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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 27. Oktober 2000
Die "richtige"
Bundesratskandidatur
Beerlis
Berner Befund
Jetzt wissen wir also, wer aus der Sicht von Frau Christine Beerli - die freilich am liebsten sich selbst als Kandidatin küren möchte - als SVP-Bundesrat tragbar ist. Und auch Herr Adalbert Durrer ist freigebig mit Ratschlägen, wen die SVP vorzuschlagen habe, auf dass er ins hoch- wohllöbliche Kollegium passt. Für beide, für Frau Beerli wie für Herrn Durrer, ist klar: Der zukünftige SVP-Bundesrat darf das Etikett SVP zwar schon tragen. Aber sonst muss er vor allem gegen die SVP sein.
Soeben haben Basler Wähler der SVP und ihrem auch in Basel dezidiert vertretenen Programm - Lan- desinteressen vor aussenpolitischen Eskapaden, weniger Bürokratie, weniger Steuern - endlich ener- gischer Kampf gegen Asylmissbrauch etc. - einen eindrücklichen Wahlerfolg beschert. Um so vehe- menter fordern Beerli, Durrer und Co., dass niemand, der dieses SVP-Programm vertritt, in die Landes- regierung aufgenommen werden dürfte. EU-Gegner haben - verkünden die Beerlis und die Durrers - im Bundesrat nichts verloren. Auch dann nicht, wenn sie mit ihrer Position eine Mehrheit im Land vertreten würden. Auch Uno-Gegner, Gegner von Ausland-Einsätzen der Armee, Gegner der Nato-Annäherung gehören nach dem Willen des Berner Machtkartells in die politische Verbannung.
Das, was diese machtversessenen Mitesser am fett gewordenen Berner Kuchen mit ihrem arroganten Ausschliesslichkeits-Anspruch zu verteidigen vorgeben, das belieben sie als «Konkordanz» zu bezeich- nen. Als ob der Wille zur Einbindung aller starken politischen Kräfte in die Regierungstätigkeit in unserer direkten Demokratie je die Ausgrenzung von politischen Programmen, die von repräsentativen Wähleranteilen mitgetragen werden, verlangt hätte. Die Absicht des Beerli-Clubs ist klar: Sie rechnen sich Chancen aus, einige SVP-Exponenten derart ins Bockshorn jagen zu können, dass diese sich plötzlich an Kandidaturen Gadient oder Siegrist oder von andern, die bei entscheidenden Vorlagen notorisch gegen die SVP stimmen, zu begeistern beginnen - den Wählerauftrag dabei glatt vergessend. Wäre sich das Berner Machtkartell seiner Sache sicher, dann müssten seine Träger eigentlich den Mut aufbringen, die SVP in die Opposition zu verweisen. Dieser Mut fehlt ihnen. Weshalb für die SVP nicht der geringste Anlass besteht, für die Bundesratswahl am Samichlaustag einen Kandidaten oder eine Kandidatin zu nominieren, der oder die jene SVP-Überzeugungen, die beim Wähler seit Jahren grossen Anklang finden, nicht in allen wesentlichen Teilen mitträgt.
Ulrich Schlüer