Nr. 25, 2. November 2001

Meldet Euch, Leute, kassiert, greift zu!

Endlich erhalten wir eine praxisgerechte Antwort auf die tiefschürfende Frage im alten Lied- lein «Wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld?». Haben Sie schon mal etwas gehört von der «Stiftung solidarische Schweiz» ­ kürzer bezeichnet als «Solidaritätsstiftung»? Das ist eine famose Einrichtung, welche dereinst tüchtig gemolken werden kann. Jede Milchkuh müsste vor Neid erblassen, sofern sie das könnte.

Erfunden wurde die Solidaritätsstiftung damals, als den Bundesräten aus purer Angst vor einer Gruppe erpresserischer Amerikaner die Herzen in die Hosen rutschten. Stellt Euch vor, liebe Leute: für «gute Zwecke» eine jährliche Verhökerung der Zinsen von 1300 Tonnen angeblich überflüssigen Goldes der Nationalbank. Die Stiftung soll, so heisst es, «zur Linderung von Armut, Krankheit und Ausgrenzung» beitragen. Ferner soll sie die «Bildung und die Entwicklung zu selbständigen und sozial verantwortlichen Personen» sowie «die soziale, kulturelle und politische Integration» fördern. Und schliesslich wird sie helfen (Zitat) «beim Aufbau von Strukturen einer funktionsfähigen und demokratischen Gesellschaft»... Amen!

Mit dieser Superstiftung kann bei genauem Überlegen so ziemlich alles unterstützt werden! Zum Beispiel die ­ wie man politisch korrekt schreiben muss ­ dringend nötige Integration von Ausländern, seien sie nun soldatenverprügelnder, kirchenbesetzender oder gewöhnlicher Natur. Noch etwas inten- siver als bisher können potenzielle Asylanten unterstützt werden, die in ihren angestammten Ländern bereits den Koffer packen und auf das Reisegeld warten, um in die Schweiz zu kommen. Auch noch anderes müsste die Solidaritätsstiftung ihrem Zweck entsprechend mit Geld absegnen. Zum Beispiel einheimische Süffel, Drögeler und Spitzbuben jeden Kalibers, denn gerade diese haben es speziell nötig, zu «sozial verantwortlichen Personen» gefördert zu werden. Dafür steckte man sie früher zwar ins Chefi, aber heutzutage sind wir halt gefühlsduseliger. Den Braten schon lange gerochen haben diverse sich vorwiegend selber helfende Hilfswerke ­ sie schnurren vor Freude über die Solidaritätsstiftung wie sieben Kater hinter dem Ofen.

Sollen jetzt wir «Normalen», das heisst Sie und ich, wieder einmal leer ausgehen? Wir wären schön blöd und wollen auch öppis! Schliesslich hat vor 200 Jahren ein gewisser August Schnezler gedichtet «Gold und Silber lieb¹ ich sehr, kann¹s auch gut gebrauchen»! Wenn die Stiftung schon «beim Aufbau von Strukturen einer funktionsfähigen Gesellschaft» helfen will, dann schaffen wir halt solche Strukturen. Warum sollte denn diese spendable Stiftung nicht auch die Gründung einer ehrenwerten «Organisation von Freunden schweizerkreuzverzierter Hosenträger», einer «Vereinigung von Besitzern leerer Brief- taschen» oder einer «Interessengemeinschaft seriöser Geldabzocker» und so weiter finanziell unter- stützen? Alle solchen Vereine würden mit Sicherheit den Anforderungen einer funktionsfähigen und demokratischen Gesellschaft gerecht, man muss nur die Statuten etwas anpassen.

So, das wär¹s. Ich bin mir natürlich bewusst, dass manche Leserin und mancher Leser jetzt den Kopf schüttelt über meine Schnöderei und meint, ich sei halt doch ein schäbiger Eidgenosse und ewiger Kritikaster. So ist es denn an der Zeit, dass auch ich endlich «zur selbständigen und sozial verantwort- lichen Person» umerzogen werde. Ich werde mich bei der Solidaritätsstiftung melden für einen Beitrag auf Grund des Stiftungszweckes «Bildung und Entwicklung». Das erhaltene Geld schicke ich den Gebrüdern Grimm als Dank für ihre lehrreiche Geschichte vom Hans im Glück, welcher bekanntlich schon lange vor dem Schweizervolk seinen Goldklumpen verlölet hat...

Ernst Tschanz