Nr. 25, 3. November 2006

Eine Parabel auf den Verlust der Wehrkraft
Ein Trojaner in Bern
Von Dr. Daniel Regli, Zürich

Schon sehr lange hatte der BöFei (Böse Feind) mit Argwohn auf die helvetische Alpenfeste geblickt. Diese Frechheit! Diese Unabhängigkeit seit eh und je! Das war doch schon abzusehen, als der rebellische Bauerntrupp sich damals gegen Könige und Kaiser aufzulehnen begann!

Diese Rosinenpicker! Bauen seit Jahrhunderten ein friedliches und begütertes Staatswesen, während die Nachbarvölker sich die Köpfe einschlagen und ihre Länder in Schutt und Asche legen.

Ende des Sonderfalls?

Ohne Ende heckte BöFei Pläne aus, um diesem "Sonderfall" endlich ein tragisches Ende zu bereiten. Und tatsächlich, die Leichen des Zweiten Weltkrieges waren eben erst begraben, stand da eines Tages ein riesiges Holzpferd an der Schweizer Grenze bei Basel. Aufschrift: "Dem wohlverdienten Schweizervolk, das mit Gottesfurcht, Fleiss, Bescheidenheit, Gemeinsinn und Wehrwillen zu grossen Ehren gekommen ist."

Das ist doch schon mal was! Endlich erkennen die "grossen" Nachbarn unsere Stärke. Doch aus Bern kommt Alarm. Ein gebildeter Funktionär warnt, das Präsent nicht zu importieren, bevor das Innere des Bauches untersucht sei. Man wisse ja nie!

Glücklicherweise fanden sich keine Soldaten im Hohlbauch, und so konnte die edle Gabe getrost auf den Bundesplatz transportiert werden. Umgehend strömten die Massen nach Bern, um das Kunstwerk zu bestaunen.

Schön war der Koloss nicht gerade. Sein filigraner Körper ruhte unförmig auf vier wuchtigen Bein-Säulen. Jede von ihnen war übersät mit einer Unzahl von Texten, Plakaten und Rätseln. Tag und Nacht scharten sich die Helvetier um die wundersamen Schriften, um ihren Sinn zu entziffern. Wer nicht nach Bern pilgerte, erfuhr genügend durch Zeitung, Radio und Fernsehen.

Bald hatte jede Säule ihren Namen:

Nr. 1 war die Rousseau-Säule. Ihre Texte proklamierten: Du bist gut! Deine Bedürfnisse sind gut! Lass Dich nicht von Eltern, Kirche, Schule und Staat prägen! Sonst verlierst Du Dein wahres Ich. Zurück zur Natur! Lebe Deine Sinnlichkeit! Deine edle Wildheit! Lass Deinem Ego freien Lauf! Verweigere Dich jeder Autorität über Dir! Du bist der Boss! Das bringt echtes Glück.

Nr. 2: die Marx-Säule. Thema: Niemand hat das Recht, besser dran zu sein, als Du es bist. Niemand darf reicher sein. Du bist die Norm! Allen gehört alles, also gehört alles Dir. Familie, Kirche, Unternehmertum sind einengende, entfremdende Überbleibsel aus reaktionärer Zeit. Löse Dich aus ihren Fesseln! Sprenge ihre Ketten! Die staatliche Gemeinschaft, die Kommune, das ist der wahre Wert. Gib Deine Kinder bei uns ab! Geh morgens fischen, nachmittags philosophieren! Bilde Dich weiter! Geh ins Museum! Mach Dir keine Sorgen! Kultiviere Deine Bedürfnisse! Der Staat wird schon für Dich aufkommen.

Nr. 3 erhielt vom Volksmund sogleich den Namen "Sex-Säule". Sie propagierte Texte des berühmten Wiener Nervendoktors (Freud), des amerikanischen "Sexbetrügers" (Kinsey) und des Vaters der 68er-Bewegung (Marcuse). Thema: Das Wichtigste im Leben ist Sex! Weil Du nicht von Kindsbeinen an Deine Sexualität ungehemmt ausleben durftest, bist Du neurotisch geworden. Komm und leg Dich auf die Couch! Erzähl von Deinen Träumen und Trieben. Wir sagen Dir, wer Du bist und wie Du endlich freikommst. - Gib Deiner Lust nach! Unabhängig von Zivilstand, Geschlecht und Altersbarrieren. Lass alles vom Eros durchdrungen sein! Sex ist ein revolutionärer Akt. Make Love not war! Alles klar?

