Nr. 26, 3. Oktober 2003
Prüfstein für die Glaubwürdigkeit
des Bundesrates
EU-Osterweiterung
Von Philipp Müller, Grossrat, Reinach AG
Die Europäische Union zählt heute fünfzehn Mitgliedstaaten mit insgesamt 377 Millionen Einwohnern. Voraussichtlich am 1. Mai 2004 werden weitere zehn Staaten mit insgesamt 75 Millionen Menschen der Union beitreten.
Die Schweiz steht am Anfang der Versuchsphase für die Umsetzung der
Bilateralen Abkommen mit den bisherigen 15 EU-Staaten. Erst im Jahr 2009
entscheidet das schweizerische Parlament (und im Falle eines Referendums das
Schweizer Volk), ob das bestehende Abkommen über den freien Personenverkehr
dannzumal weitergeführt werden soll.
Die deutliche Zustimmung des Schweizer Souveräns zu den Bilateralen I war
nicht zuletzt eine Folge der Beteuerungen des Bundesrates, wonach eine
allfällige Erweiterung der Personenfreizügigkeit auf neue EU-Mitgliedländer
wiederum dem Referendum unterstehen werde und eine Ablehnung dieser
Ausdehnung keinen Einfluss auf die Bilateralen I habe.
Rassismuskeule und Ausländerfeindlichkeit
Heute, nach kaum drei Jahren, tönt es aus dem Bundeshaus ganz anders. Nach
mehr oder weniger sanftem Druck der EU will unsere Landesregierung die zehn
neuen EU-Staaten Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Slowakei, Slo-
wenien, Tschechien, Ungarn und Zypern so rasch als möglich in das bestehende
Abkommen mit der EU integrieren und hofft, den freien Personen- verkehr mit
diesen zehn Staaten auf Anfang 2005 einführen zu können. Der Bundesrat
schränkt dabei die Entscheidungsfreiheit des Schweizer Volkes entgegen den
Versprechungen vor der Abstimmung über die Bilateralen I bereits jetzt
massiv ein. Er droht ungeschminkt mit der Gefahr, wonach das gesamte
bestehende Abkommen von der EU gekündigt werden könnte, sollte sich der
Souverän dem Drängen des Bundesrates bzw. der EU nicht beugen und der neuen
Dimension des freien Personenverkehrs die Zustimmung verweigern.
Mit falschen Behauptungen soll uns die Ausdehnung der Bilateralen Abkommen
auf die neuen EU-Mitgliedstaaten schmackhaft gemacht werden. Im Vordergrund
der Argumentation stehen dabei wirtschaftliche Argumente, wobei diese in der
Verlautbarung eines Parteisekretariats gar auf die Frage reduziert werden:
«Gegen Ausländer oder für die Wirtschaft?» Einmal mehr wird in diesem
Zusammenhang also die «bewährte» Rassismuskeule geschwungen und gar der
Ausländerfeindlichkeit bezichtigt, wer das Vorhaben des Bundesrates auch nur
zu hinterfragen wagt.
Wie steht es aber um die wirtschaftlichen Fakten in den neuen EU-Staaten?
Lassen diese erwarten, dass wir neue Arbeitsmärkte erschliessen können,
welche Arbeitsplätze in der Schweiz schaffen? Brauchen wir diese Staaten, um
unseren
Bedarf an «wenig ausgebildeten Arbeitskräften» zu decken, wie von
eidgenössischen Parlamentariern zu vernehmen ist? Handelt es sich wirklich
um Staaten, in denen «ein horrendes Wirtschaftswachstum stattfindet», wie
ebenfalls behauptet wird? Wie steht es um die Arbeitslosigkeit und den
Lebensstandard in diesen Staaten? Ist allenfalls mit einem höheren
Einwanderungsdruck auf die Schweiz zu rechnen, weil die wirtschaftliche
Situation in den neuen EU-Mitgliedstaaten vielleicht doch nicht ganz so
rosig ist? Lässt sich die Überalterung der schweizerischen Bevölkerung durch
Einwanderung aus diesen Staaten nachhaltig korrigieren? Das sind Fragen, die
geklärt werden müssen und über welche die Öffentlichkeit zu informieren ist.
