Nr. 25, 2. November 2001

Historische Entwicklung und gegenwärtige Brisanz
Der Fundamentalismus im Islam

Die radikale Ideologie der fundamentalistischen Islamisten richtet sich fast ausschliesslich gegen westliche Dominanz, vor allem gegen die ­ wie sie sagen ­ «hegemoniale Arroganz» der Amerikaner, mithin auch gegen die eigene Unterlegenheit, die subjektiv zugespitzt wird.

Woher rührt der Hass dieser Tage, der islamistische Heisssporne zur Ermordung Tausender von unschuldigen Zivilisten treibt? Die Antwort liegt in freimütigen Schlachtrufen, die Osama Bin Laden 1998 mehrmals in Fernsehinterviews und in Printmedien (u. a. «Time Magazin») öffentlich erschallen liess. Darin forderte er alle Muslime auf, «Kreuzritter und Juden» zu töten, eine Stossrichtung, welche die Wurzeln des fanatischen Islam offenbart: Die amerikanische Politik im islamischen Raum und der jüdisch-palästinensische Konflikt. Heute kann niemand so tun, als hätte man «es» nicht längst wissen können, und die vielen Geheimdienste mit ihren Milliarden-Budgets müssen eine historische Blamage hinnehmen.

Spuren
Die Spuren der ideologischen Verformung beginnen nicht etwa erst im Sechstagekrieg mit der depri- mierenden Schlappe für die Araber. Die erste Spur führt nach Kairo und zurück in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Damals regte sich in Ägypten Widerstand gegen das britische Empire, das Ägypten, am strategisch wichtigen Suezkanal gelegen, seit 1882 beherrschte. Mit den Briten hatte am Nil auch die westliche Kultur Einzug gehalten: Literatur, Wissenschaft, Film und Sitten orientierten sich an westlichen Vorbildern, und davon blieb auch die Religion nicht verschont. Der Einzug der westlichen Moderne begann zu polarisieren: Die Traditionalisten bliesen zum Kampf gegen das «Heidentum», von einer «Schlacht gegen die neuen Kreuzritter» war die Rede ­ ein Ausdruck, der von Hassan al-Banna geprägt wurde. Der frühere Volksschullehrer vereinte die selbsternannten Verteidiger eines reinen Islam, die sich fortan «Muslimbrüder» nannten, womit die Bewegung geboren war, die heute allgemein als «islamischer Fundamentalismus» verstanden wird. Bereits 1940 unterhielt diese Bruderschaft 500 Zentren, alle ausgestattet mit einer Moschee, einer Schule und einem grossen Versammlungsraum. Hassan al-Banna war allerdings noch kein Prediger von Gewalt.

Terror-Fundament
Die Bewegung strahlte stark in den Rest der arabischen Welt, und als britische Truppen im Zweiten Weltkrieg das Nilland bevölkerten, wuchs der Zustrom enorm. Noch immer galt der Kampf nicht den verhassten Briten, sondern den «von westlichen Ideologien infizierten» eigenen Politikern sowie der «vom westlichen Lebensstil befallenen Bevölkerung». Der Kern des Unfriedens sollte ausgelöscht werden: Deshalb liess der ägyptische Geheimdienst Hassan alBanna 1949 ermorden, wodurch das Fundament für den kommenden Terror gelegt war. Schon bald danach gründeten die Muslimbrüder einen bewaffneten Zweig. Nach der Revolution gegen König Faruk 1952 geriet bald auch der nachmalige Präsident Gamal Abd an-Nasser ins Visier. Der nationalistische Nasser mit seiner säkularen und sozialistischen Stossrichtung war für die Muslimbrüder ebenso ein «Heide» wie die ägyptischen Herrscher vor ihm.

