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Der aktuelle Frontseitenkommentar von Chefredaktor Ulrich Schlüer vom 4. November 2005

Bundesrat zu Milliarden-Zahlungen an die EU bereit
Tributpflichtiges Nicht-Mitglied?

Fünf Bundesräte haben es durchgesetzt: Die Schweiz bleibt Brüssel gegenüber in der Zwitterposition: Kein Beitritt zwar, der Rückzug des Beitrittsgesuchs komme aber auch nicht in Frage. Weil Brüssel dieses Gesuch ohnehin als "nichtig" betrachte. Womit besagte Bundesrats-Mehrheit das Verhältnis der Schweiz zur EU also auf einer "Nichtigkeit" aufbauen möchte, die zwar nicht mehr als Ziel, immerhin aber als "Option" weiterverfolgt werde.

Lächerlicher könnte das bundesrätliche Doppelspiel kaum inszeniert werden. Vor allem eines ist ihm anzulasten: Er missachtet den Souverän. Dieser hat inzwischen in mehreren Abstimmungen unzweifelhaft deutlich gemacht, wie er das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union ausgestaltet haben will. Die Initiative "Ja zu Europa" hat er wuchtig verworfen. Allen Bilateralen Verträgen hat er zugestimmt. Die Position ist somit klar: Ja zu bilateralen Vereinbarungen - Nein zum EU-Beitritt. Nur der Bundesrat findet die Kraft nicht, diesen klaren Standpunkt zur offiziellen Position der Schweiz zu erklären.

Dabei wäre der Bundesrat auf eine klare, verständliche Position gegenüber der EU dringend angewiesen. Lanciert Brüssel doch bereits neue Breitseiten gegen die Schweiz: Brüssel will Geld. Zunächst eine volle Milliarde für die neuen Ost-Mitglieder. Bundesrätin Calmy-Rey hat - ohne Auftrag, ohne Rechtsgrundlage - eilfertigst helvetische Zahlungsbereitschaft in Aussicht gestellt. Was die EU umgehend nachdoppeln liess: Sie will jetzt mehrere Milliarden. Volkswirtschaftsminister Joseph Deiss lässt dazu seine Parteipräsidentin, CVP-Nationalrätin Doris Leuthard, in Wien sondieren. Diese findet sich sofort in die Rolle der Wasserträgerin für Brüssel: Die EU hätte "kein Verständnis" für eine Schweiz, die Zahlungen verweigern würde. Das "Verständnis" der Schweizer Steuerzahler scheint Leuthard dagegen nicht erwähnenswert. Dass für die skrupellose Forderung aus Brüssel nicht die geringste Rechtfertigung, geschweige denn Rechtsgrundlage besteht, das gegenüber Wien (das demnächst den EU-Vorsitz übernimmt) in Erinnerung zu rufen, hat EU-Sprachrohr Leuthard sofort vergessen. Auch sie sieht die Schweiz bereits als tributpflichtiges Nicht-Mitglied …

Wenn Brüssel Geld will, muss auch die Schweiz Forderungen auf den Tisch legen: Ein substantieller Kostenbetrag der EU ans Europa-Verkehrswerk Neat ist fällig. Und die sofortige Beendigung der Diskriminierung des Flughafens Zürich-Kloten durch EU-Mitglied Deutschland. Aber Calmy-Rey, Joseph Deiss und Doris Leuthard schweigen: Wer vor bewunderten EU-Piraten an schweizerische Interessen erinnert, könnte sich in Brüssel unbeliebt machen ...


Ulrich Schlüer

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