Nr. 25, 23. Oktober 2009

Glossen von Arthur Häny
Am Tag der Ehemaligen

Noch immer thront der schöne, lichte Bau dort oben auf dem Hügel! dachte er. Wie lange Jahre habe ich dort unterrichtet – und fast doppelt so lange ist’s her, seit ich Abschied genommen habe. Und dennoch ist’s mir, als wäre ich eben gestern noch dort gewesen!

Von der Tramstation herkommend, betrat er den Park, der zum Bereich dieser Schule gehörte. Hier hatte einst rechterhand eine wundervolle Silberpappel gestanden, die ihre weisse Watte zuzeiten weit ausstreute. Wo war sie nur hingekommen? Er stieg die erste Treppe hinan, kam an dem runden Tempelchen vorbei, das immer noch an irgendeine ferne, feudale Vergangenheit des Parks erinnerte, und bestieg dann, links abbiegend, die nächste Treppe. Schon kam die Ecke des Gymnasiums in Sicht. Bald schwebte es in seiner ganzen Länge vor ihm, weiss und leicht wie ein Geisterschiff. Er ging noch die schräge Rampe hinan – und schon hatte er den Eingang erreicht.

Diese Schule feierte nämlich einen runden Geburtstag. Und so hatte sie ihre einstigen Lehrer und Schüler zu einem «Tag der Ehemaligen» eingeladen. Es wurden Filme gezeigt, Animationen und Werbespots, und bald schon sammelten sich die Gäste in der grossen Halle zum Aperitif. Auch er tauchte hinein in diese gedrängten Scharen und suchte in der Fülle der Unbekannten nach Bekannten. Gewiss, es gab sie noch hier und da, aber man erkannte sie oft erst auf den zweiten Blick: So lange hatte man einander nicht mehr gesehen. Und wenn man sich wieder erkannte, bemerkte man unweigerlich die Wirkung der Zeit. Das Alter hatte von allen Ehemaligen seinen Tribut gefordert, hatte oft tiefe Kerben in die Gesichter geritzt. Einstmals hochgewachsene Männergestalten gingen gebeugt, und grosse, leuchtende Frauenaugen waren klein und matt geworden… Er freute sich aber, dass er keine einzige Person antraf, an die er sich ungern erinnert hätte. In unserem Innern, dachte er, sind wir uns alle gleich oder wenigstens ähnlich geblieben; das Alter ist nur ein schäbiger Mantel, den uns die Jahre halt überwerfen…

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Man setzte sich an langen Tischen zu einem rustikalen Mahl. Das Stimmengewirr der vielen Gäste schwoll ständig an, und als dann schliesslich ein Pianist die ganze Halle mit seinem Ragtime übertönte, stieg der Lärmpegel derart, dass es schwierig wurde, sich zwanglos auch nur mit den nächsten Nachbarn zu unterhalten. Er fragte sich, wer eigentlich ein solches Gedröhne vergnüglich finde. Wurde es hierzulande erst dann recht gemütlich, wenn man kaum mehr sein eigenes Wort verstand? Er hielt dem Lärm eine Zeitlang stand, die Gespräche wurden aber unter diesen Umständen so mühsam, dass er sich entschloss, sein Ehemaligen-Dasein abzukürzen. Und das, bevor noch das Essen zum Dessert vorgerückt war! Nachdem der Kollege zu seiner Linken sich auch schon empfohlen hatte, verabschiedete er sich herzlich von all seinen Tischnachbarn und verliess die Halle.

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Er trat hinaus in die Stille der Nacht und atmete die Frische des Spätsommers ein. Über die lange Rampe ging es wieder hinab in den Park, der nunmehr schon dunkel war, und das weisse Geisterschiff auf dem Hügel schwebte allmählich weg, tauchte hinein in das grosse Dunkel.

Die grelle Musik hallte noch eine Zeitlang nach in ihm, mitsamt den geführten Gesprächen. Er sagte sich: Ein Ehemaliger unter Ehemaligen warst du heute, wie seltsam! Die Zeit macht uns ja alle nach und nach zu Ehemaligen, wir können an keiner Station unseres Lebens dauernd verweilen. Er hatte einige seiner einstigen Schüler getroffen – sie waren zum Teil schon ergraut. Und die Kollegen von damals waren fast ausnahmslos pensioniert. Er selber aber hatte an diesem Gymnasium ja gar nicht ausgeharrt bis zum Ende des Schuldiensts. Wegen eines notgedrungenen Wohnungswechsels war er an eine andere Kantonsschule übergetreten, die von seinem neuen Wohnort aus viel leichter zu erreichen war. Eigentlich schade! dachte er. Nach dem Wiedersehen mit diesem herrlich leichten, von japanischer Luzidität erfüllten Bau musste er jenen Entschluss fast bedauern. Freilich war das jugendliche Aussehen des Gebäudes auch irreführend; das Alter war auch an ihm nicht unbemerkt vorübergegangen. Zehn Jahre lang hatte man es renovieren müssen, bevor es wieder so blendend aussah!

Ein «Ehemaliger» war er also heute gewesen – was für ein seltsames Wort! Einer, der ein andermal in Aktion gestanden hatte, einer von ehedem, ein Vergangener gleichsam! Er fühlte sich aber durchaus nicht so. Was war das für ein rätselhaftes Wesen, die Zeit, welche die einen hochhob und die anderen fallen liess – welche die Jungen stürmisch antrieb und die Alten stillschweigend beiseite schob? Die Zeit, die niemals stillstand, ruheloser als der Wind, und alle mit Unrast erfüllte? Ein Umstand erschien ihm aber doch tröstlich: dass er auch nach über dreissig Jahren manch alte Bekannten wieder erkannt hatte. Das bewies doch, dass etwas Bleibendes im Menschen steckte; dass es ein Etwas gab, das der alles mitreissenden Zeit widerstand.

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Er fuhr mit der Strassenbahn ins Zentrum der Stadt zurück und musste umsteigen an jenem zentralen Platz, der von einem hohen, gotisch anmutenden Kaufhaus und zwei schwergewichtigen Banken umgeben war. Das fahle elektrische Licht kam ihm wie künstlicher Mondschein vor. Eine steinerne Einsamkeit umgab ihn, in der sich da und dort ein paar Menschen bewegten. Die mächtigen Bauten wirkten in dieser nächtlichen Atmosphäre entseelt und leer. All die pompösen Fassaden, hinter denen sich tagsüber die Lust- und Trauerspiele der Finanzen und des Kommerzes ereigneten, kamen ihm in der bleichen Beleuchtung ganz unwahrscheinlich vor. Er fröstelte. Es steckte in alledem etwas Fremdes drin, zu dem er sich nicht mehr zugehörig fühlte. War er auch in dieser Stadt ein Ehemaliger? War er von anderswo für ein paar Stunden zurückgekehrt in diese unwirkliche Wirklichkeit?

Er freute sich, dass bald darauf die Strassenbahn auftauchte, die er brauchte, um heimzufinden: Dorthin, wo er gegenwärtig war und zu Hause.

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Arthur Häny