Nr. 26, 9. November 2001

«Ein Indikator für den Zustand des Landes»
Die Schweiz im Spiegel ihrer Fluggesellschaft
Aus dem Wochenbericht der Bank Julius Bär*

Eine «Sekte des militanten Optimismus» wachte auch jahrelang über die Geschicke der Swiss- air. Die Folgen sind bekannt. Sie zeigen mehr als das Debakel einer bekannten Gesellschaft. Keiner der Drahtzieher im dramatischen Finale war auf der Höhe der Situation. Nicht der Bundesrat, nicht die Sanierer, nicht die Swissair-Führung.

Dass die Sanierer angesichts des Risikos und der Beträge, um die es geht, keine Lust hatten, ein paar hundert Millionen Franken mehr auszugeben, um eine elegante Abwicklung zu ermöglichen, ist nach- vollziehbar. Dass die beiden Bundesräte, die sich um das Dossier zuerst exklusiv kümmerten, ebenfalls kein Bedürfnis verspürten, anfänglich mehr als 125 Millionen Franken Steuergelder in die marode Swiss- air zu stecken, ist ebenfalls nachvollziehbar. Und dass der Verwaltungsratsdelegierte der Swissair, erst im Frühjahr notfallmässig aufgeboten, emotional überfordert war, öffentlich Faillite zu bekennen, kann man nur zu gut verstehen.

Ohnmächtiger Bundesrat
Dass die Swissair dann am 2. Oktober den Flugbetrieb einstellte, dürfte neben der Öffentlichkeit im Ernst nur den Bundesrat überrascht haben. Seine emotionalen Ausbrüche entsprachen weder der Würde des Amtes, noch stellten sie seiner Handlungsfähigkeit ein gutes Zeugnis aus. Eine Regierung, die auf der Höhe der Probleme ist, hätte ­ wenn sie es schon so weit hatte treiben lassen ­ kurzerhand die Treibstoffvorräte der Fliegertruppen zur Verfügung gestellt, Reservisten einberufen und das diploma- tisch-konsularische Personal mit dem nötigen Bargeld an die Flughäfen geschickt. Dafür gibt es einen Staatsapparat und Beamte mit besonderem Status. («Ein Beamter hat immer die Koffer in Reichwei- te.») Statt dessen zu schimpfen und öffentlich zu erklären, man habe jemanden nicht erreicht, ist nichts weniger als das Eingeständnis persönlicher Ohnmacht.

Das Swissair-Debakel trifft uns alle. Wie es zu der Déconfiture kommen konnte, an die sich die Schweiz einmal erinnern wird wie an den Chiasso-Skandal, ist einigermassen klar. Ein klassischer Fall von Selbstüberschätzung und fehlendem Krisenbewusstsein, gekoppelt mit schweren operativen Feh- lern. Nach Dürrenmatt ist eine Geschichte immer erst dann fertig, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Die Swissair versuchte bis zuletzt, sich unter Annahme optimistischer Randbedingungen zu sanieren. Wer aber keine Reserven bildet, ist in einer Krise ­ der Stunde der Bewährung ­ überfordert.

Schwache Führung
Ähnlich wie die deutsche Kultur kennt die mentalitätsmässig mittlerweile sehr deutsch-amerikanisch gewordene Schweiz keine Eliten. Wie in der Bundesrepublik kompensieren die Dynamik und die relative Autonomie der mittleren Kader die Schwächen der Führung. Dieses Übermass an Autonomie gereichte der Swissair mit zum Verhängnis. Es birgt eben auch ein hohes Sperrpotential, wenn es darum geht, zu verzichten und kleine Königreiche zu räumen. Das Debakel der Swissair zeigt die Grenzen dieses Kulturmodells. Statt geklonter Manager, die sich öffentlich feiern lassen für banale Trendvollstreckung, braucht das Land Patrons. Es braucht Patronnes und Patrons, Frauen und Männer, die sich durchset- zen und die wissen, was ein Risiko ist, und die sich keine grösseren Risiken zumuten, als sie über- schauen können. Die «Strategie» der Swissair, mit Gewalt zu expandieren, setzte nicht zuletzt eine Unternehmensführung voraus, die dieser Strategie gewachsen war. Niemand war der gewählten Strate- gie gewachsen.

Rückbesinnung nötig
Die Swissair ist nicht die Schweiz, aber sie ist ein aussagekräftiger Indikator für die Verfassung des Landes. Die Referenzaktionäre der öffentlichen Hand und der Pensionskassen haben viel zu lange zugewartet, um noch ernsthaft Kredit (im übertragenen Sinne) beanspruchen zu können. Die schweize- rische Zukunft der Swissair ist die Crossair. Auf deutsch: die radikale Reform an Haupt und Gliedern, die Rückbesinnung auf realistische Ziele.

Ein letzter Punkt: Der stürmische Untergang der Swissair ist keineswegs Ausdruck einer Krise privaten Wirtschaftens. Eidgenossenschaft, der belgische Staat, Kantone und Pensionskassen hielten bis zuletzt massgebliche Teile des Unternehmens. Aber die Vertreter der staatlichen Hand führten sich auf wie manchmal die Erben einer alten Unternehmerfamilie. Sie haben dem Untergang tatenlos zugeschaut und nur noch darauf geachtet, die eigenen Verluste zu minimieren. Wenn der Staat als Unternehmer gute Figur machen soll, und dafür gibt es zahlreiche Beispiele, dann werden seine Vertreter eine etwas andere Haltung an den Tag legen müssen.

* Auszüge aus dem Wochenbericht Nr. 40 vom 11. Oktober 2001