Nr. 25, 27. Oktober 2000

Zur Erinnerung an Theophil Sprecher von Bernegg
Dieu et Patrie
Von Ernst Walder, Kilchberg

Im Jahre 2000 jährt sich zum 150. Mal der Geburtstag von Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg (1850-1927). Die «Schweizerzeit» nimmt das Jubiläum zum Anlass, um ihren Lesern den grossen Staatsmann und seine gradlinige, beeindruckende Haltung vorzustellen.

Mein erster Eindruck von diesem grossen Eidgenossen geht auf meine frühe Jugend, die Zeit vor Aus- bruch und während des 2. Weltkriegs, zurück. Ich liebte es, am Abend in der Dorfkäserei den Gesprä- chen der Bauern zuzuhören, die ihre Milch ablieferten. Unter dem Eindruck der politischen Ereignisse unterhielten sie sich oft über ihre militärischen Erlebnisse während der Grenzbesetzung 1914-18. Dabei hörte ich erstmals «was Wille will und Sprecher spricht, dem füge Dich und murre nicht». Wann immer der Name Sprechers fiel, geschah das im Ton vorbehaltlosen Respekts, der grössten Hochachtung, ja der Verehrung. Dieser Eindruck entspricht dem, was Bundesrat Scheurer am 10. Dezember 1927 am Grab des verstorbenen Generalstabschefs sagte: «Oberstkorpskdt Sprecher gehörte zu denjenigen Erscheinungen, die, wo sie auftreten, die Augen auf sich ziehen und denen wie von selbst die Achtung und das Vertrauen der Mitmenschen zufällt.» Der Nachruf im «Schweizer Soldat» vom Dezember sagte u. a. Folgendes: «Es ging wie ein elektrischer Schlag durch Reih und Glied, wenn er für Augenblicke irgendwo gesehen wurde. Wir wussten , dass wir auf diesen Mann bauen konnten. Es ging von ihm eine ganz besondere und ganz eigenartige geistige Wirkung aus.»

Dieser Spross eines ausserordentlich tüchtigen Walser Geschlechtes, grossgewachsen und hager, mit einem Willensstärke ausstrahlenden, durchgeistigten Kopf, der an einen grossen Senator des alten Rom erinnert, persönlich anspruchslos, tief religiös, vornehm durch und durch, stellte sich vorbehaltlos in den Dienst der Res publica, wobei er nie eigene Interessen verfolgte, sondern stets der Sache verpflichtet war. Wie ein Zeitgenosse richtig sagte, waren «Dieu et Patrie» die Leitsterne seines Lebens.

Nachstehend skizzieren wir in aller Kürze seine Laufbahn: vor 150 Jahren in Maienfeld als Sohn von Landammann Anton Herkules Sprecher von Bernegg geboren. Gymnasium in Basel, anschliessend Immatrikulierung an einer deutschen Akademie für Forst- und Landwirte. Nach dem Tod des Vaters Abbruch des Studiums (1870), um die Bewirtschaftung der Güter seiner Familie zu übernehmen. 1871 Gemeinderat von Maienfeld, 1877 Wahl zum Stadtpräsidenten. 1880 Hauptmann i Gst, Wahl als Verwaltungsrat der Vereinigten Schweizer Bahnen, Abgeordneter im Grossen Rat Graubündens, 1881 Verwaltungsrat der Bank für Graubünden. 1882 Landammann des Kreises Maienfeld, Mitglied (später Präsident) des Bezirksgerichts Unterlandquart. 1886 Stabschef der VIII. Division. 1891 Oberst i Gst, Stabschef des IV. Armeekorps. 1897 Kdt einer Infanteriebrigade; Mitglied (später Präsident) des VR der Rhätischen Bahn; Mitglied des bündnerischen Kantonsgerichtes. 1901 Oberstdivisionär, Kdt der Gott- hardbefestigungen. 1902 Kdt der VIII. Division, 1905 Chef der Generalstabsabteilung unter Beibehaltung des Kommandos der VIII. Division. Massgebliche Mitarbeit zur MO 1907. 1909 Oberstkorpskdt, Kdt des IV. Armeekorps (neben Tätigkeit als Chef der Generalstabsabteilung). Erarbeitung der TO 1912 (gegen den Widerstand von Ulrich Wille).

Wir gehen etwas näher auf die Umstände der Generalswahl vom 3. August 1914 ein, weil sie den Charakter von Sprechers sehr gut zeigen: In der Wahlbehörde, der Bundesversammlung, bestand eine klare Mehrheit zugunsten des Bündners. Der Bundesrat dagegen und viele hohe Offiziere unterstützten die Kandidatur Wille. In dieser Situation begab sich Wille zu seinem Konkurrenten, um ihn inständig zu bitten, er möge auf die Generalswürde verzichten. Sprecher tat diesen Schritt, weil er die emotionelle Debatte im Bundeshaus als unwürdig, als für die Schweiz schädlich empfand und weil er eine Spaltung des Offizierskorps vermeiden wollte. Wir zitieren hier die Reaktion von Nationalrat Heinrich Walther, dem Königsmacher der damaligen KK: «In allen Fraktionen hatte die Erklärung von Sprechers, dass er freudig neben General Wille als Generalstabschef arbeiten werde, tiefen Eindruck gemacht. Diese Erklärung von Sprechers wird in der Geschichte die Charaktergrösse dieses edlen Mannes immer leuchten lassen.» Sprecher wurde anschliessend zum Generalstabschef der Armee ernannt. Es zeigte sich sofort, wie gut er gearbeitet hatte: Die von ihm vorbereitete Mobilmachung verlief schnell und friktionslos, was im Ausland einen starken Eindruck machte.