Nur auf der Grundlage von Fakten ist eine Beurteilung der Herausforderung
EU-Osterweiterung möglich. Das blosse Erwähnen der Vorteile für den
Wirtschaftsstandort Schweiz ist wenig sachdienlich, da eine derartige
Ausdehnung des freien Personenverkehrs unter dem Aspekt aller politischen
und gesellschaftlichen Kriterien zu prüfen ist.
Die in letzter Zeit vielfach zu hörenden Forderungen, die «Einwanderung habe
im Interesse der Schweiz zu liegen», verkommt zur hohlen Phrase, wenn dabei
nur von Absatzmärkten fabuliert wird, die sich allenfalls eröffnen können.
Wirtschaftliche Situation der Neumitglieder
Das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf ist einer der wichtigsten Indikatoren
für den internationalen Vergleich des Wohlstands von Staaten. Um dem
unterschiedlichen Preisniveau in den Vergleichsstaaten Rechnung zu tragen,
wird das BIP pro Kopf in Kaufkraftstandards (KKS) ausgedrückt, also in einer
von nationalen Währungen unabhängigen Einheit.
Mit solchen Standards lässt sich der wirtschaftliche Wohlstand der
Neumitglieder mit den bisherigen EU-Staaten und mit der Schweiz vergleichen.
Während das BIP pro Kopf, gerechnet in KKS, in der Schweiz um über 25
Prozent höher liegt als im Durchschnitt der alten EU-Staaten, liegen die
neuen Beitrittsländer massiv unter den Werten der heutigen EU. Polen ist mit
39 Millionen Einwohnern der grösste neue EU-Staat und stellt über die Hälfte
der Zahl der neuen EU-Bürger. Polen erreicht gerade einmal 40 Prozent des
BIP pro Kopf des EU-Durchschnitts. Die anderen Staaten liegen zwischen 30
Prozent (Litauen) und 85 Prozent (Zypern) der EU-Werte. Dieser Vergleich
lässt schnell erkennen, dass die neuen EU-Staaten wirtschaftlich noch weit
abgeschlagen dastehen!
Wachstum auf tiefem Niveau
Wohl liegt das wirtschaftliche Wachstum wesentlich höher als beispielsweise
in der Schweiz oder in den meisten bisherigen EU-Staaten. Auf einem so
tiefen Niveau, wie es in den Oststaaten Tatsache ist, ist Wachstum aber
wesentlich leichter zu erzielen als auf dem hohen Niveau der Schweiz, wo
weitere Steigerungsraten naturgemäss schwieriger zu erzielen sind. Aus dem
tiefen BIP pro Kopf lässt sich ableiten, dass in der Schweiz produzierte
Güter für die neuen EU-Staaten zu teuer sind. Es ist illusorisch zu glauben,
bei uns würde die Einführung des freien Personenverkehrs mit dem
einhergehenden freien Zugang zu diesen Ostmärkten deutlich mehr
Arbeitsplätze schaffen. Es dürfte wohl eher nach der alten ökonomischen
Regel laufen, wonach dort produziert wird, wo die Arbeitskräfte billig sind.
Somit ist nebst der zu hörenden Schönfärberei auch mit dem Szenario zu
rechnen, wonach schweizerische Unternehmen in die Billigstandorte abwandern
und Arbeitsplätze bei uns verloren gehen, während gleichzeitig billige
Arbeitskräfte in die Schweiz kommen, um hier Arbeit zu suchen.
Höhere Arbeitslosigkeit
Sechs der zehn neuen EU-Staaten mit über 82 Prozent Bevölkerungsanteil
haben eine zum Teil wesentlich höhere Arbeitslosigkeit als die
durchschnittliche Arbeitslosenquote der EU, die bei rund 8,5 Prozent liegt
(Schweiz Ende Juli 2003: 3,6 Prozent). Da hilft es wenig, wenn behauptet
wird, die Arbeitslosenraten in den Oststaaten lägen zum Teil massiv unter
dem EU-Durchschnitt. Im bevölkerungsreichsten neuen EU-Staat Polen liegt die
Quote bei über 16 Prozent, während sie in den übrigen neuen
EU-Mitgliedstaaten zwischen 3,4 Prozent (Zypern) und 18,6 Prozent (Slowakei)
liegt. Angesichts dieses grossen Gefälles bei der Arbeitslosenquote liegt es
in der Natur der Sache, dass viele Arbeitslose die neuen
Wanderungsfreiheiten nutzen werden, um auch in der Schweiz nach Arbeit zu
suchen.