Ein zweiter Schauplatz rückte ins Zentrum islamischer Aktivitäten: Palästina. Die Palästinenser wurden in ihrem Guerillakampf gegen die Juden im britischen Mandatsgebiet jahrelang massiv unterstützt. Neuer Chefideologe der Muslimbrüder wurde Sajjid Qutb, der heute als Leitfigur der Islamisten gilt. Nach einem Studienaufenthalt in den USA wurde er immer mehr zum harten, dogmatischen Islamisten. Als Inbegriff des westlichen Imperialismus empfand er den jüdischen Staat. Nach der brutalen Niederlage im Sechstagekrieg 1967 gegen Israel radikalisierte sich das fundamentalistische Gedankengut; es folgte die Abkehr vom Westen, der «hinter dem zionistischen Feind» stehe.

Am 6. Oktober 1981, dem Jahrestag für den Beginn des Jom-Kippur-Kriegs im Jahre 1973, wurde der damalige ägyptische Präsident und Friedensnobelpreisträger Anwar as-Sadat zum prominentesten Opfer des Fundamentalismus. Nach dem tiefen Vorstoss 1973 in die damals von Israel besetzt gehal- tene Halbinsel Sinai am höchsten jüdischen Feiertag endete der Krieg zwar in einem Patt, doch war es das erste Mal seit 1948, seit Beginn des Nahost-Konflikts, dass Israel nicht zu triumphieren vermochte. Ein Erfolg, der aus ägyptischer Sicht in erster Linie einem Mann zu verdanken war, dem treuen Gefolgs- mann Nassers und nachmaligen Minister, Parlamentspräsidenten und Vizepräsidenten: Anwar as- Sadat, der nach dem Tod Nassers im September 1970 ins höchste Staatsamt nachrückte. Die anfäng- liche Bewunderung und Liebe zum Präsidenten schlugen mit seiner fortschreitenden Hinwendung zum Westen in Hass um.

Camp David
Den Höhepunkt bildete das Abkommen von Camp David, in welchem Ägypten als erstes arabisches Land mit Israel Frieden schloss ­ das Abkommen wurde zum Killer! Das Friedenspapier wurde 1979 unterzeichnet, ein Jahr, das in doppelter Hinsicht als Wendepunkt für die islamistische Bewegung gelten muss: Im Iran stürzte der fanatische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini den im Volk als «Knecht der Amerikaner» verhassten Schah vom Pfauenthron und errichtete ein Regime, wie es von der Form her auch den arabischen Muslimbrüdern vorschwebte: einen Gottesstaat, der auf der islamischen Rechtsprechung (Scharia) basiert und sich als Gegenpol zur lästigen westlichen Hegemonie in der muslimischen Welt verstand.

Genau das hatten auch viele der Mudschaheddin im Sinn, die in Afghanistan (ebenfalls) 1979 in den heiligen Krieg gegen die Invasionstruppen der Sowjetunion zogen. Aufgebrachte Islamisten aus aller Welt strömten in das zentralasiatische Bergland südlich der Sowjetunion, wo es den ersten grossen Krieg gegen die «gottlosen Imperialisten» zu führen galt. Diesen Aspekt blendeten die USA fahrlässig aus, als sie für die Mudschaheddin Partei ergriffen, sie massiv unterstützten und im kalten Krieg kurzsichtig missbrauchten: Die Gotteskämpfer waren ein hochwillkommenes Instrument zur Eindäm- mung der Grossmachtpolitik Moskaus für einen weiteren Vorstoss in Richtung Westen. Nach dem Motto: «Der Feind meines Feindes ist mein Freund» unterstützte der US-Aussengeheimdienst CIA die Kämpfer und züchtete so die Kräfte, die sich alsbald gegen die USA selbst wenden sollten.

