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Der
aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer
am
19. November 1999 zum Thema Steuereinnahmen
Pfründen-Verteidiger
Es ändert nichts
- trotz des SVP-Erdrutschs in den Wahlen vom 24. Oktober. Weiterhin
verteidigen die unablässig auswuchernden öffentlichen Verwaltungen mit
Klauen und
Zähnen alles, was sie sich in den letzten Jahren - in Jahren klarer «bürgerlicher
Mehr-
heiten» - an Steuereinnahmen unter den Nagel zu reissen verstanden. Nichts
geben
sie mehr her. Gerät in Zürich die Erbschaftssteuer in Gefahr, steigt selbst
der eidgenös-
sische (freisinnige!) Einnahmensicherungs-Minister, lebhaft unterstützt
von der «libera-
len» NZZ, auf die Barrikaden: Was der Staat hat, das will er behalten.
Selbst wenn er
ehrlich versteuerte Ersparnisse zum zweitenmal abzockt.
Obwohl Herr Villiger
- sein Amt veröffentlicht dazu Jahr für Jahr wahre Fluten bunter Graphiken
-
nur allzu genau weiss, dass die internationale Konkurrenzfähigkeit des
Produktionsstandorts
Schweiz vor allem durch das exorbitante Wachstum der Staatsquote (darin
verzeichnet die
Schweiz den Rekord unter den Industrieländern!) bedroht ist. Doch Theorie
und Praxis sind
zweierlei. Was die Verwaltung einmal hat, das gibt sie nicht mehr preis
- und selbst freisinni-
ge Finanzminister und «bürgerliche» Kantonsregierungen übernehmen die
Rolle der Bluthunde,
die ergatterte Einnahmen zähnefletschend verteidigen. Es bedarf schon
eines - erfolgreichen,
aber unbequem-aufsässigen - Unternehmers, der kurzerhand mit Abwanderung
bedeutender,
arbeitsplatzintensiver Betriebe droht, bis es den Behörden ob der Zeichen
der Zeit endlich zu
dämmern beginnt.
Derweil behauptet
der Bundesrat, endlich die «definitive Lösung» gefunden zu haben, damit
die
Schweiz nie mehr so unter Druck geraten könne, wie sie vor gut zwei Jahren
anlässlich der aus
den USA lancierten erpresserischen Angriffe auf unser Land in den Schwitzkasten
genommen
wurde. Auf dass ähnlich klägliches Regierungs-Versagen für alle Zeit abgewendet
werde, sei in
der Bundesverwaltung ein neuer PR-Dienst, etwa der siebenundzwanzigste
seiner Art, zu schaf-
fen. Dieser habe unser «Image» in der Welt zu vermarkten und allfällig
drohende Krisen frühzei-
tig zu erkennen. Der neue Verwaltungszweig koste jährlich «nur» etwa 14
Millionen, zusätzlich
allerdings noch ein paar Milliönchen für den darin eigens vorgesehenen
USA-Zweig. Die Krise,
bewirkt durch jämmerliches Versagen einer vor unflätigen Angriffen kuschenden
Regierung, soll
also dadurch behoben werden, dass der Verwaltung eine neue Pfründe angegliedert
wird - ein-
mal mehr mittels Schröpfung der Steuerzahler. In seiner Angst vor unbequemem
Entscheiden,
in seinem Schlotter vor selbstbewusstem Auftreten, in seiner nicht enden
wollenden Verantwor-
tungsscheu will der Bundesrat einmal mehr irgendwelchen mit Spitzenlöhnen
ausgestatteten
Beamten eine Krise zur Verwaltung und Administrierung übergeben, wo diese
doch allein aus
der Tatenlosigkeit und Unschlüssigkeit der Regierung heraus entstanden
ist. Für solche Verant-
wortungsabschiebe-Übungen scheint in öffentlichen Kassen weiterhin unendlich
Geld herumzu-
liegen.
Ulrich Schlüer
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