Sechs der zehn neuen EU-Staaten mit über 82 Prozent Bevölkerungsanteil
haben eine zum Teil wesentlich höhere Arbeitslosigkeit als die
durchschnittliche Arbeitslosenquote der EU, die bei rund 8,5 Prozent liegt
(Schweiz Ende Juli 2003: 3,6 Prozent). Da hilft es wenig, wenn behauptet
wird, die Arbeitslosenraten in den Oststaaten lägen zum Teil massiv unter
dem EU-Durchschnitt. Im bevölkerungsreichsten neuen EU-Staat Polen liegt die
Quote bei über 16 Prozent, während sie in den übrigen neuen
EU-Mitgliedstaaten zwischen 3,4 Prozent (Zypern) und 18,6 Prozent (Slowakei)
liegt. Angesichts dieses grossen Gefälles bei der Arbeitslosenquote liegt es
in der Natur der Sache, dass viele Arbeitslose die neuen
Wanderungsfreiheiten nutzen werden, um auch in der Schweiz nach Arbeit zu
suchen.
Einwanderung ist keine Antwort
Die Sorge, wonach die Altersrenten durch die drohende Überalterung unserer
Gesellschaft gefährdet seien, ist
berechtigt. Die Forderung nach mehr Einwanderung zur Lösung dieser
Problematik ist allerdings sehr kurzsichtig. Durch noch mehr Einwanderung
kann das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Nichterwerbstätigen nicht
nachhaltig verbessert werden. Es ist zu beachten, dass nicht nur die Rentner
von der aktiven Bevölkerung abhängig sind, sondern auch Kinder und
nichterwerbstätige Ehepartner. Mit dem Zustrom von Arbeitskräften wandern
nach heutigem Verständnis mit der Ehefrau und den Kindern auch
Nichterwerbstätige ein, so dass das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und
Nichterwerbstätigen weitgehend unverändert bleibt. Zudem werden auch die
Zuwanderer älter und entsprechend rentenberechtigt, was wiederum weitere
Zuwanderer erfordert. Vor allem als Folge der Einwanderung von immer mehr
Nichterwerbstätigen hat sich in der Schweiz von 1991 bis 2001 die Zahl der
Nichterwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung um 12 Prozent erhöht, während
die Zahl der Erwerbstätigen gleichzeitig lediglich um 2,1 Prozent gewachsen
ist. Im Jahr 2002 lag der Anteil der Erwerbstätigen bei den über 100 000
neuen Einwanderern nur noch bei 30 Prozent. Bei solchen Entwicklungen ist
absehbar, dass sich die demographischen Probleme durch vermehrte
Einwanderung mit der Zeit eher noch verschärfen werden.
Nicht zu vergessen ist auch, dass die Schweiz insbesondere das
schweizerische Mittelland schon heute eines der am dichtest bevölkerten
Gebiete der Erde ist. Allein schon die Bevölkerungsdichte auf unserem engen
Raum setzt dem quantitativen Wirtschaftswachstum Grenzen.
Schlussfolgerung
Die Schweiz wird auch in Zukunft auf Zuwanderung angewiesen sein. Die reine
Zahl der im Ausland rekrutierten Erwerbstätigen ist aber von sekundärer
Bedeutung im Vergleich zum Stellenwert, welcher der importierten
Wertschöpfungsquote zukommen muss. Aus rein ökonomischer Sicht ist es wenig
sinnvoll, aus den neuen EU-Staaten unqualifizierte Arbeitskräfte frei
zuzulassen, und gleichzeitig zu betonen, dass von ausserhalb der EU nur
Hoch- oder Höchstqualifizierte zuzulassen seien. Die weitere Zulassung von
unqualifizierten Arbeitskräften auch aus dem EU-Raum schadet unserer
Volkswirtschaft und schafft keine genügende Wertschöpfung, um die Kosten für
Integration, Bildung, Soziales usw. zu finanzieren.
Philipp Müller