Nr. 26, 9. November 2001

Die Schweiz aus der Sicht eines Beobachters in den USA
Der zweite Tod der Alten Eidgenossenschaft
Von Richard Anderegg, Washington

Im Jahre 1815 hat eine in sich zusammengesunkene Schweiz neu aufgelebt. Heute liegt eine zweite Alte Eidgenossenschaft, diejenige von 1848, im Sterben. Vielleicht ist sie bereits ver- storben. Das Koma dauert jedenfalls seit 1997.

Wir erleben jetzt das unaufhaltsame Ableben einer weiteren Alten Eidgenossenschaft. Das ist die harte Feststellung, die sich mir von meinem Beobachtungsort in Übersee seit 1996 aufdrängt. Die Alte Eidge- nossenschaft, die wir als solche aus dem Geschichtsbuch kennen, ging Ende des 18. Jahrhunderts in die Brüche, Stichdatum 1798. Die inzwischen alt gewordene von 1848 war schon krank, würgte sich 1997 an einer schmutzigen Hetzschrift eines Herrn Eizenstat bewusstlos und ist seither im Koma.

Das Ende von 1798 war ein militärisch bewirkter, materieller Zusammenbruch. Die Schweiz wurde dann als Helvetik von aussen her reorganisiert, und ein gültiger Vergleich beginnt nach Ende des napoleoni- schen Reichs 1815. Vom Wiener Kongress mit Verdacht entlassen, versuchte man, das 1798 verstor- bene Modell wieder anzukurbeln. Es hiess die Restauration. Die dauerte von 1815 bis 1848, 33 Jahre, mit Grochsen und Stöhnen, bis dann eine neue Konstruktion dastand. Diese Zeit sollte sich der schwei- zerische Geschichtsunterricht wieder vornehmen. Wir stecken nämlich wie damals zwischen dem nicht mehr lebensfähigen Modell von 1848, das unterdessen die zweite Alte (und müde) Eidgenossenschaft wurde, und einem unbedingt nötigen nationalen Erwachen, sollen wir uns eine weitere Geschichts- spanne bewusster nationaler Existenz erarbeiten.

Virtuelles Sterben
Eine Besetzung durch den Feind und Jahre als Schlachtfeld Europas wie damals von 1798 bis 1815 bleiben uns heute erspart. Heute entscheiden sich viele politische Prozesse nicht mehr durch eine kriegerische Fortsetzung. Clausewitz stimmt nicht mehr in jedem Fall. Staatswesen sind derart ver- netzt, dass die Entscheide gewissermassen abstrakt fallen. Man kann es einen «virtuellen» Prozess nennen. Die Sowjetunion ging virtuell zugrunde. Ohne materielle Feindeinwirkung war plötzlich der Staat nicht mehr da, er gab sich selbst auf.

Es wäre für einen Wiederaufbau nach 1990 einfacher gewesen, hätte Russland feindliche Zerstörung erlebt. Dann hätten die Bürger automatisch zu Schaufel und Pickel gegriffen, um den Schutt aufzuräu- men wie in Deutschland 1945. So standen aber die unproduktiven Fabriken, die mittellosen Forschungs- labors weiterhin da, scheinbar unberührt, aber nichts funktionierte: Der Staat war gestorben. Auch unsere eidgenössischen Räte und die sieben Bundesräte zieren noch ihre Sessel. Als Regierung sind sie virtuell gestorben.

Wir erleben auch die mit mechanischer Gewaltanwendung erfolgten Katastrophen der Restauration nicht. Es gibt keine Staatsstreiche wie zweimal in Neuenburg, keine Freischarenzüge. Aber die Regie- rung wird von aussen ferngesteuert. Unter dem Druck von Russland trat im Jahre 1817 die Tagsatzung der Eidgenossenschaft, der zwei Jahre zuvor in Wien Neutralität als Hausrezept verschrieben worden war, der Heiligen Allianz bei, so wie heute unser neutraler Bundesrat der Partnerschaft für den Frieden, auf Druck des heutigen mächtigen Reiches. 1823 verschrieb die verängstigte Tagsatzung den Kantonen scharfe Massnahmen gegen die liberalen politischen Flüchtlinge, genau wie Bundesräte heute verant- wortlichen Fiskalbeamten in Einzelentscheiden mitteilten, dass sie nicht mehr schweizerischen, sondern amerikanischen Steuervorschriften zu gehorchen haben ­ und das Parlament kuscht. Unsere Banken mussten Bücher vor einer internationalen Kommission öffnen wie in einem militärisch geschla- genen Staat. Souveränität wird vergantet, und die eidgenössischen Behörden sind der Trödlerladen.

