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Nr.
24, 19. November 1999
Befiehlt das Machtkartell
der
Wahlverlierer?
Zauberformel am Ende
Von Nationalrat Ulrich Schlüer, Flaach ZH
Festgelegt wurde die Zauberformel 1959, anlässlich einer historischen
Vierervakanz
in der Landesregierung. Als ihr «Erfinder» gilt der damalige CVP-Generalsekretär
Ro-
senberg. Mit der Zauberformel sollen die Bundesratssitze allerdings
nicht einfach will-
kürlich den stärksten Parteien im Land reserviert werden. Nach jahrelangem
Geran-
gel um Einfluss in der Landesregierung einigten sich 1959 die vier
stärksten Parteien
der Schweiz im Sinne langfristiger Konkordanz vielmehr auf einen verbindlichen
Ver-
teilschlüssel, der fortan für die Zusammenarbeit in der Landesregierung
ausschlagge-
bend sein sollte.
Der
in der Nationalratswahl gesamtschweizerisch erzielte Wähleranteil - dies
beinhaltet die
Zauberformel - begründet den Anspruch jeder Partei auf Bundesratssitze.
Aufbauend auf die-
sen Grundsatz, hatten CVP, SP und FDP von 1959 bis 1999 Anspruch auf
je zwei, die SVP
als in diesen vierzig Jahren kleinste Regierungspartei Anspruch auf
einen Bundesratssitz.
Neues
Kräfteverhältnis
1999
veränderten die Wähler das Kräfteverhältnis allerdings deutlich: Die SVP
ist nicht mehr
Juniorpartner, sie ist jetzt, gemessen am erzielten Wähleranteil, stärkste Partei
im Land. Dies
verursacht Nervosität. Vor allem die Wahlverlierer fordern, die Zauberformel
müsse - trotz SVP-
Sieg - erhalten bleiben. Oberflächlich, wie ihre Sprecher sind, ist ihnen
offensichtlich selber
nicht klar, was sie mit dieser Forderung verlangen:
Wer
heute die Beibehaltung der Zauberformel fordert, der verlangt die Respektierung des
am
24. Oktober 1999 eingetretenen Wahlresultats, also den Verzicht der CVP auf
einen ihrer bei-
den Bundesratssitze zugunsten der SVP, deren Anspruch auf einen zweiten
Sitz gemäss Zau-
berformel nicht bestritten werden kann. Der immer stärker zu hörende
Ruf nach «Beibehaltung
der Zauberformel» meint allerdings anderes: Er verteidigt das Machtkartell
der Wahlverlierer, die
alles beim alten bleiben lassen wollen, die den Wählerwillen nach
«mehr Regierungsverantwor-
tung für die SVP» mit allen Mitteln zu hintertreiben suchen.
Gelähmter
Bundesrat
Im
Blick auf den Wähler ist zunächst festzuhalten: Die Zauberformel beruht
auf einer von vier
Parteien in völlig eigener Kompetenz getroffenen Abmachung. Sie ist nicht
in der Bundesverfas-
sung verankert. Nirgends wird den Parteizentralen der grossen oder sich
als gross fühlenden
Parteien das Recht eingeräumt, die Verteilung der Bundesratssitze unter
sich alleine auszu-
machen.
Die
Wählerinnen und Wähler stellen sich bezüglich zukünftiger Landesregierung
ganz andere
Fragen: Ist eine auf der Grundlage der (echten oder verfälschten) Zauberformel
gewählte Landes-
regierung überhaupt noch fähig, jene gravierenden Probleme, die in
der Schweiz dringendst an-
zupacken wären, endlich entschlossen einer Lösung entgegenzuführen?
Anders gefragt: Wes-
halb erweist sich unsere Landesregierung seit Jahren als unfähig,
dem Asylproblem endlich bei-
zukommen? Warum gelingt es der Schweiz - in bedenklichem Gegensatz
zu den umliegenden
Ländern - offensichtlich nicht, die rasche Rückführung der Kosovo-Albaner,
die in ihrer Heimat
heute weder bedroht noch materieller Not ausgesetzt wären, endlich durchzusetzen?
Warum
gelingt es unserer Landesregierung offensichtlich nicht, den Finanzhaushalt
der Schweiz end-
lich in Ordnung zu bringen, die Schuldenwirtschaft endlich zu überwinden?
Warum vermag der
Bundesrat Massnahmen lediglich immer wortreich zu beschwören, Lösungen
aber längst nicht
mehr durchzusetzen? Wie lange ist noch hinzunehmen, wie sich die Landesregierung
in zuhauf
einberufenen Medienkonferenzen zwar immer wieder wortreich selber
inszeniert, die zentralen
Probleme unseres Landes aber ungelöst belässt?
Der
Sinn der Zauberformel
Eigentlich
sollte die Zauberformel doch garantieren, dass unsere Landesregierung ihre
Ent-
scheidungen mit einer grossen Mehrheit von gegen achtzig Prozent der Wählenden
im Rücken
sollte treffen können. Mehrheiten, von denen Regierungen in Nachbarländern
nur träumen kön-
nen. Doch trotz solch satter Mehrheit bleiben die zentralen Probleme
der Schweiz im Jahre
1999 weiterhin ungelöst.
Wer
die Lage unvoreingenommen prüft, der erkennt rasch, weshalb sich unser
derzeitiges Re-
gierungssystem selber lahmlegt: Die Zauberformel kann die Regierungsfähigkeit
der Landesre-
gierung nicht mehr garantieren. Weil die Zauberformel verhindert, dass
wirklich starke Persön-
lichkeiten mit ausgewiesenen Führungsqualitäten je in die Landesregierung
gelangen. Das
Machtkartell der grossen Bundesratsparteien verhindert geradezu gesetzmässig
einen starken
Bundesrat. Das zeigt sich überdeutlich im Verhalten der Wahlverlierer
vom 24. Oktober 1999
der SVP gegenüber: Keiner der Verlierer will eine starke SVP-Persönlichkeit
in der Landesre-
gierung, die - so befürchten die Verhinderer - die Regierungsarbeit allenfalls
gar dominieren
könnte. Höchstens guter Durchschnitt wird für die Landesregierung
akzeptiert, keine Spitzen-
persönlichkeit!
Ob
solches Ausbremsen der Fähigen dem Willen der Wählerinnen und Wähler tatsächlich
ent-
spricht? Ob die Zusammensetzung des Bundesrats weiterhin dem Machtkartell
der Wahlverlie-
rer zu überlassen ist? Ob nicht das Volk endlich selber - mittels Volkswahl
des Bundesrats -
zum rechten sehen will?
Ulrich
Schlüer
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