Klare Positionen
Der Milizoffizier von Sprecher, der erst 1905 mit seiner Wahl als Chef des eidg. Stabsbüros (der heuti- gen Generalstabsabteilung) ins Bundeshaus übertrat, nahm auch immer wieder Stellung zu politischen Fragen. Seine Haltung kommt sehr schön im Leitartikel des «Bündner Tagblattes» vom 24. Dezember 1895 zum Ausdruck, wo er die Leitplanken für die publizistische Tätigkeit der Zeitung festlegte. Lassen wir ihn selbst sprechen: «Unser Blatt soll auf dem Boden der christlichen Weltanschauung stehen So können auch evangelische und katholische Christen nicht anders, als sich zusammenfinden im Kampfe gegen die materialistische Geistesrichtung unserer Zeit, diesen Gifthauch, der alle Blüten echter Kultur zu ersticken droht.» Zum Föderalismus: «Der Bundesstaat ist es, der die Wohlfahrt der Schweiz gegründet hat, und nur auf dieser Grundlage kann diese Wohlfahrt weiter gefördert werden. Wie sollte es anders möglich sein, ohne einen unleidlichen Zwang auszuüben, die grundverschiedenen Interessen der Industrie- und Gebirgskantone, der Städte und Länder zu befriedigen?» Weiter: «Die Zentralisation mit ihrer Schutztruppe, der Bureaukratie, ist überall und zu allen Zeiten der schlimmste Feind aller wahren Freiheit gewesen. Was von Kantonen und Gemeinden geleistet werden kann, das sei diesen vorbe- halten, denn nur im kleinen Kreise vermag sich die Grosszahl der Bürger, die nicht Berufspolitiker sind, sich mit zu betätigen. Auf dieser allgemeinen Teilnahme der Bürger am öffentlichen Leben beruht der grosse Vorzug unserer demokratischen Staatseinrichtungen.»

Zur Gesetzesinflation bemerkte von Sprecher, die Bundesbehörden sollten ihre Energie auf eine gute Landesverwaltung konzentrieren und nicht ständig eine Vermehrung der Gesetze anstreben, «die nur damit enden kann, dass der stolze, selbständige republikanische Bürger zum abhängigen Untertan der allein gesetzeskundigen Beamtenkaste wird». Zu sozialistischen Konzepten: «Was ehedem das absolute Königtum war, das ist heute der nach radikalem Rezept ausgebildete, allmächtige, keine wohlerworbenen Rechte mehr achtende Staat. Dies Dogma ist aber nichts anderes als die Negation aller Freiheit und der Gedanke, aus dem die sozialistische Tyrannis herauswächst. Ihm gilt unsere schärfste Opposition.»

Zur Neutralität: 1919, nach seinem Ausscheiden aus dem Bundesdienst, - unter Verzicht auf die ihm zustehende Pension - kehrte von Sprecher in seine bündnerische Heimat, nach Maienfeld zurück. Dort nahm er mit aller Energie den Kampf gegen den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund auf, weil mit diesem Schritt die Aufgabe der integralen Neutralität verbunden war. Lassen wir ihn auch hier selbst sprechen (aus seinem militärischen Gutachten vom 12. April 1919):

«Die Frage des Beitritts zum Völkerbund berührt unsere militärische Stellung und die Landesverteidi- gung in ihrem Innersten Ein Staat ist nur selbständig, wenn er sein Dasein auf eigene Kraft stützen kann und will. Durch den Eintritt in den Völkerbund geben wir diesen Willen zur Selbständigkeit auf. Die Zugehörigkeit zu diesem Bunde der Grossen, zu der neuzeitlichen Heiligen Allianz wird in Bälde zum bequemen Ruhekissen für alle diejenigen werden, die nur auf die Gelegenheit warten, die Last der Wehrpflicht von sich zu werfen, die beim ungestörten Erwerb und bequemen Genuss ihnen im Wege ist, ja diese Zugehörigkeit wird unfehlbar zum wichtigen Hebel des Antimilitarismus werden Ich kann nur unbedingt erklären, dass ich den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund als das Aufgeben der Selb- ständigkeit und immerwährenden Neutralität und als ein Unglück betrachten würde.»

An einer anderen Stelle sagte er Folgendes: «Im Begriff der Neutralität lag von alters her schon und vor allem der Grundsatz der Nichteinmischung in fremde Händel. Dieser Grundsatz war und ist für die Schweiz von der allergrössten Wichtigkeit und dessen Aufgabe führt uns hinsichtlich der inneren und äusseren Politik in die schwersten Gefahren. Der Beitritt zum Völkerbund bedeutet aber nichts anderes als die Preisgabe dieses leitenden Grundsatzes unserer bisherigen äusseren Politik.» Und: «Die Neutralität ist kein Kleid, das mit der Mode wechseln kann.» Leider folgte die Mehrheit des Volkes der Auffassung Sprechers nicht und erkannte erst nach den schweren Erfahrungen der dreissiger Jahre, wie richtig er auch hier gesehen hatte und wie weise der Ratschlag dieses grossen Mitbürgers, der sich immer an grundsätzlichen, langfristigen Überlegungen ausrichtete, gewesen war.

Ernst Walder