Nr. 24, 19. November 1999

GLOSSE und ausserdem ...
Hilfe, es wird alles «weggeschützt» 

Wir sind ganz selber schuld! Bierfläschli, Konservenbüchsen, Zigarettenpäckli, Schoko-
ladepapiere und anderes Zeug haben wir auf den Boden geworfen. Richtige Söiniggel
sind wir gewesen, und nun haben wir die Bescherung, denn das Blatt hat sich gewen-
det: Eifrige Natur- und Umweltschützer sind auf den Plan getreten - sie übertreiben är-
ger als der abgebrühteste Glossenschreiber, und das will etwas heissen! Jetzt wird uns
die Natur ganz legitim «weggeschützt».

Verehrte Leserinnen und Leser älteren Semesters, erinnert Ihr Euch noch, wie wir seinerzeit als
Kinder im Weiher baden konnten? Plötzlich war dort eine Tafel mit dem barschen Text «Baden
verboten». Später wurde sie ersetzt mit der Tafel «Naturschutzgebiet». Und noch etwas später
wurde der ganze Weiher eingezäunt. Damit hatten ihn die Behörden endlich ein für allemal dem
Publikum «weggeschützt». Wer heutzutage hier auch nur die Nase schneuzt, der muss mit ei-
ner Busse rechnen, sogar wenn er das Papiernastuch nach Gebrauch wieder in den Hosensack
steckt.

Und jene alte Kiesgrube, in welcher es einen Wassertümpel hatte? Erinnert Ihr Euch, wie wir
als Buben dort ein Feuer gemacht, dazu Nielen geraucht und Indianerlis gespielt haben? Es
gibt sie zwar noch, die alte Kiesgrube mit dem Tümpel, aber sie nützt den Kindern nichts mehr.
Emsige Umweltschützer haben entdeckt, dass es sich hier angeblich um ein Biotop handelt.
Fazit: «Naturschutzgebiet - Betreten verboten!» - weggeschützt!

Apropos, wenn Eltern und Kinder heutzutage ein Feuer machen, dann riskieren sie sowieso,
dass die Polizei mit Blaulicht und Sirene angefahren kommt, denn aus lufthygienischen Grün-
den ist das Feuern im Freien bekanntlich verboten. Nur die Vulkane im Ausland dürfen noch
qualmen, und gäbe es einen solchen in der Schweiz, dann würden ihm die Behörden sofort
den Krater zumauern lassen. Und was brauchen denn heute die Buben in freier Natur wie In-
dianer an einem Feuer zu sitzen und harmlose Nielen zu paffen? Die sollen mit einem Mopedli
unter dem Hintern zur Disco knattern und dort Zigaretten oder schärferes Zeug rauchen.

Erinnert Ihr Euch noch, liebe Leute, an jenen idyllischen Zeltplatz am Ufer eines Sees, wo der
Vater vor dem Zelt Würste gebrätelt hat und wo man auf dem Campingtisch einen Jass klopfen
konnte mit Müllers von nebenan, während sich die grösseren Kinder im Wasser tummelten und
die Kleinen sich mit nassem Sand verschmierten? Leider befand sich der Zeltplatz in der Nähe
eines Naturschutzgebietes. Weil Fische, Enten und Libellen vom Geruch der Bratwürste sowie
vom Lärm der Kinder und vom Diskutieren der Jassenden gestört wurden, hat die Obrigkeit ver-
fügt, dieser Zeltplatz sei aufzuheben, womit auch er weggeschützt ist. Die Kinder mögen sich
gefälligst auf dem sterilen Spielplatz vor dem Häuserblock unten tummeln. Der Alte soll seine
Würste in der Wohnung auf dem Kochherd bräteln und anstatt mit Müllers zu jassen gescheiter
Schach spielen, das macht weniger Lärm.

Erinnert Ihr Euch noch? Ach was, ich will hier aufhören, sonst fange ich noch an zu heulen und
bekomme böse Briefe von Naturschützern und Grünen. Aber eine Idee hätte ich zum Schluss
noch: Man sollte endlich eine Brille erfinden, welche nicht die Augen des Trägers, sondern die
Natur schützt, damit diese nicht geschädigt wird, wenn wir sie zu sehr anglotzen.

Ernst Tschanz

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