So wurde Afghanistan zum Exerzierplatz für islamistische Fanatiker, zum tollen Treibhaus pervertierter Ideologen. Nach dem Sieg gegen die Sowjets trug ein guter Teil der rund 50'000 Afghanistan-Kämpfer das islamische Feuer auf andere Schlachtfelder der Welt: nach Kashmir, Tschetschenien, Tadschiki- stan, Bosnien-Herzegowina und Algerien. Die übrigen Mudschaheddin kehrten in ihre Herkunftsländer zurück und setzten sich dort weiter für ihre Ideale ein ­ in erster Linie gegen die US-Politik im arabi- schen Raum gerichtet.

Bin Ladens Organisation
Und es geschah etwas, mit dem niemand gerechnet hatte: Statt sich aus den Augen zu verlieren, blieben viele der Mudschaheddin von Algerien bis zu den Philippinen miteinander in Verbindung. Dies war das Verdienst von Osama Bin Laden, der noch vor Kriegsende eine effiziente Organisation gründete: «al-Qaida» (die Basis) zur Vernetzung von Afghanistan-Kämpfern, militanten islamistischen Gruppen und in den Westen infiltrierten Islamisten zur weiteren Steigerung der Gewaltbereitschaft. Mit seinem Krieg gegen «Kreuzritter und Juden» richtet er sich nicht nur gegen westliche Regierungen, sondern auch gegen unbescholtene Zivilisten in aller Welt. «Die Muslime erleben den Westen als technisch und militärisch überlegene Zivilisation, die im muslimischen Raum einzig an Ressourcen und Marktvorteilen interessiert ist (...) Je mächtiger die westliche Vorherrschaft empfunden wird und je repressiver die eigene Regierung sich zu etablieren versucht, desto breiter und tiefer wird im Volk die Unterstützung für die Islamisten, die zu ruchloser Gewalt aufrufen» (Urs Gehriger im «Tages-Anzeiger»). Im Disput gehen zwei Dinge vergessen: Erstens ist die grosse Mehrheit der Muslime nicht gewalttätig, der Koran hat zu keiner Zeit in keiner Weise die Anwendung von Gewalt legitimiert. Und zweitens vergessen die Ame- rikaner auf ihrem Trip in die Hegemonie mit weltweiter Machtusbreitung ihre Mitschuld am islamisti- schen Frust!

Die Islamisten geben naiv überzeugt vor, einen Kampf für eine «gerechte Welt» führen zu müssen, und immer häufiger mischen sie ihre wahnhaften Vorstellungen mit heftiger Kritik an der Globalisierung; in ihrer Terminologie finden sich sozialistische Begriffe zuhauf. Deshalb können die «für das Gute» rebel- lierenden Islamisten auf eine breit gefächerte Sympathie bei den Linken aller Schattierungen im Westen zählen, solange sie keinen brutalen Blutzoll verursachen. Aus diesen Kreisen schwillt die Kritik an den USA stark an.

Die Einkommenskluft eint
Auch die Einkommenskluft zwischen Arm und Reich sensibilisieren Islamisten gleichermassen wie Globalisierungsgegner sowie die Linke rund um die Welt, deren Verständnis füreinander zunimmt. Dies zwar sehr oberflächlich, in der Vernetzung der aufgewühlten Gemüter aber ungemein wirkungsvoll. Auch wenn der «reiche Westen» (ebenso hochverschuldet) an diesen Entwicklungen nicht unschuldig ist, dürfen die Probleme des unterschiedlichen «Reichtums» nicht einfach den Industriestaaten, allen voran den USA, in die Schuhe geschoben werden. Falsche Ideologien (vor allem Kommunismus und Sozia- lismus), undemokratische Strukturen sowie die Macht und die Misswirtschaft vieler Despoten in der dritten Welt tragen die Hauptschuld an deren Rückständigkeit. Das übersehen die Kritiker liebend gern, weil sie der Selbstkritik wenig fähig sind. Insbesondere die Welt des Islam mit weltweit über einer Milliarde Menschen hadert mit diesen Tatsachen, die allerdings zuletzt mit fanatischem Fundamen- talismus bekämpft oder überwunden werden können.

WH