Spalte rechts
Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 10. November 2000
Rücktritt
von Bundespräsident Ogi
Einmal
ein General sein...
Er durfte schon, beim Anstehen zum Händchen-Schütteln mit Bill Clinton, «die Welt erfahren». Und es war ihm, etwa als Zweiundachtzigster in der langen Warteschlange, auch ein Fünf- minuten-Auftritt vor der Uno-Generalversammlung vergönnt. Selbst der Papst hat ihn empfan- gen. Und er durfte wandern mit dem Uno-Generalsekretär. Schliesslich ward ihm gar beschie- den, einen veritablen britischen Kronprinzen in die Geheimnisse der Bio-Landwirtschaft einzuführen.
Wen erstaunt's, dass er - von einer endlich auch den Duft der grossen weiten Welt schnuppern dürfen- den Medienmeute auf Schritt und Tritt verfolgt und erhöht - als Karriere-Höhepunkt schliesslich auch noch General zu werden wünschte. Doch nicht nach miefig provinziellem schweizerischem Dreisternler dürstete ihn - nein: Nato-General wollte er werden. Und sie folgten seiner Einladung nach Luzern, vierhundertfünfzig Berufsoffiziere an der Zahl, zumeist aus Nato-Ländern angereist. Gerne gaben sie sich her als Staffage für seinen Glanzauftritt. Dabei beifällig nickend, als sie aus berufenem Mund erfuhren, die Schweiz wolle sich zur «Nato-Lobby» mausern. Schliesslich ist es auch für die Nato verlockend, sich mit der schweizerischen eine der noch immer stärksten Armeen Europas mir nichts, dir nichts einverleiben zu können.
Allerdings: Es gab da noch einige störende Spielverderber in der Entourage des Möchtegern- Generals. Einige der Vorsitzenden der vierundzwanzig aus Steuergeldern zwecks Inszenierung des Chefs geschaf- fenen PR-Abteilungen sahen sich genötigt, das Unerfreuliche ihrem Chef zuzuflüstern: Das Armee- gesetz befinde sich zwar in Teilrevision. Aber es sei noch nicht genehmigt, noch nicht dem Volk vorge- legt, noch nicht in Kraft. Doch was soll sich einer, der sich unter den Grossen dieser Welt wähnt, von Gesetzen bremsen lassen. Französische Panzertruppen, entschied er kurzerhand, sollten auch in die Schweiz kommen, wenn die gesetzliche Grundlage dafür noch fehle - Hauptsache, der Chef hat seinen Medienauftritt. Und die Swisscoys könne man auch ohne Gesetzesgrundlage bewaffnen - Hauptsache, dem Chef kann dafür ein Platz auf dem Titelblatt der «Schweizer Illustrierten» ergattert werden...
Was? Die zuständige Parlamentskommission möchte mit dem Departementsvorsteher über die wegen Dauer-Abwesenheit der politischen Führung offensichtlich aus dem Ruder laufende Armee-Reform diskutieren? Keine Zeit! Was? Eigentlich wäre er als Departementsvorsteher verpflichtet, an dieser Kommissions-Aussprache teilzunehmen. Was schert solche Pflicht, wo doch die Chance lockt, vor gleissenden Medienscheinwerfern den Londoner Kronprinzen durchs Berner Oberland geleiten zu können. Solches ist - von den Medien gehörig in Szene gesetzt - weit attraktiver als mühsame Rechen- schaftsablage über eine entgleisende Armee-Reform. Soll doch die Nachfolgerin sehen, wie sie den Karren wieder aus dem Dreck zieht...
Ulrich Schlüer