Nr. 4 war die Narko-Säule. Hier kamen die Helvetier gar zur Lektüre von "Welt-Literatur". Hesses und Huxleys Schriften forderten auf, Weisheit und Glück des Lebens mit Meditation und Drogen im Fernen Osten zu suchen. Was sollte noch der christliche Schrott von Gut und Böse. Hindus und Buddhisten haben's da einfacher. Alles fliesst. Alles ist relativ. Alles ist möglich. Shangri-La. Im Bösen hat's auch Gutes, im Guten auch Böses. Grenzen lösen sich auf. Definitionen werden hinfällig. Meditationen, und Drogen öffnen neue Pforten der Wahrnehmung. Kundalini und Kalachakra auf dem Weg zum Nirvana. Du und der Kosmos. Ihr seid eins! Du bist Gott! Noch Fragen?

Vier-Säulen-Politik

Bald schon bald war die Mehrheit des Schweizer Volkes von der Vier-Säulen-Politik begeistert. In wenigen Jahren hatte BöFei die Helvetier egoisiert, kommunisiert, psychotisiert und narkotisiert. Schnellstens realisierten wirbellose und willfährige Politiker die Vier-Säulen-Politik. Das Staatswesen begann zu zerfallen. Das herrisch gewordene Volk entledigte sich des Anstandes, des Gehorsams, des Verzichts, des Fleisses, der Opferbereitschaft, der Treue.

Nun rast die Lebensdauer von Ehen und Familien gegen Null. Neugeborene, die das Glück haben, den Mutterbauch zu überleben, übergibt man dem staatlichen Personal. Krippen, Horte und Schulen unterweisen dann die Kleinen in ihren legitimen Rechten. Später puscht man sie ins Gymi und an die Unis. Auf dass sich ja niemand dumm vorkomme! So "gestählt" gehen sie dann hinaus ins Leben, nur um beim ersten Wehwehchen zu Mama Staat zu eilen und eine lebenslange IV-Rente zu ergattern.

Die Exzellenz der Schweizer Wirtschaft ist weitgehend verpufft. Ehemals stolze Unternehmen machten Konkurs oder mussten an ausländische Investoren verkauft werden. Die staatliche Bürokratie wächst ins Uferlose. Ein wachsendes Heer von "Staatsdienern" produziert eine endlose Flut von Papieren. Tausende von Kommissionen diskutierten die Vorzüge des Vier-Säulen-Paradieses. Zehntausende von Funktionären sind damit beschäftigt, den "Fortschritt" noch zu optimieren. Staatsschulden explodieren. Narkotisierte Richter torkeln in ihre Amtsstuben und sprechen die Übeltäter frei. Die Ungerechtigkeit hat längst überhand genommen.

Polizisten verkommen zu Steuereintreibern, die die Staatsfinanzen mit Parkbussen aufmöbeln. Die Armee wird zur Farce. Liberale Politiker und vor allem Politikerinnen degradieren die Offiziere zu Friedenstauben und die Soldaten zum Aufräumen. Dem Geheimdienst verordnen sie Lachnummern. Die Nationale Sicherheitspolitische Kommission ist in den Händen einer Frau, die nicht mal die Sicherheit der Embryos im Mutterleib garantieren will.

BöFei hat ganze Arbeit geleistet. Spöttisch erzählt er nun in den Nationen vom "kranken Mann am Gotthard"; von der ehemals kämpferischen Nation, deren Autorität nun gebrochen ist und deren Kassen jetzt gierigen Händen offenstehen. Und sie kommen, die Bedürftigen aller Länder, um sich an Helvetiens Fleischtöpfen gütlich zu tun. Gemeinsam mit ihren schweizerischen Gesinnungsgenossen holen sie sich nun ihren Obolus von den Ämtern. Und, was ihnen der Staat nicht gibt, nehmen sie sich auf eigene Faust auf Schulhöfen und in Einkaufszonen…

Bald kann BöFei zum nächsten Schritt seines Planes übergehen. "Casus belli"? Ach, wer kann denn schon Latein?!

Daniel Regli