Nr. 26, 9. November 2001
Politische Fehlentscheide
am laufenden Band
Desolater
Nachrichtendienst
Von Heinrich
L. Wirz, Bremgarten BE
Die Behandlung nachrichtendienstlicher Belange durch Bundesrat und Verteidigungsdepar- tement (VBS) ist verhängnisvoll. Die Informationsführung strotzt vor Mängeln. Wiederholte Amtsgeheimnis-Verletzungen deuten auf die Existenz eines Maulwurfs hin.
Der schweizerische Nachrichtendienst kommt nicht zur Ruhe, weder in sich noch in der Politik und schon gar nicht in gewissen Medien. Deren Sprechblasen künstlicher Aufgeregtheit über die Untaten von Dino Bellasi sind zwar geplatzt. Noch immer wird von einem «Geheimdienst» geschwätzt. Jeder- mann klärt auf, um sein Leben zu bewältigen. Dies fängt früh am Morgen an mit dem Hören von Nach- richten sowie von Wettervoraussagen und einem vergleichenden Blick zum Himmel. Jede, selbst eine kleine Unternehmung, muss Informationen beschaffen, um bestehen zu können. Dazu gehört die Kenntnis und der Vergleich von Konkurrenten, ihrer Personen und Produkte. Die erste Verteidigungslinie eines Staates ist der Nachrichtendienst. Ohne diesen sind weder eine umfassende Lagebeurteilung und eine Strategie (Ziel, Mittel, Einsatz) noch eine wirksame Entschlussfassung möglich. Es ist offensicht- lich, dass seit 1999 behördliche Fehlentscheide des VBS und des Bundesrates die schweizerischen Nachrichtendienste in ihrer Vertrauenswürdigkeit und Wirksamkeit schwer beeinträchtigt haben.
Fehlentscheide
Die klägliche
Unbeholfenheit der politischen und der militärischen Führung des
VBS bei der vergeblich versuchten Bewältigung des Betrugsfalles Bellasi
ist in peinlicher Erinnerung. Die bisherige Untergruppe Nachrichtendienst
des Generalstabes wurde per 31. Dezember 2000 aufgelöst, und ihre Armeestabs-
teile mit sachkundigen Milizangehörigen werden aufgehoben. Der Strategische
Nachrichtendienst (SND) ist sogenannt demilitarisiert und einer zivilen Stabsstelle,
dem Generalsekretär VBS, unterstellt worden. Der militärische Nachrichtendienst
ist dem Generalstab belassen, und dessen stellvertretendem Chef sind die 16
im Ausland akkreditierten Verteidigungsattachés unterstellt worden.
Daneben entstanden auf Grund eines Bundesratsbeschlusses vom 3. November 1999
eine «Lenkungsgruppe Sicherheit», die Stelle eines Nachrichtenkoordinators
sowie ein Lage- und Früherkennungsbüro insgesamt schon nur
im VBS ein schwerfälliges und unübersichtliches Gebilde.
Wirksamkeit
Gemäss
Artikel 170 der Bundesverfassung sorgt die Bundesversammlung dafür, «dass
die Massnah- men des Bundes auf ihre Wirksamkeit überprüft werden».
Laut Geschäftsverkehrsgesetz (GVG) obliegt die parlamentarische Aufsicht
über die Nachrichtendienste der Geschäftsprüfungsdelegation.
Deren diesbezügliche Bemühungen sind im Jahresbericht 2000/2001
vom 22. Mai 2001 nachzulesen in Amtsdeutsch zusammengefasst: «Die
Delegation ist allgemein der Meinung, der Bundesrat und der Vorsteher des
VBS sollten die Nachrichtendienste bestimmter steuern und zu diesem Zweck
ein Controlling-System einsetzen.» Die Geschäftsprüfungsdelegation
hat festgestellt, «dass die Archivie- rung der Dokumente des SND Probleme
bereitet». Sie habe bei einem Besuch im Bundesarchiv fest- gestellt,
dass der SND kaum neue Akten abgegeben hat. Dies sei mit dem Archivierungsgesetz
unver- einbar. Es sei dringend, dass eine Lösung für die Archivierung
dieser Akten gefunden werde. Dies ist offenbar ein Hauptproblem der beaufsichtigenden
sechs Parlamentarier. Sie schweigen sich hingegen aus über Vertrauenswürdigkeit,
Wirksamkeit und über die Geheimhaltung von Mitteln, Quellen und Partnern.
Verschwiegenheit
Weder sind die
nachrichtendienstlichen Stellen des Bundes in der «Dunkelkammer der
Nation» ver- steckt, noch handelt es sich um Geheimdienste, wie bestimmte
Journalisten wider besseres Wissen immer wieder behaupten. Die Geheimhaltung,
zu der auch die Beschaffungen aller Art gehören, ist in wichtigen Bereichen
des Nachrichtendienstes oberstes Gebot. Schon im Laufe der Abklärungen
des «Falles Bellasi» sind schwerwiegende Verletzungen des Amtsgeheimnisses
vorgekommen. Das Vertrauen ausländischer Partnerdienste sinkt, wenn auf
schweizerischer Seite derart stümperhaft gehandelt wird. Die kürzlichen
Meldungen aus dem VBS über nachträgliche und «schonungslose
Abklärung» das heisst Offenlegung nachrichtendienstlich
geheimer Sachverhalte wird weitere Quellen endgültig zum Verstummen bringen.
Welche Person oder welche Stellen sind noch bereit, Informationen zu liefern,
wenn die Gefahr besteht, noch nach Jahren oder Jahrzehnten durch den Empfänger
blossge- stellt zu werden? Offensichtlich sind zur Zeit mehrere mediengestützte
und sich zum Teil überlagernde Kampagnen und Ablenkungsmanöver im
Gange Stichworte: Abstimmungen vom 2. Dezember, Armee- leitbild, Fliegerabwehr-Lenkwaffen,
Peter Regli, Südafrika und Rüstungsbeschaffungen.
Heinrich L. Wirz