Nr. 25, 26. November 1999

Willkommene Sparringspartner zum Tugend-Beweis
Korruption in den USA
Von Richard Anderegg, Washington

Korruption in den USA? Man schlage bloss eine grössere Tageszeitung auf. Am 16.
November 1999 forderten fünf Konsumentenschutz-Gruppen, darunter die des Vetera-
nen Ralph Nader, vom Büro für Regierungsethik eine Untersuchung über die Umstän-
de, unter welchen der vor vier Monaten zurückgetretene Finanzminister Robert Rubin
den Vorsitz des neuen Riesen unter den Finanzdienst-Konglomeraten, Citigroup, über-
nommen hat.

Rubin müsse beweisen, dass er seinen Einfluss als ehemaliger Finanzminister nicht miss-
braucht habe oder gar honorieren liess, weil er während der Verhandlungen mit Citigroup noch
als Finanzminister die Verantwortung trug für die Aufhebung ganz bestimmter Gesetze, ohne
deren Wegfall Finanzkonglomerate wie Citigroup gar nicht hätten gebildet werden können. Man
ist gespannt, was diese Forderung bewirken wird.

Geschichten

Eine rührende Geschichte zum Thema Korruption brachte die «New York Times» am 18. No-
vember, gleichsam als Wahlhilfe für Präsidentschaftskandidat Al Gore. Dieser sei früher Repor-
ter für die Provinzzeitung «The Tennesseean» gewesen. Dort habe er 1974 einige Mitglieder ei-
ner Stadtregierung der Begünstigung überführt, weil sich diese für entsprechende Abgrenzung
von Bauzonen hätten bestechen lassen. Mit seinem Verleger und der Polizei zusammen habe
Gore damals eine Scheinbestechung organisiert, bei welcher ein Stadtrat bei der Entgegennah-
me von 300 Dollar fotografiert wurde. Das Gericht habe den Beschuldigten allerdings freigespro-
chen, weil man ihm eine Falle gestellt habe.

Gore, vielleicht zukünftiger US-Präsident, ist, kann man aus dieser Geschichte schliessen, mit
der Allgegenwart von Schmierung im amerikanischen Polit-Alltag also sehr wohl vertraut. Das
Vorgehen, vermutete Missetäter mit gezielter Provokation zu entlarven, ist in den USA übrigens
nicht unüblich. Die solcherart Beschuldigten beeilen sich auffallend oft, ihre «Schuld» sofort zu
bekennen - falls das rasche Pauschalbekenntnis zum Verzicht auf weitere Untersuchungen
führt.

Nach Korruption riecht in den USA vor allem die Art und Weise, wie Wahlen finanziert werden.
Der Öffentlichkeit erscheint die Wahlfinanzierung mehr und mehr als «Deal», womit Spender
sich spätere Haltungen von Gewählten erkaufen. Regelmässig ertönen deshalb Rufe nach Re-
form der Wahlfinanzierung. Regelmässig bleiben solche Reformen bereits in ihren Anfängen
stecken. Vizepräsident und Präsidentschaftskandidat Al Gore wandelte selbst schon auf dem
gefährlichen Grat undurchsichtiger Wahlfinanzierung: 1996 kam ihm eine zentrale Rolle bei der
Geldbeschaffung aus asiatischen Quellen zu, was die Demokraten später zu sehr umfangrei-
chen Rückzahlungen illegal gesammelter Gelder zwang. Danach wurden allerdings keine wei-
teren Untersuchungen mehr angestellt...

Gesellschaftsspiel

Korruption, mediengerecht aufgemotzt als Austausch mysteriöser Köfferchen unbekannten,
aber nachhaltig vermuteten Inhalts, ist in den USA alltägliche Medienstory. Legalisiert wurde
sie mit den offiziell anerkannten Lobbyisten, deren Tätigkeit rund ums Kapitol weitgehend trans-
parent ist.

Sie bilden inzwischen einen eigenen lukrativen Wirtschaftszweig. Übrigens: Der Demokrat
Stuart Eizenstat, verantwortlich für das Holocaust-Dossier in der Administration Clinton, führ-
te, wenn jeweilen die Republikaner an der Regierung waren, ein Anwaltsbüro, das sich auf mil-
lionenschwere Lobbyistentätigkeit konzentriert hatte. In die Rolle von Helden wachsen in der
amerikanischen Öffentlichkeit regelmässig jene, die - selbstredend aus rein ethischen Motiven -
den Kampf gegen Korruption plakativ und erfolgreich führen: Anwälte, Journalisten, Pfarrer, So-
zialarbeiter, Buchautoren. Ihnen gilt, wenn sie einen Erfolg landen, ungeteiltes Publikumsinter-
esse. Korruption wird durch die reisserische Mediendarstellung mit all dem sie begleitenden
Nervenkitzel zunehmend zu einem Thema öffentlicher Unterhaltung. Wobei, wenn keine wirk-
lich handfeste Korruption sichtbar wird, auch erfundene Korruption das Publikum in Atem hal-
ten kann.

Korruption wird damit auch zu einer Art Sparringspartner, welchem gegenüber jeder gerne sei-
ne moralisch einwandfreie Haltung plakativ zur Schau stellt. Mit dem Ergebnis, dass zuneh-
mend Tausende mit dem «Verkauf» tatsächlicher oder behaupteter, zumeist «erfolgreich be-
kämpfter» Korruption ein gutes Auskommen finden, besonders in den Medien.

Wer sich im Dreieck Abenteuer, Sittlichkeit und Dollar bewegt, geniesst immer die Aufmerk-
samkeit der Öffentlichkeit. Und das sichert auch Verdienst.

Richard Anderegg

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