüler im Vergleich mit Realschülern um zwei, im Vergleich mit Gymnasiasten um drei Jahre zurück! Zugleich wird diagnostiziert, dass die Gesamtschüler hinsichtlich sozialen Lernens nicht mit den Schülern der anderen Schulformen mithalten können.
Wenn Gesamtschul-Kräfte trotzdem von der Gesamtschule schwärmen, weil diese angeblich soziale Selektion vermeide, dann verschweigen sie, dass soziale Selektion nach dem Geldbeutel der Eltern vor allem in Ländern mit einem Gesamtschulsystem stattfindet: In England, Frankreich, Japan und den USA laufen die Eltern der öffentlichen Gesamtschule davon, wenn sie es sich leisten können, ihr Kind für jährlich fünfzehntausend bis dreissigtausend Euro (25'000 bis 50'000 Schweizer Franken) in Privatschulen zu schicken.
Die durchschlagende Erfolglosigkeit deutscher Gesamtschule ist den Steuerzahler teuer zu stehen gekommen. Wir wissen aus Nordrhein-Westfalen und aus Hamburg, dass die Gesamtschule rund 25 bis 30 Prozent teurer ist als das gegliederte Schulwesen – und die Gesamtschule leistet trotzdem erheblich weniger.
Unsere Schulvisionäre leiden an einem real existierenden Knick in der Optik. Immer noch pilgern sie in den hohen Norden. Warum, weiss ich auch nicht, denn der sog. Pisa-Sieger Finnland kann aus mehreren Gründen kein Massstab sein. Dort hat man Rahmenbedingungen, die paradiesisch sind: Durchschnittlich hundertzwanzig Schüler pro Schule und achtzehn Schüler pro Klasse, extra Förderlehrer für die Schwächeren und nur 1,2 Prozent Migrantenquote. Trotzdem gibt es laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) kaum ein Land, in dem Schüler so unzufrieden mit der Schule sind wie dort. Und es gibt kaum ein Land, in dem unter Jugendlichen die Arbeitslosenquote, die Alkoholikerrate und die Suizid-Rate ähnlich hoch sind wie in Finnland.
Die Alternative zu einem differenzierten, gegliederten Schulwesen ist nicht die Einheits-, Gesamt- oder Gemeinschaftsschule, sondern ein verbessertes differenziertes, gegliedertes Schulwesen. Verbessert kann es beispielsweise werden, indem wir endlich mehr, nämlich zusätzliche Lehrstunden darauf verwenden, um unsere Risiko- und unsere Spitzenschüler zu fördern.
Verlängerte Primarstufe
Lebenslüge Nr. 3 lautet: Längeres gemeinsames Lernen in einer verlängerten Primarstufe sei für die Kinder besser und sozial gerechter.
Das ist falsch, selbst wenn ganz aktuell sogar ein CDU-geführtes Bundesland (Hamburg) die Grundschul-Zeit um zwei Jahre verlängert und damit die Gymnasialzeit um zwei Jahre verkürzt hat. Es gibt in Tat und Wahrheit keinen Grund, die Grundschule/Primarschule zu verlängern.
Was den Zeitpunkt der Differenzierung betrifft, so sagen die Fakten und alle namhaften Studien für Deutschland eindeutig aus: Sechsjährige Grundschule oder integrierte Orientierungsstufe bringt nichts – weder kognitiv noch sozial. Man hätte es immer schon wissen können. Selbst einer der frühen «Säulenheiligen des Gesamtschul-Gedankens» in Deutschland, Heinrich Roth, schrieb 1968:
«Die Denkbegabung und das Denkbedürfnis bricht im zehnten/elften Lebensjahr in so verschiedenen Stärken durch, dass die Unterschiede … das Auffälligste sind, was man in diesem Alter betrachten kann. Die Unterschiede werden in diesem Alter so krass, dass eine Trennung nach dem Grad der Begabung in irgend einer Form unerlässlich ist. ... Hier hilft keine romantisch-pädagogische Verbrämung! ... Im Interesse der Höchstausbildung aller Begabungsgrade kommen wir um die Trennung nach dem Grad der Begabung im zehnten/elften Lebensjahr nicht herum.»
