Nr. 25, 27. Oktober 2000
Streit in den USA über
Unruhen im Nahen Osten
Amerikanischer Araberhass
Von Richard Anderegg, Washington
Die Auswirkungen des Wiederaufflammens der tiefen Feindschaft zwischen Israel und den Palästinensern beschränken sich nicht auf den Nahen Osten. In den Vereinigten Staaten, die nach fünfzig Jahren weiterhin das eigentliche Hinterland Israels bilden, gleichzeitig aber als das wichtigste Einwanderungsland der Welt auch Millionen von Arabern beherbergen, haben die blutigen Unruhen tiefe Risse aufgebrochen.
In den USA findet zur Zeit eine heftige Debatte über den ausgebrochenen Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern statt. Besonders gehässig läuft der Streit im Osten Amerikas ab. Die Berichterstattung in den grossen Blättern und in den Fernsehketten ist zwar insgesamt weitgehend sachlich und ausge- wogen. Allerdings spürt man deutlich, dass die Korrespondenten eher Sympathien für Israel hegen.
Scharfe
Töne
Eine Reihe bekannter
Persönlichkeiten und Kolumnisten schlug in der aktuellen Diskussion Töne an,
die in ihrer Parteinahme gegen die Palästinenser und gegen die Araber masslos
waren. Die auch ausserhalb der USA bekannten konservativen Kolumnisten Edward
Luttwak und Charles Krauthammer übernahmen völlig unkritisch die von israelischen
Stellen verbreitete Version, wonach die Palästinenser unbewaffnete Demonstranten
vorschicken, damit auf sie geschossen wird und so in der Welt Sympa- thien
gewonnen werden können. Der Kommentator Michael Kelly meinte in der «Washington
Post»:«Die Palästinenser wollen kein friedliches Zusammenleben. Sie wollen
Krieg. Sie wollen Juden tot haben oder weg haben.» Nach Auffassung der «New
York Post» geht es den Palästinensern darum, «die Juden aus dem Nahen Osten
zu verdrängen, und zwar aus jedem Quadratmeter». George Will, ein gebildeter
konservativ-katholischer und sonst für die strikte Logik seiner Argumente
bekannter Kolum- nist, verlieh seiner Meinung Ausdruck, dass Ministerpräsident
Barak mit seinen Verhandlungen Israels Existenz aufs Spiel setze und dass
die aktuelle Bedrohung Israels «mit der Judenvernichtung in der Nazi-Zeit
vergleichbar» sei. Der jüdische Kommentator Sidney Zion schrieb, die Konfrontation
zwischen dem Islam und dem Westen sei so alt wie die Geschichte. Bill Clinton
solle sich dies hinter die Ohren schreiben. Der rechtskonservative Kommentator
Cal Thomas schliesslich ermunterte Israel, «so viel Land zu annektieren, wie
es kann, und es nie mehr herauszugeben».
«Teichschlamm»
Die deutlichsten
Worte kamen von Nicht-Journalisten. Ric Keller, Kandidat aus Florida für einen
repu- blikanischen Sitz, erklärte am 12. Oktober 2000 an einer Wahlversammlung:
«Für mich sind Palästi- nenser niedriger als Teichschlamm.» Der ehemalige
Erziehungsminister William Bennett hielt am 14. Oktober in einer Rede fest:
«Es gibt keine moralische Äquivalenz zwischen Israel und den Palästinen- sern.
Letztere sind eine Nation der Gewalt und des Terrorismus, Israel dagegen steht
für Demokratie und Frieden.»
In die Ablehnung der Palästinenser mischt sich häufig Araberhass. So erklärte der bekannte Pfarrer Franklin Graham an einer am Fernsehen übertragenen Grossveranstaltung in Kentucky vom 14. Okto- ber: «Die Araber werden so lange nicht glücklich sein, bis jeder Jude tot ist. Sie hassen Israel und die Juden. Gott aber gab das Land den Juden, das steht in der Bibel. Die Araber werden das nie akzep- tieren.» Den Vogel aber schoss die elektronische Web-Zeitschrift «Slate» ab. Sie ist ein Pionier- Versuch des Microsoft-Konzerns, eine elektronische Informations-Zeitschrift gewinnbringend zu verkaufen. Am 13. Oktober überraschte der Kolumnist Scott Shuger die Bildschirmleser mit seinem Kommentar zur Ermordung von zwei israelischen Soldaten in Ramallah, in dem er wörtlich schrieb, die Täter seien «a piece of shit posing as human beings» (ein Stück Kot, dass sich als menschliches Wesen ausgibt) und die Palästinenser seien «the other turds» (die anderen Kotstücke). Diese massive verbale Entgleisung passt gut zur Haltung zahlreicher Medien, Ausschreitungen von Israelis zu verharmlosen. So ist zum Beispiel ein Vorfall, bei dem israelische Siedler mehrere Palästinenser zu Tode geprügelt und einen von ihnen lebendigen Leibes verbrannt haben, in den US-Medien nicht oder bloss am Rande erwähnt worden.
Auswirkung
der Wahlen
Die Verantwortlichen der in Amerika tätigen Organisation «Arab-American
Antidiscrimination Commit- tee» sehen sich durch die zahlreichen Zeichen eines
vorhandenen tiefen Araberhasses, der besonders im Osten des Landes und unter
politisch oder religiös aktiven Amerikanern verbreitet ist, überrascht. Andere
Vereinigungen, etwas das «American Committee on Jerusalem», schlagen besänftigende
Töne an und versuchen, auf eine einvernehmliche und friedliche Lösung im Nahen
Osten hinzuarbeiten. Der Einfluss dieser Organisationen auf die amerikanische
Politik ist allerdings gering. Zu nahe sind die Wahlen. Mit Blick auf die
finanzstarken jüdischen Interessen-Gruppierungen haben beide Präsident- schaftskandidaten
einvernehmlich betont, dass Israel ihr Freund und Schützling sei. Dabei bleibe
es, wer auch immer zum Präsidenten gewählt werde. Da verwundert es nicht,
dass Israel schon länger einen Übernamen trägt: «Einundfünfzigster Bundesstaat
der USA».
Richard Anderegg