Aber damals, so um 1820 bis 1830, regten sich doch Oppositionskräfte. Es entstanden als Reaktion auf die ängstliche Tagsatzung und die willfährigen Kantone die Zofinger Studenten, die Helvetische Gesell- schaft, der eidgenössische Schützenverein, die Schweizer Ärztegesellschaft, es fand eine Besinnung auf nationale Werte statt. Heute warten wir noch auf eine solche Grundwelle. Wir sind 1815 doch näher als 1830, wo die liberale europäische Bewegung langsam die Schweiz erfasste. Parlament und Exeku- tive, oder wenigstens die Leute, die mit diesem Etikett versehen dasitzen, haben auch einfache heutige Wahrheiten noch nicht begriffen. Sie wollen ­ das ist der letzte Streich ­ eine in den Bankrott geführte Swissair neu überpinselt mit öffentlichen Geldern restaurieren, wo es keine Restaurationsmöglichkeit mehr gibt.

Fehlende Aufbruchstimmung
Ab 1830 revidierten immer mehr Kantone ihre Verfassung gegen den damals europäisch korrekten Ton der Tagsatzung. Eine solche Revolte von unten her gegen den Ausverkauf nationaler Rechte und Werte durch die eidgenössischen Politiker hat, ausser in einer recht zahmen Verschiebung bei eidgenössi- schen Wahlen, noch heute nicht angefangen. Die notorischsten Volksbewegungen sind bis jetzt die Chaoten und die «Vergesst alle Alltagssorgen»-Raver.

Es hat auch (noch) keine bewaffneten Lokalexplosionen gegeben wie 1831 in Neuenburg und in Schwyz oder die Freischarenzüge von 1844 und 1845. Grundbedingung und Ausdrucksmöglichkeit für Unruhen sind heute auch ganz anders, aber das Wesentliche ist doch das Fehlen jeder Leidenschaft für eine Neugestaltung des Staates. Es gibt (noch) keine Sonderbundsstimmung. Man murrt, höhnt zynisch und erwartet schliesslich von den eidgenössischen Behörden sowieso nichts Mutiges und nichts Wegwei- sendes mehr. Es erinnert tatsächlich mehr an die Jahre nach 1815 als an die Jahre vor 1830. Etwas muss reifen, damit dann, wie 1847­48, aus der letzten Auseinandersetzung, fast wie durch ein Wunder, ein Werk wie die Verfassung von 1848 plötzlich dasteht. Das deutlichste Zeichen des heutigen Verza- gens war die oberflächliche Feststellung, der Staat sei wohl veraltet, da müsse also eine neue Verfas- sung her. Da wurden Ecken radiert, überpinselt, der liebe Gott (ganz) und die Auslandschweizer (halb) vor die Tür gestellt und das Ding mit Klebeband und Leim in allgemeiner Gleichgültigkeit akzeptiert.

Zeit noch nicht reif
Auch die Leute sind nicht da. Es ist sicher kein Zufall und spiegelt sowohl Sehnsucht wie Bezug auf jene wichtigen Übergangsjahre vor 1848 im Land, wenn in der Zeitung «Le Temps» vor einem Monat in einem Leserbeitrag gewünscht wurde, wir möchten wieder einen General Dufour haben. Unterdessen röchelt die zweite, alt gewordene Eidgenossenschaft auf ihrem Todeslager ­ wenn sie nicht schon gestorben ist ­, und die Schweiz pilgert durch lange Jahre, wie von 1815 bis 1848. Die Zeit ist für einen Neubeginn noch nicht reif, die Leute sind nicht da, der Becher ist nicht voll ausgetrunken, wir müssen warten.

Richard Anderegg