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Nr.
24, 19. November 1999
Verratene
Neutralität
- Verräterische Wortklauberei
«Kerngehalt»
Der Bundesrat und die Neutralität
«Im Prinzip», beteuert der Bundesrat unablässig, bekenne er sich weiterhin
zur Neu-
tralität. Allerdings zu einer Neutralität, die auf ihren «Kerngehalt» einzugrenzen
sei.
In regelmässigen Abständen ist dieses Bekenntnis zu vernehmen.
Ausserhalb
dieses «Kernbereichs» - pflegt die Landesregierung immer beizufügen - wolle
Bern
künftig jeden nur denkbaren Spielraum nutzen, um - trotz Neutralität - «Solidarität»
mit der «in-
ternationalen Staatengemeinschaft» zu demonstrieren, «Sicherheit
durch Kooperation» in die
Tat umzusetzen.
Der
Bundesrat ist durchaus bereit zu umschreiben, was er unter «Kerngehalt»
der Neutralität
versteht: Mittels Respektierung der auf ihren Kerngehalt reduzierten Neutralität
erkläre die Lan-
desregierung die uneingeschränkte Nicht-Parteinahme im Falle eines
offenen, völkerrechtlich
formell erklärten Krieges zwischen fremden Staaten, insbesondere
zwischen Staaten in unse-
rer unmittelbaren Nachbarschaft. Würde, mit andern Worten, Frankreich
morgen oder übermor-
gen Deutschland den Krieg erklären, dann würde sich die Schweiz gemäss
Bundesrat in die-
sem Krieg neutral verhalten.
Man
fragt sich unwillkürlich, was die Landesregierung vom Souverän eigentlich
hält, wenn sie
ihm ein derart unsinniges, aus heutiger Sicht völlig unwahrscheinliches
Szenario für den soge-
nannten «Neutralitätsfall» überhaupt präsentiert. Zumal dem Bundesrat
gleichzeitig beharrlich
gar nichts einfällt im Blick auf die dutzendfach grassierenden tatsächlichen
Kriege und bewaff-
neten Konflikte der Gegenwart. Diesen Konflikten gegenüber - Kosovo, Osttimor,
Tschetsche-
nien, Pakistan-Indien, usw., usf. - will sich der Bundesrat eben
«alle Optionen offenhalten», bis
hin zur Einmischung im Gefolge anderer Mächte, vor allem der Nato! Solches
sei, behauptet
der Bundesrat denn auch dreist, «neutralitätsrechtlich unbedenklich».
Und munter schickt er
Truppen nach Kosovo, missbraucht er die Armee als Staffage für demonstratives
ministerielles
Händeschütteln von Verteidigungsministern im Ausland, werkelt er an Berufsarmee-Modellen
herum, untergräbt er die Miliz, verlegt er Wiederholungskurse schweizerischer
Einheiten be-
wusst, kostspielig und sinnlos ins Ausland - nach Schweden, nach Österreich...
Die
Kluft zwischen bundesrätlicher Beteuerung und bundesrätlichem Handeln
könnte nicht
grösser sein. Als Fall, der unser Land zu neutraler Haltung verpflichten
würde, wählt er ein Sze-
nario, das im von Menschen heute absehbaren Zeitraum bestimmt nie eintreten
wird, damit er
daneben, seinem eigentlichen, in Uno und Nato strebenden Willen gemäss,
den Ausverkauf
der schweizerischen Neutralität munter vorantreiben kann. Indem er
von Respektierung einer
auf ihren «Kerngehalt» reduzierten Neutralität schwadroniert, streut
er dem Souverän, der wei-
terhin unverrückbar die Respektierung der Neutralität verlangt, böswillig
Sand in die Augen.
Denn
tatsächlich höhlt der Bundesrat die Neutralität laufend aus, bis nichts
mehr von ihr übrig
bleibt...
S
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