Peter Roeders (Berlin) Fazit lautet:
«Die Leistungen nach sechsjähriger Grundschule liegen erheblich unter denen von Schülern, die den Wechsel aufs Gymnasium bereits nach der vierten Grundschulklasse vollzogen haben.»
Von besonderer Eindeutigkeit ist die Studie mit dem Titel «Element» von Prof. Rainer Lehmann (Humboldt-Universität Berlin) vom April 2008. Im Rahmen dieser Studie wurden 4'700 Berliner Schüler getestet (3'000 Grundschüler und 1'700 Schüler, die bereits mit der fünften Klasse ein Gymnasium besuchten). Die zentralen Ergebnisse dieser Studie lauten:
- Kinder werden durch eine sechsjährige Grundschule gebremst: Rückstand am Ende der sechsten Grundschulklasse im Lesen eineinhalb Jahre, in Mathematik und Englisch zwei Jahre (im Vergleich mit Schülern, die nach der vierten Klasse in eine weiterführende Schule gehen können).
- Zwei Extrajahre bringen keinerlei Abbau sozialer Disparitäten. Die soziale Schere öffnet sich sogar noch weiter.
- Vor allem stärkere Schüler werden zu wenig gefördert.
Mehr Akademiker?
Lebenslüge Nr. 4 lautet: Wir bräuchten angeblich mehr Maturanden, Studenten und Akademiker.
Diese Aussage ist falsch. Wir fahren vielmehr nicht schlecht mit unseren Strukturen der beruflichen Bildung.
Mit dieser Aussage wende ich mich gegen eine OECD und ihre Claqueure, die meinen, uns deutschsprachigen Ländern vorhalten zu müssen, wir würden eine zu geringe Quote an Studierenden und Akademikern produzieren. Dazu sage ich: Ein solches Quotendenken verwechselt Quantität und Qualität. Ausserdem beginnt der Mensch nicht mit der Matura. Überhaupt taugt das planwirtschaftliche OECD-Büro für Bildungsideologie in Paris nicht einmal als glaubwürdiger Erbsenzähler. Da war ja die Planwirtschaft der DDR fast noch seriöser. Zum Beispiel sind viele der OECD-Aussagen zur Akademikerquote und zur geforderten sozialen Durchlässigkeit des Bildungswesens schlicht und einfach statistische Artefakte:
- In Finnland und in den USA etwa gilt die Ausbildung zur Krankenschwester, zum Krankenpfleger oder zur Kindergartenerzieherin als Hochschulausbildung. Da kann man leicht auf hohe Akademikerquoten kommen. Zugleich halte ich fest: Viele unserer Schul- und Berufsabschlüsse unterhalb der formal-akademischen Schwelle haben den gleichen Rang wie andernorts Hochschulabschlüsse.
- Auch die angebliche soziale Durchlässigkeit des Bildungswesens anderer Staaten sind oft bloss statistische Konstrukte: Wenn in Finnland die Tochter eines Industriearbeiters Krankenschwester wird, dann gilt sie als Paradebeispiel für die soziale Durchlässigkeit des dortigen Bildungswesens. Wenn in Deutschland die Tochter eines VW-Facharbeiters Krankenschwester wird, gilt sie als angeblich schreckliches Beispiel für die mangelnde soziale Durchlässigkeit unseres Bildungswesens.
Interessant auch: Dort wo in Europa die niedrigsten Abiturienten/Maturanden-Quoten beklagt werden, erhalten wir zugleich die besten Wirtschaftsdaten – nämlich in Österreich, in der Schweiz sowie in Baden-Württemberg und Bayern.
In Sachen Abiturienten-Quote verhalten sich Quantität und Qualität reziprok. Ein Abitur bzw. eine Matura «light» bilden noch lange kein Attest für Studierfähigkeit. Was also soll dieses dümmliche Quoten-Wettrüsten?
Josef Kraus
(Vortrag, gehalten am Volksschul-Sonderparteitag der SVP am 23. August 2008 in Sursee)