Nr. 25, 26. November 1999

«Mangelndes Interesse» verhindert Landtransporte von Kosovo-Rückkehrern
Flugzeug bevorzugt
Von Thomas Meier, Zürich

Während Monaten war ein organisierter Transport von Kosovo-Flüchtlingen aus der
Schweiz in ihre Heimat auf dem Landweg nicht möglich, weil die erforderlichen Be-
willigungen der Transitländer fehlten. Doch jetzt, nachdem langwierige Verhandlun-
gen geführt worden sind und endlich alle Genehmigungen vorliegen, können die be-
reits organisierten Bustransporte nicht durchgeführt werden - die Flüchtlinge ziehen
das Flugzeug als Verkehrsmittel für die Heimreise dem Autocar vor.

Sichtlich zufrieden waren die Vertreter des Bundesamtes für Flüchtlinge (BFF) an ihrer Presse-
konferenz vom vergangenen Montag. Stolz verkündete Amtsdirektor Jean Daniel Gerber, dass
bereits 11'839 der in die Schweiz gekommenen Kosovo-Flüchtlinge wieder in ihr Land heimge-
kehrt seien.

Fehlende Bewilligungen

Man erinnert sich an die Vorgeschichte: In den ersten Wochen nach dem Ende des Kosovo-
Krieges lief die Rückkehr der weit mehr als 60'000 in die Schweiz gelangten Personen denk-
bar schlecht an. Einerseits waren Flugreisen noch kaum möglich, weil der Direktflug nach
Pristina im Kosovo damals nicht gestattet und der Flughafen von Skopje in Mazedonien völlig
überlastet war. Aber auch auf dem Landweg konnte die Heimreise nicht erfolgen, weil die zu-
ständigen Schweizer Behörden es in geradezu skandalöser Weise versäumt hatten, bei den
Transitländern Italien, Kroatien und Mazedonien rechtzeitig um die erforderlichen Durchreise-
bewilligungen nachzusuchen. So konnten selbst die rückkehrwilligen Kosovo-Albaner nicht
nach Hause reisen. Während in den Monaten Juli und August aus allen europäischen Aufnah-
meländern Scharen von Flüchtlingen in ihre Heimat strömten, sassen in der Schweiz Tausen-
de von Flüchtlingen fest.

Geplante Bustransporte

In der Folge schickten sich unsere Behörden an, das Versäumte nachzuholen. Es wurde fleis-
sig verhandelt, und am 26. Oktober erhielt Bundesrat Joseph Deiss schliesslich vom mazedo-
nischen Aussenminister Aleksandar Dimitrov, der zu einem Besuch in Bern weilte, die Erlaub-
nis für den Transit von Kosovo-Rückkehrern auf dem Landweg durchMazedonien.

Sofort nahm das BFF die erforderlichen organisatorischen Arbeiten in Angriff. Innert einer Wo-
che war alles für den ersten Landtransport mit Autocars bereit. Dieser hätte am 22. November
stattfinden sollen. 200 Personen waren als Teilnehmer für die erste (gratis angebotene, weil
vollumfänglich vom Bund finanzierte) Reise vorgesehen, mehrere tausend sollten noch bis En-
de Jahr folgen. Doch es kam alles anders.

«Zu geringes Interesse»

Zehn Tage vor dem ersten Termin gab die BFF-Sprecherin Virginie Claret einer Nachrichten-
agentur auf Anfrage bekannt, dass man die geplante Busfahrt habe absagen müssen. Auch
alle weiteren Landtransporte bis Ende Jahr seien annulliert worden. Der Grund dafür ist ge-
mäss Claret, «dass das Angebot bei den Flüchtlingen auf ein zu geringes Interesse stiess».
Nur gerade 23 Personen hätten sich für die Reise angemeldet. Mit anderen Worten: Für die
immer noch mehr als 50'000 Kosovo-Flüchtlinge in der Schweiz sind bis auf weiteres keine
Rückreisen auf dem Landweg mehr geplant. So bleibt noch das Flugzeug, das von Menschen
aus dem Kosovo offensichtlich als Transportmittel bevorzugt wird.

Die geschilderten Vorgänge sprechen für sich und bedürfen keiner Kommentierung. Sie sind
geradezu exemplarisch für die verfehlte Asyl- und Flüchtlingspolitik unseres Landes.

Schlusslicht Schweiz

Anstelle eines Kommentars drängen sich zwei Fragen auf: Zum einen: Worauf stützt sich die
vor einigen Tagen zur Schau gestellte Zufriedenheit der Flüchtlingsbeamten in Bundesbern über
den Verlauf der Rückkehr der Kosovo-Flüchtlinge? Etwa auf die Tatsache, dass mit rund 11'800
Personen weniger als ein Fünftel der vor dem Kosovo-Krieg in die Schweiz geflüchteten Men-
schen unser Land wieder verlassen hat? Ist man stolz darauf, dass der Rückkehreranteil in der
Schweiz in der Höhe von unter 20 Prozent im internationalen Vergleich bei weitem der tiefste
ist? Man scheint beim BFF zu übersehen, dass aus Deutschland bis Ende Oktober gut 50 Pro-
zent und aus allen anderen Aufnahmeländern der Welt über 90 Prozent der Kosovo-Vertriebe-
nen nach Hause zurückgekehrt sind.

Sodann sei die weitere Frage erlaubt, wie denn der Bundesrat, nachdem alle Landtransporte
annulliert worden und keine neuen geplant sind, seine Forderung umsetzen will, dass bis zum
31. Mai 2000 alle Kosovo-Flüchtlinge unser Land verlassen müssen. Das dürfte nach Adam
Riese schwierig sein; bei monatlich 4000 mittels Sonderflügen in ihre Heimat zurückgebrach-
ten Personen wird es noch mindestens 12 Monate dauern, bis alle der verbliebenen rund 50'000
rückreisepflichtigen Kosovo-Albaner unser Land verlassen haben...

Thomas Meier

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